01.06.2026 Frauenvollversammlung 2026: Gender (Frei-)Zeit Gap

Am 22.05.2026 fand die diesjährige Frauenvollversammlung der Philipps-Universität Marburg statt.

Foto: Lee Ann Schneider
100 Teilnehmerinnen kamen zur Frauenvollversammlung 2026

Am 22. Mai 2026 fand die Frauenvollversammlung der Philipps-Universität statt. Rund 100 Teilnehmerinnen* aus allen Statusgruppen, Fachbereichen und der Verwaltung kamen zusammen, um ein Thema zu diskutieren, das uns alle betrifft, aber selten direkt benannt wird: die ungleiche Verteilung von Zeit.

Vizepräsidentin Prof. Dr. Sabine Pankuweit eröffnete die Veranstaltung mit einem Verweis auf den Gender Leisure Gap: Frauen haben im Durchschnitt nicht nur täglich 38 Minuten weniger Freizeit als Männer, sondern leisten in erheblichem Umfang mehr Care-Arbeit. Zeit, die in die Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder auch in wichtige soziale Abläufe in Teams auf der Arbeit gesteckt wird, fehlt dann häufig für die eigene berufliche, wissenschaftliche oder persönliche Entwicklung.

Im Anschluss berichteten die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten über die Highlights des vergangenen Jahres. So wurde der Entgeltgleichheitscheck erfolgreich abgeschlossen, das Projekt "Mehr (für) Physikstudentinnen" organisierte eine Exkursion zum Teilchenbeschleuniger DESY nach Hamburg und die Philipps-Universität Marburg erhielt mit dem Prädikat "Gleichstellungsstarke Hochschule" umfangreiche zusätzliche Mittel für hochschulweite Projekte. In diesem Jahr wird mit dem Projekt LIFE@WORK – Lebensphasen im Fokus ein neues Angebot entwickelt, das Beschäftigte in unterschiedlichen Lebenssituationen gezielt unterstützt. Das Mentoring-Programm ProMotivation feiert sein 15-jähriges Jubiläum. Aktuell ist der Frauenförderpreis 2026 ausgeschrieben – Einreichungen zu Personen aus allen Statusgruppen sind willkommen.

Ca. 50 Impulse für eine anderen Umgang mit Zeit wurden gemeinsam entwickelt
Foto: Lee Ann Schneider

Der Vortrag "Hast Du etwas Zeit für Dich?" zeigte, dass Zeit keine individuelle Verfügungsmasse ist, sondern gesellschaftlich – auch entlang von Geschlecht – verteilt wird. Frauen leisten täglich 1 Stunde und 19 Minuten mehr unbezahlte Arbeit als Männer, was pro Woche einem zusätzlichen Arbeitstag entspricht. Projektkoordination, Studierendenbetreuung, Mentoring – die Academic Housework – wird in der Universität überproportional von Wissenschaftlerinnen übernommen, zählt aber kaum für Reputation oder Karriere. Pläne zur Aufweichung der täglichen Höchstarbeitszeit, Abschaffung des Teilzeitanspruchs und Diskussionen um "Lifestyle-Teilzeit" scheinen die Unterschiede zwischen Geschlechtern eher zu vergrößern und wurden daher rege diskutiert.

Im anschließenden interaktiven Part schätzten die Teilnehmerinnen* ihre eigene Zeitverwendung ein – mit eindeutigem Befund: Care-Time (Zeit für andere) und Orga-Time (Zeit, dass Dinge funktionieren) dominieren, Grow-Time (Zeit für eigene Entwicklung) kommt zu kurz. In gemischten Gruppen wurden konkrete Strategien gesammelt:

  • Delegieren ohne Schuldgefühle – Aufgaben sichtbar machen, Zuständigkeiten klar definieren, loslassen und akzeptieren, dass andere Dinge anders erledigen.
  • Zeit sparen durch Struktur – z.B. Geteilte Kalender, Kanban, klare Absprachen, weniger Meeting-Overhead, Push-Nachrichten abschalten.
  • Energie aufbauen – Me-Time fest einplanen, z.B. Sport, Zeit in der Natur, Time Blocking, Bildungsurlaub.

Hier finden Sie die vollständige Liste der Strategien und Handlungsfelder zum Thema Zeit.

Fazit: Weniger „alles selbst und perfekt", mehr bewusste Abgabe und Erholung einbauen. Unsichtbare Arbeit sichtbar machen, Care-Aufgaben klar benennen statt still zu kompensieren – und Zeit für sich selbst nicht als Privileg, sondern als selbstverständlich zu behandeln. Die Frauen*vollversammlung bot dafür einen willkommenen Rahmen, der rege genutzt wurde.

 * Mit dem Sternchen symbolisieren wir Offenheit für Geschlechtsidentitäten jenseits des weiblichen. Zur Vollversammlung sind alle Personen eingeladen, die aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit strukturelle Benachteiligung und/oder Diskriminierung erfahren.

Kontakt