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Fakultäten und Institute an der Philipps-Universität Marburg

Die Medizinische Fakultät

Medizinische Fakultät, Internist E. Schwenkenbecher während einer Vorlesung. Er trägt eine Uniform unter dem Kittel.
Foto: Inst. f. Geschichte d. Pharmazie und Medizin
Prof. Alfred Schwenkenbecher, Marburger Internist, lehrt in Uniform und Arztkittel in einem Marburger Hörsaal

Die Medizinische Fakultät der Universität Marburg zeichnet sich über den gesamten Zeitraum des „Dritten Reiches“ gesehen durch eine hohe Mitgliedschaftsrate ihrer wissenschaftlichen Angehörigen aus. 92 % aller Fakultätsangehörigen waren Mitglied mindestens einer nationalsozialistischen Organisation. Das ist im Vergleich zur gesamten Ärzteschaft wie auch zu anderen Berufsgruppen ein überdurchschnittlich hoher Wert. Erkennbar ist auch, dass insbesondere die jüngeren Oberärzt*innen und Dozent*innen für die nationalsozialistische Ideologie empfänglich waren. Sie hofften bei zumindest angepasstem Verhalten auf bessere Karrierechancen. Allerdings nutzten auch die älteren Ordinarien mögliche Handlungsspielräume kaum. Sie versuchten eher, Partei, Staat und Ministerialbürokratie gegeneinander auszuspielen und überkommene akademische Gepflogenheiten zu wahren. Die administrative Gleichschaltung verlief an der Medizinischen Fakultät ohne erkennbaren Widerstand ebenso wie die Entlassungen politisch und „rassisch“ verfolgter „Dozent*innen. Angesichts des virulenten Antisemitismus‘ war hier die Zahl jüdischer Professor*innen und Studierender zudem erkennbar geringer als an anderen Standorten. Mediziner*innen waren nicht nur als Lehrende bzw. Forschende an der Universität tätig, sondern sie behandelten als Ärzt*innen auch Patient*innen und waren damit direkt in die Umsetzung der NS-Rassenhygiene involviert: als Gutachter, als anzeigende Instanz, als Richter am Erbgesundheitsgericht und schließlich als Operateur einer durchzuführenden Zwangssterilisation nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. 
Vertiefung: Aumüller, Gerhard; Grundmann, Kornelia; Krähwinkel, Esther u.a.: Die Marburger Medizinische Fakultät in „Dritten Reich“, München 2001. Digitale Ausstellung Eugenik und NS-Euthanasie von Dirk Petter, neu herausgegeben und eingeleitet von Bernhard Rosenkötter, Marburg 2017.

Das Hochschulinstitut für Leibesübungen

Eingang Institut für Leibesübungen 2024
Foto: IfSM-Archiv, M. T. Orliczek
Eingang Institut für Leibesübungen 2024

Das Hochschulinstitut für Leibesübungen (HIfL) in Marburg spielte während der Zeit des Nationalsozialismus eine zentrale Rolle in der Umsetzung der nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen. Bereits ab 1933 stellte sich das Institut unter Leitung von Peter Jaeck in den Dienst des Regimes und kooperierte eng mit der nationalsozialistischen Studentenschaft. Ziel war die institutionelle Verankerung einer „politischen Leibeserziehung“, die körperliche Ertüchtigung mit wehrpolitischer Ausrichtung verband. Ein Schwerpunkt lag zunächst auf der Einführung und Ausweitung des Wehr- und Geländesports. Pflichtsportstunden, Geländemärsche und Schießübungen wurden zu festen Bestandteilen des Hochschulsports. Mit der Hochschulsportordnung vom 30. Oktober 1934 erfolgte die umfassende Neuordnung: Alle Studierenden mussten in den ersten drei Semestern eine Grundausbildung in Turnen, Boxen, Leichtathletik, Schießen, Mannschaftsspielen und Schwimmen absolvieren. Prüfungen und Punktesysteme machten diese Ausbildung zu einem Selektionsinstrument für den weiteren Studienverlauf. Darüber hinaus regelte die Ordnung den freiwilligen Sportbetrieb älterer Studierender, ein differenziertes Wettkampfsystem, sowie die Ausbildung von Sportlehrern. Besonders die Ausbildung von Turnlehrerinnen gewann ab 1935 an Bedeutung, da in Marburg die zentralen Prüfungslehrgänge aller angehenden Turnlehrerinnen in Deutschland stattfanden. Zudem wurden in Abstimmung mit der Reichsjugendführung viele BdM-Sportwartinnen in einjährige Lehrgänge integriert. Das HIfL erweiterte seine Aufgaben um Fortbildungslehrgänge für bereits tätige Lehrer, wodurch nationalsozialistische Erziehungsprogramme in Schulen und Vereine getragen wurden. Parallel wurde das wissenschaftliche Studium in Leibeserziehung fortgesetzt, allerdings zunehmend von politisch-ideologischen Vorgaben überlagert. Eine besondere Rolle nahm die 1934 gegründete Abteilung für Luftfahrt ein. Segelfliegen wurde verpflichtender Ausbildungsbestandteil für alle angehenden Turn- und Sportlehrer, auch für die Frauen. Die Abteilung schuf außerdem die Voraussetzungen für umfangreiche Forschungen in der Luftfahrtmedizin. Nach dem Unfalltod des Direktors Professor Dr. Peter Jaeck im Oktober 1937 übernahm Dr. Hans Möckelmann die Leitung und setzte die enge Zusammenarbeit mit dem „Amt K“ (Körperliche Erziehung) im Reichserziehungsministerium fort. Als Hans Möckelmann ab September 1939 zur Wehrmacht eingezogen und zeitweise ins Berliner Ministerium abgeordnet war, wurde das Institut kommissarisch von Dr. Erich Lindner geleitet. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden viele männliche Mitarbeiter und Studierende eingezogen. Dennoch hielt das Institut weite Teile seines Programms aufrecht, insbesondere die Ausbildung von Turnlehrerinnen und die Luftfahrtausbildung, die als „wehrwichtig“ galt. Im Fazit wird deutlich, dass das Marburger Institut eine führende Rolle bei der Umsetzung nationalsozialistischer Bildungs- und Erziehungsziele einnahm. Es war eng mit verschiedenen Parteigliederungen und Ministerien vernetzt und entwickelte sich faktisch zu einer „Sportuniversität“. Die Verflechtung mit NS-Ideologie und -Institutionen wirft Fragen nach der Verantwortung und der späteren Aufarbeitung nach 1945 auf. (Alexander Priebe)

Vertiefung: Buss, W. (2024). Peter Jaeck – nur ein Opportunist? Der Beitrag der bürgerlichen Funktionseliten zur Etablierung der NS-Diktatur auch in der Sportwissenschaft. In J. Court, A. Müller, & J. Schlürmann (Hrsg.), Jahrbuch 2024 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e. V. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 31, S. 153-175). Berlin: Lit-Verlag.de Lorent, H.-P. (2019). Hans Möckelmann. „Hinter dem Kampf für die Gleichberechtigung der Frau verbarg sich vielfach krasser Liberalismus, der in seinem Streben nach Loslösung von Familie und Volk rassenpolitisch die stärksten Gefahren in sich tragen musste.“ In H.-P. de Lorent, Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und die Kontinuität bis in die Zeit nach 1945. Bd. 3. (S. 134-161). Hamburg: Landeszentrale für politische Bildung. Priebe, A. & Laging, R. (2024). Das Institut für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg (1924–1974). Ein Beitrag zur Geschichte der Sportwissenschaft (Studien zur Geschichte des Sports, Band 32). Berlin: Lit-Verlag.

Die Personalstruktur des Hochschulinstituts für Leibesübungen (1933–1945): Aufrechterhaltung des Institutsbetriebs im Zweiten Weltkrieg

Eingang Institut für Leibesübungen 2024
Foto: IfSM-Archiv, M. T. Orliczek
Eingang Institut für Leibesübungen 2024

Die Personalstruktur des Hochschulinstituts für Leibesübungen (HIfL) der Philipps-Universität Marburg umfasste zu Beginn des Jahres 1933 etwa 12 Beschäftigte, Bis 1939 stieg die Zahl auf rund 34 Personen an. Diese Expansion betraf vor allem die Gruppen der Assistentinnen und Assistenten sowie der Turn- und Sportlehrkräfte. Deren Stellen nahmen im Zuge der Verankerung einer „politischen Leibeserziehung“ und damit  erweiterter Ausbildungsaufgaben deutlich zu. Die Personalstruktur war klar gegliedert: Neben der Institutsleitung gab es wissenschaftliches Personal ((Ober-)Assistent/innen), praktische Lehrkräfte (Turn- und Sportlehrer/innen), Fachlehrer für besondere Sportarten, Sportärzte, Verwaltungsangestellte sowie Lohnpersonal. Ergänzt wurde diese Struktur durch die eigenständige Abteilung für Luftfahrt mit speziellem Lehr- und Werkstattpersonal. Im Verlauf der 1930er- und 1940er-Jahre kam es zu deutlichen Verschiebungen innerhalb dieser Struktur. Besonders auffällig ist der steigende Anteil weiblicher Lehrkräfte ab Mitte der 1930er-Jahre. Diese Entwicklung hing eng mit der zunehmenden Einberufung männlicher Mitarbeiter zusammen und führte dazu, dass Frauen ab 1942 den Großteil des praktischen Lehrbetriebs übernahmen. Zugleich zeigt sich eine hohe Fluktuation innerhalb des Personals. Einberufungen, Abordnungen und zeitweise Freistellungen (UK-Stellungen) führten zu häufigen Wechseln, insbesondere im Bereich der männlichen Lehrkräfte und Assistenten. Dadurch gewann die flexible Anpassung der Personalstruktur zunehmend an Bedeutung. Auch innerhalb einzelner Gruppen lassen sich Differenzierungen erkennen: So entwickelten sich die Assistentenstellen von eher akademisch ausgerichteten Positionen hin zu stärker praxisorientierten Tätigkeiten, während Fachlehrer nur noch in begrenztem Umfang in die zentrale Ausbildung eingebunden waren. Die Verwaltung blieb hingegen stabil, während das Lohnpersonal langfristig beschäftigt war. Insgesamt passte sich die Personalstruktur des Instituts an die veränderten Anforderungen in Vorbereitung und Durchführung des Krieges an. Wachstum, funktionale Differenzierung und personelle Verschiebungen prägten die Entwicklung und ermöglichten die Aufrechterhaltung des Institutsbetriebs trotz erheblicher personeller Veränderungen. (Alexander Priebe)

Vertiefung: Priebe, A. & Laging, R. (2024). Das Institut für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg (1924–1974). Ein Beitrag zur Geschichte der Sportwissenschaft (Studien zur Geschichte des Sports, Band 32). Berlin: Lit-Verlag. Priebe, A. & Koch, M. (2025). Das Personal am Institut für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg unter dem Regime des Nationalsozialismus. In J. Court, A. Priebe, R. Laging, M. T. Orliczek (Hrsg.), Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e.V. Beiträge zur Institutsgeschichte der Leibesübungen und Sportwissenschaft an der Universität Marburg (Studien zur Geschichte des Sports, Band 33, S. 77-107). Berlin: Lit-Verlag.