12.08.2026 Wie Geographie den Blick auf Medizin verändert. Warum Ärzt*innen heute auch geografisch denken sollten

Was hat Geographie mit Medizin zu tun? Weitaus mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Umweltfaktoren wie Hitze, Luftqualität oder regionale Versorgungsstrukturen beeinflussen die Gesundheit von Patient*innen und gewinnen auch für Diagnostik, Prävention und Forschung zunehmend an Bedeutung. Im HABITAT-Projekt arbeiten Geograph*innen und Mediziner*innen deshalb eng zusammen. Im Interview erzählt Chiara Mülverstedt, Medizinstudentin und Projekt-Mitarbeiterin, welche Erfahrungen sie dabei gesammelt hat – und warum interdisziplinäres Denken im Medizinstudium wichtig ist.

Foto: privat
Chiara Mülverstedt, Medizinstudentin und Doktorandin im HABITAT-Projekt, stellt Ergebnisse einer Onlinebefragung vor

Interview mit Chiara Mülverstedt, Medizinstudentin und Doktorandin im HABITAT-Projekt

Wie bist du zum  HABITAT-Projekt gekommen – und was hat dich daran besonders gereizt?
Eigentlich war ich ursprünglich auf der Suche nach einer Doktorarbeit. Schon lange wusste ich, dass mich die Gynäkologie und Geburtshilfe besonders interessieren. Deshalb bin ich nach einer Vorlesung von Professor Wagner auf ihn zugegangen und habe gefragt, ob es in seiner Klinik eine Möglichkeit für eine Promotion gibt. Er hat mir dann den Kontakt zu Frau Dr. Corinna Keil vermittelt, einer seiner Oberärztinnen in der Geburtshilfe, die den geburtshilflichen Teil des HABITAT-Projekts leitet. Als sie mich zu einem Kennenlerngespräch eingeladen hat und mir voller Begeisterung vom
Projekt erzählt hat, wusste ich ziemlich schnell, dass ich unbedingt mitarbeiten möchte. Mich haben Themen rund um den Klimawandel schon lange interessiert und da die Geburtshilfe auch das Fachgebiet ist, in dem ich mich später sehe, wurden hier für mich zwei Bereiche miteinander verbunden, die mich sehr begeistern. Dazu kam, dass mich Frau Dr. Keil mit ihrer Art sofort mitgerissen hat.

Deshalb musste ich nicht lange überlegen und habe mich riesig gefreut, als sie mir nach dem Gespräch mitteilte, dass sie mich gerne in ihrem Team hätte. Besonders gereizt hat mich außerdem, dass es sich um eine klinische Studie handelt, bei der ich direkt mit Patientinnen arbeiten kann. Gleichzeitig hatte ich die Möglichkeit, das Projekt aktiv mitzugestalten. Spannend fand ich auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit, nicht nur mit Mediziner*innen, sondern auch mit Forschenden aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen.

Woran arbeitest du im Projekt konkret und wie sieht deine Mitarbeit aus?
Im geburtshilflichen Teil des Projekts führen wir zwei Studien durch: eine retrospektive und eine prospektive. Ich bin für den prospektiven Teil verantwortlich. Dabei schließen wir schwangere Personen mit einer hypertensiven Schwangerschaftserkrankung, sowie jeweils eine gesunde Kontrollperson in die Studie ein. Die Teilnehmerinnen werden zu drei Zeitpunkten untersucht: bei Studieneinschluss, nach der Entbindung und drei Monate nach der Geburt. Ich erhebe dabei umfangreiche Daten zur Mutter und zum Neugeborenen, fülle gemeinsam mit den Eltern Fragebögen aus und generiere Blutproben der Mutter, Nabelschnurblut sowie Plazentagewebe und bereite diese für die Konservierung und weitere Untersuchungen vor. Außerdem habe ich die Dokumentationsoberfläche in unserer Datenbank erstellt, über die sämtliche Studiendaten erfasst werden. Ein weiterer Teil meiner Arbeit war die Entwicklung eines Fragebogens für niedergelassene Ärzt*innen und Hebammen. Unter Supervision von Expert*innen aus dem HABITAT-Team habe ich diesen Fragebogen erstellt, um das Bewusstsein und den Informationsbedarf zu den Zusammenhängen zwischen Extremwetterereignissen und bestimmten Erkrankungen zu erheben.

Was hast du im HABITAT-Projekt gelernt, das dir im regulären Medizinstudium bisher
nicht begegnet ist?
Sehr vieles. Wie Forschung tatsächlich funktioniert, welche Hürden es gibt und worauf man achten muss, lernt man im Medizinstudium kaum. Bis auf ein paar statistische Grundlagen in der Biometrie war Forschung für mich etwas völlig Neues. Im HABITAT-Projekt habe ich zum ersten Mal in einem interdisziplinären Forschungsteam gearbeitet. Es gab regelmäßige Treffen aller Arbeitsgruppen, bei denen wir uns gegenseitig über den aktuellen Stand informiert, Ideen ausgetauscht und gemeinsam die nächsten Schritte entwickelt haben. Diese Zusammenarbeit fand ich unglaublich bereichernd. Auch wenn ich hauptsächlich die vorbereitenden Arbeiten übernommen habe, also Pipettieren und das Schneiden und Konservieren von Plazentagewebe, war es spannend, auch diesen Teil der Forschung kennenzulernen. Außerdem durfte ich den Fragebogenteil meiner Arbeit auf einem Kongress vorstellen und habe mich zum ersten Mal daran probiert, ein medizinisches Paper zu schreiben, wobei ich sehr viel Rückhalt und Unterstützung durch Frau Doktor Keil erfahren habe.

Hat sich dein Blick auf Medizin durch die Mitarbeit im HABITAT-Projekt verändert?
Wenn ja, wodurch?
Das Projekt hat mir auf jeden Fall gezeigt, wie wertvoll interdisziplinäre Zusammenarbeit sein kann und wie sehr andere Fachrichtungen den eigenen Blick auf medizinische Fragestellungen erweitern. Im klinischen Alltag passiert das meiner Meinung nach viel zu selten. Außerdem habe ich gemerkt, dass Umwelt- und Klimafaktoren in der Medizin bisher häufig noch nicht ausreichend berücksichtigt werden, obwohl sie einen immer größeren Einfluss auf
die Gesundheit der Menschen haben. Nicht zuletzt hat mir das Projekt mit seiner medizinischen Forschung einen ganz neuen Einblick in die Medizin gegeben. Dabei habe ich gesehen, wie unterschiedlich klinische Arbeit und Forschungsarbeit sind und wie herausfordernd es manchmal sein kann, beides
miteinander zu verbinden.

Welche Rolle werden Umwelt- und Klimafaktoren deiner Meinung nach künftig im
ärztlichen Berufsalltag spielen?
Ich bin überzeugt, dass sie künftig eine immer größere Rolle spielen werden. Die Zahl der Patient*innen, deren Gesundheit durch Klimafaktoren und Extremwetterereignisse beeinflusst wird, wird weiter steigen. Deshalb müssen medizinische Versorger*innen verstehen, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf unterschiedliche Erkrankungen haben. Nur so können sie ihre Patient*innen gezielt beraten, für Risiken sensibilisieren und sie
möglichst gut vor gesundheitlichen Folgen schützen. Dafür ist es aber wichtig, dass sie offen für dieses Thema bleiben, sich regelmäßig weiterbilden und bereit sind, diese Entwicklungen aktiv in ihren Berufsalltag zu integrieren.

Was würdest du anderen Medizinstudierenden mitgeben, die überlegen, sich in einem
interdisziplinären Forschungsprojekt zu engagieren?
Macht das auf jeden Fall!
Natürlich kann man seinen Doktortitel auch einfacher und deutlich schneller bekommen, indem man einen bereits vorhandenen Datensatz auswertet. Aber eine klinische Studie von Anfang an mit aufzubauen, sie aktiv mitzugestalten und alle Herausforderungen mitzuerleben, ist eine Erfahrung, die einem niemand mehr nehmen kann. Für mich haben sich durch dieses Projekt viele Türen geöffnet. Ich habe inspirierende Menschen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen kennengelernt, einen intensiven Einstieg in das wissenschaftliche Arbeiten bekommen und mich persönlich enorm weiterentwickelt. 
Ich bin an vielen Stellen aus meiner Komfortzone herausgegangen und habe dabei wahnsinnig viel gelernt. Und mit etwas Glück findet man dabei nicht nur eine Doktormutter oder einen Doktorvater, sondern auch eine Mentorin oder einen Mentor, die oder der einen fördert, motiviert und bei Fragen immer ein offenes Ohr hat, nicht nur für die Doktorarbeit, sondern auch für viele Themen rund um Studium und Berufseinstieg. Genauso eine Mentorin habe ich in Frau Dr. Keil gefunden und bin dafür sehr dankbar.

Vielen Dank für deine Zeit, liebe Chiara!
Das Interview führte Kerstin Thies, Referentin für Didaktik im Maris Marburg