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07.09.2015

Nachruf

zum Tode von Prof. Dr. Peter Henkenborg (1955 - 2015)

 „Die Unvermeidlichkeit der Moral - Ethische Herausforderungen für die politische Bildung in der Risikogesellschaft“, unter diesem Titel ist Peter Henkenborgs Dissertation 1992 erschienen. Die These im Titel dieser Arbeit könnte wie ein Motto über seinem wissenschaftlichen Lebenswerk stehen. Andere Themen kamen hinzu, wie Umweltbildung, Lehrer- und Unterrichtsforschung oder Kompetenzorientierung. Aber die Frage nach den moralischen Grundlagen eines gelingenden Zusammenlebens in Gesellschaften und die darauf aufbauende Frage danach, was Schule, Erziehung und politische Bildung zu einem solchen gelingenden Zusammenleben beitragen können, diese Fragen ließen ihn nicht mehr los.

Ob er für Demokratie-Lernen warb und sich gegen Rechtsextremismus und Populismus engagierte, ob er die Schule als einen Ort konzipierte, der von einer Kultur der Anerkennung geprägt sein soll, ob er Kompetenzen nicht ohne ihre Wertgrundlagen denken wollte, ob er Lehrer als orientierende Erwachsene verstand und sich guten Unterricht nur als einen vor­stellen wollte, in dem Schülerinnen und Schüler sich als beteiligte und ernst genommene junge Menschen erfahren – immer wieder ist in Henkenborgs Schriften zu spüren, dass er um moralische und politische Verantwortung der Wissenschaft nicht nur wusste, sondern sie als einen Kern seines wissenschaftlichen Denkens betrachtete.

Wo lagen die Wurzeln für die starke moralisch-ethische Grundierung seines wissenschaftlichen Denkens? Peter Henkenborgs Sicht auf die Welt war stark geprägt von seiner tiefen Verwurzelung im christlichen Glauben. Darüber hat er, wie es leider mehr und mehr üblich geworden ist, wenig gesprochen, weil Religion heute meist als Privatsache angesehen wird. Aber wenn man beispielsweise seine zahlreichen, in der komplexen Sprache der Sozialwissenschaften verfassten Arbeiten zur Theorie der Schule als Kultur der Anerkennung daraufhin befragt, worum es bei einer solchen Kultur der Anerkennung letztlich gehen soll, dann findet man einfache und klare Aussagen: um emotionale Zuwendung, um kognitive Achtung und um soziale Wertschätzung, die wichtiger sind als alle Erlasse, Prüfungen und Schulabschlüsse. Diesen ethischen Kern von Henkenborgs pädagogischem Denken wird man wohl in der Nächstenliebe begründet sehen dürfen.

Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn, nach Studium und Lehramtsreferendariat, von der Universität Gießen auf eine Vertretungsprofessur in Kassel sowie Professuren in Dresden (1997 bis 2006) und Marburg (ab 2006). Über die universitäre Tätigkeit hinaus war er vielfältig für die politische Bildung engagiert. So war er zeitweilig sächsischer Landesvorsitzender und Mitglied des Bundesvorstands der Deutschen Vereinigung für politische Bildung (DVPB), Mitglied des Sprecherkreises der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE), Redaktionsleiter der Zeitschrift POLIS, Mitherausgeber von „sowi-onlinejournal für Sozialwissenschaften und ihre Didaktik“ sowie Redaktionsmitglied bei „kursiv – Journal für politische Bildung“. Er engagierte sich in der nebenberuflichen Ausbildung neuer Fachlehrer für die politische Bildung in den neuen Bundesländern nach der deutschen Vereinigung und bei der Entwicklung neuer Lehrpläne in Sachsen und Hessen. Nicht unerwähnt bleiben sollen auch Formen seines Engagements außerhalb von Wissenschaft und Beruf: Er war in den 1980er-Jahren Mitglied der Stadtverordnetenversammlung der Stadt Gießen und zeitlebens bekennender Fan des 1. FC Köln.

Am 22.8.2015, wenige Wochen vor seinem 60. Geburtstag, ist Peter Henkenborg überraschend verstorben. Die Didaktik der politischen Bildung verliert mit ihm einen engagierten, wo nötig auch streitbaren Vertreter des Faches und einen verlässlichen Kollegen.

 

Prof. Dr. Wolfgang Sander, Gießen

Zuletzt aktualisiert: 07.09.2015 · DrescherBonny Ina Dr., Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, 24726

 
 
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