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Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg

Was ist EE/KW?

(1) Selbstverständnis

Das Fach Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft versteht sich als eine empirisch ausgerichtete, ethnologisch (Paradigma des Fremdverstehens) und kulturwissenschaftlich (verstehend-deutend) argumentierende Wissenschaft, die sich mit den Formen alltäglicher Lebensgestaltung und populären Kulturphänomenen im europäischen (wie im historischen) Kontext befaßt. EE/KW fragt danach, welche Erfahrungen die Individuen in gegebenen Machtverhältnissen und Strukturen machen, welche Handlungsmotivationen und Innensichten sie dabei ausbilden und welche Gruppenzusammengehörigkeiten sie konstituieren. Es geht um die hermeneutische Auslegung von Alltagspraktiken, Identitätskonstruktionen und Differenzentwürfen vor dem Hintergrund ihres geschichtlichen Gewordenseins.

Dem liegt ein weiter Kulturbegriff zugrunde. Kultur wird darin weder als eine geographisch oder politisch abgrenzbare Einheit (Ethnie, Nation) noch als ein festes Refugium von Traditionen, Werten, Mentalitäten gefaßt, sondern als ein sich permanent wandelndes System von Bedeutungen, als Prozeß des Aushandelns von Selbst- und Fremdzuschreibungen. Dies reflektiert den ständig vor sich gehenden gesellschaftlichen Wandel und sucht, gesellschaftliche Umbrüche und Modernisierungsschübe zu erfassen. Zugleich ist darin inbegriffen, daß sich die Individuen bei allem Wandel immer auch tradierter Orientierungsmuster (Mentalität, Habitus, Tradition, Ritual) bedienen, die in jeweils spezifischen sozialen und gesellschaftlichen Kontexten neue Bedeutung erlangen. In einem solchen Spannungsfeld von Tradition und Wandel zu operieren, verlangt ein hohes Maß an Reflexivität gegenüber dem eigenen Tun, den kritischen Umgang mit den eigenen Fachtraditionen (Nationalismus, Eurozentrismus) wie auch die Auseinandersetzung mit aktuellen theoretischen wie methodologischen Überlegungen im Umfeld der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Eine Besonderheit des Faches EE/KW ist es, daß es sich weniger durch Versuche expliziter „großer“ Gesellschaftserklärung (Erlebnisgesellschaft, virtuelle Gesellschaft usw.) auszeichnet, sondern vielmehr in der exemplarischen „dichten“ Beschreibung (die sich von der „kleinen“ bedeutungsvollen Situation bis zur großen Bedeutungsstruktur hocharbeitet) ihren Weg gefunden hat, zu gesellschaftspolitisch relevanten, kulturkritischen Aussagen zu kommen. Wir versuchen, kulturelle Konflikte, soziale Ausgrenzung, Machtverhältnisse gerade da aufzuspüren, wo sie nicht offensichtlich sind und sie genauer, erfahrungsgesättigter zu beschreiben als andere Disziplinen das mit ihren methodologischen Instrumentarien können.

Ein kulturwissenschaftlich-ethnologisch geprägter, auf Erfahrung gegründeter Blickwinkel (Feldforschung und teilnehmende Beobachtung), die Reflexion der eigenen Rolle im Forschungsprozeß sowie auf das Verstehen der Innenwelten der Individuen gerichtete hermeneutische Interpretationsverfahren sollen die Tiefenschärfe in der Beobachtung und Analyse sichern. Die paradigmatische Untersuchung von Einzelfällen, lokalen Kontexten und „kleinen Feldern“ zielt letztlich auf das Erhellen großer Zusammenhänge und globaler Entwicklungen. Die Stärke des Fachs besteht darin, in ethnographisch dichter Weise einen Ausschnitt von Welt, sei es nun eine Lebenswelt, ein Netzwerk, ein Konflikt oder ein Diskursraum, in seiner ganzen Komplexität und seinen multiplen Dimensionen greifbar zu machen und so den „großen Erzählungen“, d.h. übergreifenden Gesellschaftserklärungen, aussagekräftige „kleine Erzählungen“, d.h. „dichte Beschreibungen“, zur Seite zu stellen. Dabei richtet sich unsere Aufmerksamkeit besonders auf solche Themen und Felder, die im gesellschaftlichen Diskurs unsichtbar bleiben oder marginalisiert werden, auf Ab- und Ausgrenzungen bzw. Konstruktionen von „Authentizität“ und „reinen“ Formen, auf ethnisierende Tendenzen und kulturalistische Setzungen. Die Kategorie „Gender“ sowie Ansätze aus der Friedens- und Konfliktforschung werden im Fach EE/KW mitgedacht.

(2) Profilierung/Neuorientierung

Das Fach EE/KW in Marburg steht zum gegebenen Zeitpunkt vor einer doppelten Herausforderung: Eine Profilierung/Neuorientierung bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit den sehr disparaten Fachtraditionen zu versuchen.

Die Marburger Fachgeschichte reicht (mindestens) von der Kulturgeschichte und der „Interethnik“ (Weber-Kellermann) über die Beschäftigung mit den modernen Massenmedien durch Foltin bis zu den kulturphilosophischen Implikationen Scharfes. Das Marburger Institut wird darüber hinaus mit seinen volkskundlichen und regionalspezifischen Sammlungen assoziiert. In diesem Zusammenhang muß gefragt werden, was von diesen Traditionen gegenwärtig relevant ist, mit welchen neuen Fragestellungen man sich den „alten“ Beständen nähern sollte, was davon der weiteren Beschäftigung lohnt und was nicht. Historische Anthropologie (regional bezogene Sozial/Kultur/Alltagsgeschichte) und visuelle Anthropologie könnten hier als vorläufige Stichworte stehen.

Bei einer grundsätzlicheren Neuorientierung, die wir momentan mit den Begriffen „Ethnologisierung“ und „Europäisierung“ zu fassen versuchen, muß ebenfalls geprüft werden, an welche der laufenden Debatten (Globalisierung, Gentechnik usw.) wir uns anschließen wollen, welche wir nicht bedienen wollen und welche wir möglicherweise selbst erst „erfinden“ müssen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, und darin drückt sich auch der derzeitige Stand der Diskussion aus, verstehen wir unter „Europäisierung“ sowohl den Prozeß der Vereinigung und des Zusammenwachsens Europas (Grenzabbau nach innen, Grenzaufbau nach außen) wie auch die Migrationsbewegungen und Mobilitätsanforderungen in der globalisierten Welt und deren Folgen (Inter/Transkulturalität, Ethnisierung, Kulturalisierung). Von fachspezifischem Interesse sind dabei die Spannungen, die zwischen Globalem und Lokalem (ortsgebundener Eigensinn, regionale - Marburg, Hessen - oder nationale - Deutschland - Gegebenheiten) bzw. Mobilität und Seßhaftigkeit entstehen. Besonderes Augenmerk wird dabei zum einen auf soziale und kulturelle Inklusions- und Exklusionsprozesse gerichtet, zum anderen ist damit immer auch eine Kritik an der eurozentristischen Perspektive der Kulturforschung impliziert, d.h. der Blick des Faches soll nicht an den Grenzen Europas enden, sondern er muß im Gegenteil europäische Entwicklungen stets vergleichend und in globalen Zusammenhängen reflektieren und den Blick „von außen“ auf Europa miteinbeziehen.

Mit dem Schlagwort „Ethnologisierung“ soll das Insistieren auf eine erfahrungsorientierte Forschungspraxis (Feldforschung, Biographie/Erzählforschung) sowie die kritische Rezeption neuerer ethnologischer und kulturanthropologischer Theorien (Cultural und Postcolonial Studies und deren gegenwärtige Philologisierung, historische und visuelle Anthropologie) gefaßt werden.

(3) Einzelne Forschungsschwerpunkte

Unter den folgenden Stichworten versuchen wir das derzeitige Lehr- und Forschungsprofil abzubilden:

Historische Anthropologie

Sozial- und Alltagsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert
Kulturgeschichte (alte Bundesrepublik und DDR)
Frauengeschichte
Regional- und Lokalforschung

Europaforschung

Kulturanthropologie des westlichen Mittelmeerraums (Schwerpunkt Spanien)
transnationale Migrationsbewegungen und Binnenmobilität
Rassismus / Ethnozentrismus
kulturelle Transformationsforschung (Osteuropa)

Cultural Studies

kulturwissenschaftliche Medienforschung
visuelle Anthropologie

Wissenschaftsgeschichte und -theorie/ fachgeschichtliche Aspekte / Methodologie

Volks- und Völkerkunde
Ethnizität/Interkulturalität
Feldforschung / mulit-sited ethnography
Erzähl- und Biographieforschung
Sachkulturforschung und Museologie

(4) Lehrformen und Ausbildungsziele

Die Studierenden erwerben im Verlauf ihres Studiums Kompetenzen
für die kulturanalytische und kulturvergleichende Untersuchung von Gegenwartsphänomenen
für die kultur- und alltagsgeschichtlich ausgerichtete Arbeit in Museen, Sammlungen und für Ausstellungen (Sachkultur, Erzählforschung, mediale Präsentation)
für Praxisfelder der öffentlichen und freien (Sozio-)Kulturarbeit, der PR- und Öffentlichkeitsarbeit, der interkulturellen Arbeit, des Kulturmanagement und der freelanced Projekt- und Ausstellungsarbeit

Entsprechend den sich derzeit in einem grundsätzlichen Wandel befindlichen möglichen Berufsfeldern (von der öffentlich bzw. kommunal geförderten institutionellen Kulturarbeit hin zur selbständigen Projektarbeit) konzentriert sich die Lehre auf die Vermittlung von Fähigkeiten gesellschaftsrelevante Fragestellungen zu erkennen und aufzuwerfen, eigenständige Untersuchungen durchzuführen und die Ergebnisse öffentlichkeitswirksam zu vermitteln.

Bevorzugte Lehrformen sind neben den klassischen Vorlesungen und Seminaren daher das forschende Lernen (mehrsemestrige ergebnisorientierte Projektseminare, Feldforschungsübungen, mehrtägige Exkursionen) und das exemplarische Studieren. Zukünftig im Hauptstudium regelmäßig angebotene Projektseminare, die eine eigene empirische Forschung bis zur öffentlichen Ergebnispräsentation in Form einer Publikation, einer Ausstellung, eines Filmfeatures etc. beinhalten, sollen die Attraktivität des Studiums am Marburger Institut im Vergleich zu anderen Lehreinrichtungen des Fachs in Deutschland verstärken.

Das Institutskolloquium entwickelt sich derzeit zu einem Forum des Austauschs von Lehrenden, Studierenden und Berufsvertretern aus dem Marburger Umfeld und bietet auf diese Weise die Möglichkeit, Einblicke in perspektivische Arbeitsfelder zu erhalten.

Zuletzt aktualisiert: 18.09.2007 · Andreas Bimmer

 
 
 
Fb. 03 - Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

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