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Bericht zur 5. Annual Research Lecture von Prof. Dr. Christoph Kleine im Rahmen des Zentrums für Interdisziplinäre Religionsforschung (ZIR) der Philipps-Universität Marburg am 27.10.2015


Christoph Kleine
Prof. Dr. Christoph Kleine
Foto: Konstanze Runge

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Prof. Dr. Christoph Kleine
Foto: Julia Dippel

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Auditorium
Foto: Konstanze Runge

Zur mittlerweile fünften Annual Research Lecture des Zentrums für Interdisziplinäre Religionsforschung (ZIR) als zentraler Einrichtung der Philipps-Universität Marburg ist es den Organisatorinnen und Organisatoren des ZIR gelungen, mit Prof. Dr. Christoph Kleine einen exzellenten Religionswissenschaftler und Japanologen als Redner zu gewinnen, der in hervorragender Weise sowohl im Bereich der Religionsgeschichte Ostasiens als auch im Bereich der Theorie und Methodologie der Religionswissenschaft profiliert ist. Anhand einer fruchtbaren Verbindung empirischer Einblicke in die Religionsgeschichte Japans und theoretischen Reflexionen zur Säkularisierungsdebatte liefert Prof. Dr. Christoph Kleine brillante, innovative und gehaltvolle Reflexionen und Ergebnisse zum Thema „Ist Gott tot? Und wenn ja, welcher, wo und seit wann? Ein kleiner Beitrag zum Problem der Säkularisierung.“ Mit seinem Vortrag trägt er den Zielen des Zentrums in idealer Weise Rechnung, die Bedeutung religiöser Vorstellungen und Systeme für das menschliche Zusammenleben in modernen Gesellschaften interdisziplinär und multiperspektivisch zu erfassen. Säkularisierung als einer der schillerndsten und umstrittensten Begriffen in der Religionswissenschaft und Religionssoziologie, der seine Aktualität seit Beginn der Fachgeschichte nicht eingebüßt hat, wird anhand der Ergebnisse zur Religionsgeschichte Japans jenseits eines modernisierungstheoretisch enggeführten, mit einer atheistisch-politischen Agenda verbundenen Säkularisierungsbegriffs, aber auch jenseits postkolonialer Theorien einer prinzipiellen Unübertragbarkeit von Begriffen wie Religion und Säkularisierung auf außereuropäische Kontexte konzeptualisiert.

Anekdotisch hält er zunächst fest, dass Vorstellungen eines Niederganges von Religionen im Zuge eines linear und evolutionistisch verstandenen Modernisierungsprozesses sich trotz der alltagsempirischen Befunde einer nach wie vor großen Bedeutung von Religionen sowohl in gesellschaftlichen als auch in politischen Zusammenhängen nach wie vor hartnäckig halten und wissenschaftlich vertreten werden. Fundamentalismen gelten gemäß diesem Deutungsmuster als ein letztes Rückzugsgefecht der unter Druck geratenen Religionen, die schließlich überwunden werden oder, in einer pessimistischen Sicht, den Modernisierungsprozess schließlich umkehren, da sie mit ihm prinzipiell unvereinbar seien. Umgekehrt werden gemäß diesem Paradigma Modernisierung und Säkularisierung als untrennbar miteinander verbunden gedacht. Einer solchen mit einer eurozentrischen politischen Agenda verbundenen Deutung von Säkularisierung setzt er ein Verständnis von Säkularisierung als einer diskutierbaren Prozesskategorie entgegen, die mit José Casanova anhand von verschiedenen Indikatoren erfasst werden kann:
1. Differenzierung von religiösen und anderen Handlungsfeldern,
2. Rückgang religiöser Praktiken und Überzeugungen sowie
3. Privatisierung von Religiosität.

Diese Prozesse treten, so führt Prof. Dr. Kleine im folgenden kurz an Deutschland und den USA und schließlich ausführlich anhand einer historischen und etymologischen Tiefenbohrung japanischer Religionsgeschichte aus, nicht überall in gleicher Weise auf, sondern bestehen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Angesichts dieser Feststellung sei es erforderlich, nicht nur von „multiple modernities“, sondern auch von „multiple secularities“ auszugehen und den Säkularisierungsprozess anhand operationalisierter Kategorien kontextuell greifbar zu machen. Quantitative Erhebungen, so illustriert er anhand der Gegenüberstellung zweier Studien, gehen mit ihren eurozentrischen Fragekategorien an sozialen Realitäten  und den Bedeutungskategorien der Beforschten vorbei und liefern lediglich verzerrte Beiträge zur Beantwortung des Säkularisierungsgrades außereuropäischer Kulturen. So konstatiere der World Value Survey, dass Japan eine in hohem Maße atheistische und säkulare Gesellschaft sei, während das Amt für kulturelle Angelegenheiten eine hohe, von multiplen Zugehörigkeiten und Praktiken geprägte Alltagsreligiosität feststellt. Diese scheinbar unvereinbaren Diagnosen sind auf differente Kategorien der Einordnung als religiös oder säkular zurückzuführen. Die bloße Übersetzung von Begriffen wie Religion, auf japanisch shukyo, sei problematisch, da man die konkreten Bedeutungen reflektieren müsse. Shukyo werde als dogmatischer Religionsbegriff überwiegend abgelehnt und führe nicht zu einer Identifikation, was das Ergebnis des World Value Surveys erkläre. Statt organisierter, exklusivistischer, mit einem systematischen Glaubensgebäude verbundenen Religionen lasse sich in Japan die Verbreitung von „practically religions“ zeigen, die durch eine diesseitige Zweckrationalität sowie Traditionen geprägt seien und daher am Religionsverständnis westlicher Wissenschaftler vorbei gehen. Angesichts solcher Problematiken hinsichtlich der Operationalisierung des Religions- und Säkularisierungsbegriffs wird die Frage nach der Säkularisierung in Japan unterschiedlich beantwortet: Die Anhänger der klassischen Säkularisierungstheorie stehen den Postkolonialisten gegenüber, die das Konzept der Religion als politische westliche Erfindung erachten und mit Verweis auf das Fehlen sprachlicher Äquivalente in Japan davon ausgehen, dass es eine Trennung von Religion und nicht-religiösen Handlungsbereichen in Japan nicht existierte. Dem widerspricht Prof. Dr. Christoph Kleine vor dem Hintergrund seiner Forschungen: Soziales Handeln wurde auch vor der Modernisierung Japans anhand des Modells einer Welt für den Herrscher und einer Welt für den Buddha in weltliche und religiöse Bezugskontexte und Handlungsfelder differenziert. Das Konzept der beiden Welten beruhe auf der Vorstellung einer auf einem komplementären Zusammenspiel beruhenden Trennung weltlicher und religiöser Bereiche mit je eigenen Handlungslogiken. Auf dieses Konstrukt, so erläutert er im folgenden, griffen die Reformer in der Meji-Zeit zurück, um westliche Modelle auf eine kreative Weise zu adaptieren und zu indigenisieren.
Kulturkontakt führe nicht zu einer aufoktroyierten Übernahme der Konzepte dominanter Kulturen, sondern münde in kreativen und selektiven Adaptionsprozessen, die an indigene Konzepte angeknüpft werden. Modernisierung und Säkularisierung erscheinen aus dieser Perspektive nicht nur als kolonialistische, sondern auch als von japanischen Eliten angeeignete und instrumentalisierte Konzepte.

Angesichts dessen resümiert Kleine, dass es auch in der Geschichte außereuropäischer Gesellschaften und Kulturen immer institutionell und kulturell-symbolisch verankerte Formen und Arrangements der Unterscheidung zwischen Religionen und anderen gesellschaftlichen Bereichen und Handlungsfelder existierten, die jedoch einem permantenten gesellschaftlichen Aushandlungsprozess unterliegen, den es kontextuell zu analysieren gelte. Die Postkolonialisten, so legt er im folgenden dar, erliegen dagegen mit ihrer Deutung eines westlichen Anspruchs auf den Religions- und Säkularisierungsbegriffs der Gefahr des „exotischen Exzeptionalismus“, der historisch nicht haltbar ist: Die Unterschiedlichkeit von Kulturen werde stilisiert, so dass Europa im Sinne eines reformierten Eurozentrismus als besonderes und historisch einmaliges Gebilde dargestellt wird, das sich essentiell von außereuropäischen Kulturen unterscheide. Diese Theorie werde von den nationalkonservativen Kräften in Japan genutzt, um Säkularisierung als westliche Erfindung zu bekämpfen, so dass Prozesse des othering und des self-othering ineinander greifen und zu vermutlich ungewollten politischen Allianzen führen. Programmatisch fordert er, bei aller Schwierigkeit interkultureller Vergleiche keine kulturimperialistischen Deutungshegemonien herzustellen. Vielmehr sei es die Aufgabe einer ideologiekritisch ausgerichteten Religionswissenschaft im Sinne des Marburger Religionswissenschaftlers Kurt Rudolph, solche Deutungshegemonien und ihre sozialen Konsequenzen aufzudecken. Mit polyzentrischen Perspektiven auf selektive und kreative Prozesse der Aneignung kulturfremder Konzepte solle einem solchen Kulturimperialismus entgegen gewirkt werden.
Der tosende Applaus im vollen Saal der Alten Aula sowie die äußerst lebhafte Diskussion am Ende des Vortrags zeugen von der Exzellenz des Vortrags, der den Zuhörenden und den Mitgliedern des ZIR wertvolle Impulse zur eigenen Arbeit geliefert hat. Für die erfolgreiche und inspirierende fünfte Annual Research Lecture in der ehrwürdigen, sehr gut besuchten Alten Aula danken wir Prof. Dr. Kleine sehr herzlich.

Last but not least möchten wir Prof. Dr. Christoph Kleine sowie seiner Kollegin Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr (Kulturwissenschaften/Religionssoziologie) sehr herzlich zur DFG-geförderten Einrichtung einer Kolleg-Forschergruppe gratulieren, die ab dem 1.4.2016 zunächst für vier Jahre die Arbeit an einem internationalen Verbundprojekt mit dem Titel „Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernites“ an der Universität Leipzig aufnehmen wird.
 
Verena Maske

Zuletzt aktualisiert: 11.11.2015 · dippelj4

 
 
 
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