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01.06.2011

ZIR Annual Research Lecture - Hans Ulrich Gumbrecht

Das Zentrum für Interdisziplinäre Religionsforschung (ZIR) der Universität Marburg eröffnet mit grandiosem Erfolg seine Reihe der Annual Research Lectures.


Gumbrecht2
Mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford University, California) war es den verantwortlichen Organisatorinnen des ZIR gelungen, einen der bedeutendsten und einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, der (neben 7 weiteren internationalen Ehrendoktortiteln) auch Ehrendoktor der Universität Marburg ist, am 14.6. für die erste Annual Research Lecture des Zentrums zu gewinnen. Trotz der Parallelveranstaltung im Schloss war die Große Aula hervorragend besetzt, und der Redner erfüllte mit seinem brillanten Vortrag, zu dem auch KollegInnen der Nachbaruniversitäten Gießen und Göttingen angereist waren, alle Erwartungen des Publikums. Eingebettet in eine höchst stimmige Gesamtveranstaltung mit erstrangiger musikalischer Umrahmung durch Maike Gotthardt, Christian Kienel und Astrid Niebuhr (alle Klarinette) markierte Prof. Gumbrechts Vortrag zum Thema Präsenz als theologischer und kulturwissen­schaftlicher Begriff. Dynamiken, Tendenzen, Perspektiven im 21. Jahrhundert den festlichen Auftakt dieser neuen Vortrags­reihe des Zentrums, die Einblicke in innovative Perspektiven und Ergebnisse religionsbezoge­ner Forschung geben möchte.

In den letzten Jahrzehnten wird auch von einer breiteren Öffentlichkeit wahrge­nommen, dass Religionen - entgegen der Annahme eines fortschreitenden Bedeutungsverlustes - auch in der Gegenwart ein wesentliches Element des gesellschaftlichen und politischen Lebens ausmachen. Die religiös-kulturelle Plura­lität der gegenwärtigen Gesellschaften ist unüberseh­bar; und in Begründungs­mustern für Ordnungen und Formen des sozialen Lebens, aber auch bei der Verteilung von Gütern und im Hinblick auf Fragen menschlicher Existenz zeigen sich religiös geprägte Orientierungen, Begründungsmuster und Institutionen. Religionen sind als Bezugspunkte individueller aber auch kollektiver Zugehörigkeiten in vielfältiger Hinsicht und mit ambivalenter Wirkung im gesellschaftlichen Leben gegenwärtig.




Das Zentrum für Interdisziplinäre Religionsforschung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die vielen disziplinären Perspektiven auf das Thema Religion an dieser Universität zu bündeln und damit einen Raum zu schaffen, in dem über Fächer- und Fachbereichsgrenzen hinweg eine komplexe und differenzierte Sichtweise auf das Thema Religion erfolgen kann. Religiöse Phänomene und Traditionen kommen dabei sowohl in ihren historischen, als auch in ihren zeitgenössischen  gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten in den Blick. Mit einer Forschungsperspektive, die sowohl religionswissenschaftliche als auch theologische, historische, philologische, soziologische, ethnologische und auch philosophische Herangehensweisen verbindet, möchten wir der Komplexität und vielschichtigen Problematik religiöser Kulturen Rechnung tragen und so neue Einblicke in die Funktion und Bedeutung religiöser Vorstellungen und Systeme für das menschliche Zusammenleben/moderne Gesellschaften ermöglichen.


Gumbrecht1
Der Vortrag von Prof. Gumbrecht trug diesen Zielen des Zentrums in hervorragender Weise Rechnung, indem er nicht nur wiederholt konkret auf dessen Arbeit und Projekte Bezug nahm, sondern auch nachhaltige Impulse für dessen künftige Forschungsvorhaben gegeben hat. Prof. Gumbrechts Bereitschaft, den von ihm entwickelten Präsenzbegriff in der Anwendung auf die Forschungsinteressen des ZIR zu teilen war ebenso beeindruckend wie wegweisend, da er diesen ebenso auf theologische wie kulturwissenschaftliche Fragestel­lungen angewendet hat. Das Denken der „Präsenz“ impliziert, dass Dinge des Lebens nicht nur in ihrer rational erfassbaren, sondern auch wieder in ihrer sinnlichen Präsenz wahrgenommen werden. Prof. Gumbrecht plädiert dafür, sich auf das unmittelbare Erleben der Dinge einzulassen. Dabei sieht er einen Riss zwischen dem empfin­denden Ich und seiner Umwelt, so dass eine un­mittelbare Wahrnehmung der Dinge dieser Welt unmöglich geworden ist. Dagegen versucht er, ein Verständnis des menschlichen Daseins zu setzen, das der Kategorie des Raumes und des Körpers eine besondere Stellung zugesteht. Gerade Körper­erfahrungen sind, seinem Ansatz gemäß, ein Reservoir, aus dem Sinnbildungsprozesse ihre Energie zur Bildung neuer Sinnwelten ableiten. Prof. Gumbrechts Präsenzbegriff hat somit einen Ort außer­halb der logozentrischen (cartesia­nischen) Interpretation. Er verhandelt das in der Zeitdauer der Reflexion und der Sinnbildung Übersehene, Vergessene, das parallel zur (logozen­trischen) Sinnschöpfung jedoch immer schon Vorhandene. Somit macht Prof. Gumbrecht jenseits des cartesianischen Dualismus von Körper und Geist eine (idealtypi­sche) binäre Typologie von Sinnkultur ("meaning culture") und Präsenzkultur ("presence culture") auf. Aus der Oszillation zwischen "presence effects and meaning effects" entsteht ästhe­tische Erfahrung, wobei die Anteile dieser beiden Komponenten in den Künsten unterschiedlich groß sind.

Der minutenlange Applaus nach dem grandios strukturierten und auch für Fachfremde hervorragend verständlichen Vortrag und die anschließenden höchst angeregten Gespräche und Diskussionen der Zuhörer untereinander sowie mit dem Redner im Kreuzgang der Alten Aula bis spät in die Nacht zeugten eindrucksvoll von der Exzellenz dieser Annual Research Lecture 2011 des ZIR der Universität Marburg.


Ansprechpartnerinnen:

Prof. Dr. Edith Franke (edith.franke@staff.uni-marburg.de)

Prof. Dr. Sonja Fielitz (fielitz@staff.uni-marburg.de)



Zuletzt aktualisiert: 11.07.2011 · jagielll

 
 
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