02.04.2026 Weiterentwicklung der Psychosomatik-Lehre: Ein Interview

Das Marburger interdisziplinäre Skills Lab Maris an der Philipps-Universität Marburg bietet für Medizinstudierende vielfältige Lehrformate, unter anderem in der Psychosomatik. Bereits im ersten klinischen Jahr erlernen Studierende ausführliche Anamnesegespräche mit Simulationspersonen - etwa zu Themen wie Herzangst, Tinnitus, Depression oder somatoformen Schlafstörungen. Im Interview spricht Ju Won Chae, Assistenzarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg und seit Februar 2026 Lehrkoordinator der Klinik, mit Kerstin Thies aus dem Maris über Ziele, Besonderheiten und die Weiterentwicklung des Lehrkonzepts.

Foto: Kerstin Thies
Beobachten, reflektieren, lernen: Anamnesegespräche werden mit Tutorin Annika Stöver sowie Ju Won Chae, Assistenzarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, gemeinsam vor- und nachbereitet.

Herr Chae, Sie sind seit Februar 2026 Lehrkoordinator in der Psychosomatik. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?
Vor allem die Möglichkeit, ein neues Lehrkonzept aktiv mitzugestalten. Zum Wintersemester 2025/26 wird die Lehre in der Psychosomatik neu strukturiert. Ein zentrales Vorhaben ist beispielsweise die Einführung einer studentischen Balint-Gruppe. In solchen Gruppen reflektieren Teilnehmende gemeinsam für sie als belastend erlebte Patient*innenkontakte. Ziel ist es, Studierende frühzeitig darin zu unterstützen, schwierige Situationen besser zu verstehen und zu bewältigen. 

Welche weiteren Ziele verfolgen Sie mit dem neuen Konzept?
Wir möchten insbesondere die Ausbildung studentischer Tutor*innen intensivieren. Geplant sind unter anderem Wochenend-Intensivkurse und vertiefende Angebote, um sie gezielter auf ihre Rolle in den Anamnesekursen vorzubereiten. 

Was ist das Besondere an der Anamnese in der Psychosomatik?
Die Psychosomatik betrachtet Körper und Seele als Einheit. Entsprechend geht es in den Gesprächen nicht nur um Symptome, sondern auch stark um die Beziehungsgestaltung und ein ganzheitliches Behandlungskonzept. In etwa 20-minütigen Einheiten lernen Studierende, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und die sogenannte biopsychosoziale Komponente zu erarbeiten und daraus die therapeutischen Maßnahmen abzuleiten. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle zu verstehen und zu reflektieren. 
Dazu gehört auch die Selbstwahrnehmung: Wie trete ich auf? Wie wirke ich auf mein Gegenüber? Und wie beeinflusst das die Gesprächssituation?

Foto: Kerstin Thies
Studierende trainieren Gesprächsführung im geschützten Rahmen mit Simulationspersonen

Welche Rolle spielen Simulationspersonen in der Lehre?
Das Training mit Schauspielpersonen bietet einen geschützten Raum und ein sicheres Spielfeld, in dem Studierende ausprobieren und lernen können. Besonders wertvoll ist das direkte Feedback – sowohl von den Simulationspersonen als auch von Tutor*innen und Lehrenden.

Was lernen Studierende hier, was im klassischen Unterricht oft zu kurz kommt?
Vor allem den Beziehungsaspekt. Die Arbeit in Kleingruppen und das realitätsnahe Üben ermöglichen intensive Lernerfahrungen, die im klassischen Unterricht häufig fehlen.

Mit welchen Themen arbeiten die Studierenden in den Gesprächen?
Die Bandbreite reicht von Herzangst, Tinnitus und Depression bis hin zu psychoonkologischen,  psychoneurologischen, psychokardiologischen oder chronischen Erkrankungen. Häufig stehen dabei Wechselwirkungen zwischen körperlichen Beschwerden und psychosozialen Belastungen im Mittelpunkt.

Welche Aha-Momente erleben Studierende besonders häufig?
Viele erkennen, wie zentral die Beziehung zwischen Ärzt*in und Patient*in ist. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich das Empfinden von Patient*innen nie vollständig erfassen lässt. Dieses Spannungsfeld zu akzeptieren und respektvoll damit umzugehen, ist ein wichtiger Lernprozess. Nehmen wir als Beispiel das Empfinden von Schmerz: Auch wenn wir wissen, dass auf einer Skala von 1 (sehr schwacher Schmerz) bis 10 (sehr starker Schmerz) die Patient*in/der Patient angibt, dass er*sie auf einer 7 steht: Was heißt 7 von 10 wirklich für die*den Patienten/Patientin? Wir wissen nicht, wie groß die Schmerzen wirklich für das Gegenüber sind!

Welche Bedeutung hat psychosomatische Kompetenz für den späteren Berufsalltag von Ärzt*innen?
Eine sehr große! Körperliche und seelische Prozesse sind eng miteinander verbunden. Die Fähigkeit, diese Zusammenhänge zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, ist für Ärzt*innen im Alltag unverzichtbar.

 Vielen Dank für das Gespräch, Herr Chae!