01.04.2026 Andere Welt

Seit bald 500 Jahren besitzt die Uni Marburg einen Wald. Heutzutage nutzen ihn Forschungsgruppen für Experimente. Ein Ortstermin

Foto: Johannes Scholten
Gute Aussicht garantiert, wenn man schwindelfrei ist: 20 Meter und höher befinden sich die Arbeitsplätze im Universitätswald bei Caldern.

English version below: Another world

Hier gehts rauf, steil in die Senkrechte. 25 Meter überm Boden schwebt schon ein Kollege und wartet auf Mona Schreiber. Gleich steigt sie hoch in die Baumkrone.

Im Universitätswald dämpft der Schnee die Geräusche beim Gehen, aber Anfang März ist der Frühling schon spürbar. Ab und zu gellen Vogelschreie durch den Wald, immer wieder fallen Schneebrocken aus den Bäumen herab. Mona Schreiber hat sich nicht abhalten lassen, für Außenarbeiten in den Forst zu kommen. „Dass es nochmal geschneit hat, können wir nicht ändern“, sagt die Wissenschaftlerin. „Die Vorarbeiten für unser Experiment müssen jetzt passieren.“ 

Der Wald bei Caldern gehört zur Universität, seit diese gegründet wurde. Früher holten sich die Professoren hier ihr Feuerholz. Seit ein paar Jahren führen Forschungsgruppen Experimente im Wald durch. 

Mona Schreiber gehört zum Fachgebiet Pflanzenökologie und Geobotanik, sie forscht zur Frage: Wie passen sich Bäume an Klimaveränderungen an? Wie spielen dabei die Organismen zusammen, die im und am Baum leben - Insekten, Pilze, Moose, Bakterien? Um den Einfluss genetischer Unterschiede auszuschalten, vergleicht das Forschungsteam kleine Eichen, die alle von derselben Pflanze stammen und dasselbe Erbgut tragen. „Wir bestücken die Baumkronen mit Plattformen, auf denen die Bäumchen wachsen“, erklärt Schreiber den Versuchsaufbau. „Es ist eigentlich ein einziger Baum in verschiedenen Settings.“

Der Kollege hoch oben in der Krone lässt ein Seil herab. Er ist Baumkletterer von Beruf; seitdem einmal ein Forscher abgestürzt ist, kommt immer ein Profi zum Klettern mit.    

Es dauert eine Weile, bis Schreiber oben angelangt ist, Schritt für Schritt am Seil hoch. In der Zwischenzeit befestigt eine Mitarbeiterin ein Seil an einem Metallkorb mit Pflanztöpfen, den die Kletterer zu sich hinauf ziehen. Um diese Plattform zwischen den Ästen der Krone auszurichten, bugsieren die beiden den Metallkorb in die richtige Position, während sie an ihren Seilen im Baum hängen.

Alle paar Wochen ist Schreiber im Wald, um zu klettern. „Ich bin Bioinformatikerin“, erklärt sie, „entweder ich bin im Wald oder ich sitze am Rechner.“ Es sei unglaublich schön, in Baumkronen zu arbeiten, wo Moose wachsen, Insekten leben: Was da alles los ist! „Ich empfinde es als Luxus, draußen sein zu können“, sagt Schreiber. „Es ist eine andere Welt.“ Johannes Scholten

Rubrik 'Mein täglich Brot' aus Andererseits Winter 2025/26: Neue Auflage - Die Hausdruckerei

Foto: Johannes Scholten
Mona Schreiber klettert für ihre Forschung im Uniwald auf Bäume.

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Another world

For almost 500 years, the University of Marburg has owned a forest. Today, research groups use it for experiments. A site visit

This way up, steeply towards the vertical. A colleague is already suspended 25 metres above the ground, waiting for Mona Schreiber. She’s about to climb up into the treetops.

In the university forest, the snow muffles the sound of footsteps, but in early March, spring is already in the air. Every now and then, birdsong rings out through the forest, and chunks of snow keep falling from the trees. Mona Schreiber hasn’t let that stop her from coming to the forest for fieldwork. “We can’t do anything about the fact that it’s snowed again,” says the scientist. “The preparatory work for our experiment has to be done now.” 

The forest near Caldern has belonged to the university since it was founded. In the past, professors used to collect their firewood here. For the past few years, research groups have been conducting experiments in the forest. 

Mona Schreiber is part of the Department of Plant Ecology and Geobotany; her research focuses on the question: How do trees adapt to climate change? How do the organisms living in and on the tree – insects, fungi, mosses, bacteria – interact in this process? To rule out the influence of genetic differences, the research team is comparing small oak trees that all originate from the same plant and share the same genetic makeup. “We fit the tree crowns with platforms on which the saplings grow,” says Schreiber, explaining the experimental setup. “It’s actually a single tree in different settings.”

The colleague high up in the crown lowers a rope. He is a professional tree climber; ever since a researcher fell from the tree, a professional has always accompanied the climbers.    

It takes a while for Schreiber to reach the top, climbing up the rope step by step. Meanwhile, a colleague secures a rope to a metal basket containing plant pots, which the climbers pull up to them. To position this platform amongst the branches of the crown, the two of them manoeuvre the metal basket into the correct position whilst hanging from their ropes in the tree.

Schreiber is out in the forest every few weeks to climb. “I’m a bioinformatician,” she explains, “I’m either in the forest or sitting at a computer.” It’s incredibly beautiful to work in the treetops, where moss grows and insects live: there’s so much going on up there! “I feel it’s a luxury to be able to be outdoors,” says Schreiber. “It’s a different world.” Johannes Scholten

Section 'My Daily Bread' from Andererseits Winter 2025/26: New edition - The in-house print shop