Direkt zum Inhalt
 
 
Bannergrafik (VKF)
 
  Startseite  
 

Das Kugelhaus in Marburg



 

Die Völkerkundliche Sammlung und der Lehrbetrieb der Marburger Ethnologie (Völkerkunde) sind im sogenannten "Kugelhaus" neben der Kugelkirche in der Kugelgasse untergebracht. Das 1491 fertiggestellte, spätgotische Kugelhaus, früher auch "Fraterhaus zum Lewenbach" genannt - wo dieser Löwenbach allerdings heute geblieben ist, wissen wir nicht -, wurde im Auftrag des Ordens "Brüder zum gemeinsamen Leben" errichtet, was aufgrund einer Stiftung des reichen Marburger Patriziers Heinrich Imhofen ermöglicht wurde (Volk 1980: 232; zur Person Imhofens s. Schwind 1980: 198 f.; Heinemeyer 1977: 5 ff.). Der seit 1477 in Marburg ansässige Orden wurde zwischen 1379 und 1389 von dem Bußprediger Geert Groote aus Deventer in den Niederlanden begründet.
Groote forderte damals eine Erneuerung der Kirche und ihrer veralteten Strukturen. Die "Brüder zum gemeinsamen Leben" folgten keinem striktem klösterlichen Gelübde, sondern suchten eine spontanere, damals als neu geltende Art von mystischer Versenkung, die moderna devotio, Es ging ihnen auch um die "gemeinsame Pflege des geistigen Lebens, in dessen Mittelpunkt neben dem Gebet das Studium der hl. Schrift und ihre Erklärung" standen (Heinemeyer 1977: 22.).

Fachgebiet Völkerkunde im Kugelhaus (Foto: M. Sondermann)
 
  Die Brüdergemeinde betrieb im Kugelhaus eine Lateinschule (ab 1500), mit der sie einen wichtigen Platz innerhalb der Marburger Bildungseinrichtungen einnahmen. Neben der Schule bestritten die Brüder ihr Einkommen über das Verleihen von Geld und das Abschreiben von Büchern. Nach Walter Heinemeyer kann ihre Schule «als der erste bescheidene Versuch eines Bürger [Heinrich Imhofen] gelten, in Marburg eine Einrichtung zur besseren und tieferen Bildung zu schaffen.» Heinemeyer nennt den Orden im Kugelhaus "Wegbereiter der Universität" (Heinemeyer 1977: 24, bzw. Titel des Artikels).

Die «Brüder zum gemeinsamen Leben» wurden, wegen ihrer Kopfbedeckung, der "Gogel" bzw. "Gugel", im Volksmund  "Kugelherren" genannt: "Die 'Kugel'oder 'Gugel' ist abgeleitet von dem lateinischen Wort Cuculla, das Kapuze [franz.:  'cagoule'] bedeutet und als 'Kulkulle' auch zum Lehnwort geworden ist.
Von der Kapuze hat sich der Begriff auf die mit ihr verbundene Oberbekleidung ausgedehnt" (Großmann 1980: 807, FN 47; siehe auch Volk 1980: 231). Und von der Kleidung ist die Bezeichnung auf die diese Kleidung tragenden Menschen, deren Haus, deren Kirche und die Gasse übergegangen.

Im Zuge der Reformation löste der ehemalige Schüler der Kugelherren, Landgraf Philipp, der kurz darauf die Universität gründen sollte, das Bruderhaus auf. Nach Gründung der Universität am 30. Mai 1527 ging das Gebäude in deren Besitz über, wie auch viele andere Klöster und Stiftungen.

  Landgraf Philipp plante im Rahmen seiner Universitätsgründung eine Stipendiatenanstalt, damit auch weniger gut begüterte Studenten das Studium der Theologie an der Universität aufnehmen konnten. Dieser Anstalt wurde das Kugelhaus 1546 zugewiesen. Dafür wurde es umgebaut und neu eingerichtet (Heinemeyer 1977: 2 f.). Bis 1650, als die Universität vorübergehend schloss, blieb es bei dieser Einrichtung im Kugelhaus. Ab 1653, der Neueröffnung der Universität, wurden in dem Gebäude Wohnungen für Professoren eingerichtet.

Von 1853 an beherbergte das Kugelhaus das Amtsgericht, ab 1894 das Seminar für Historische Hilfswissenschaften, 1922 das Seminar für mittelalterliche Geschichte, von 1929 bis 1966 das Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden. "Nach gründlicher Renovierung, u. a. auch dem Einbau einer Zentralheizung konnte das Völkerkundliche Seminar am 1. Oktober 1971 in das Kugelhaus einziehen" (Nachtigall [o. J.]: 4).




Text: Stéphane Voell, aus "... ohne Museum geht es nicht". Die Völkerkundliche Sammlung der Philipps-Universität Marburg (Curupira Workshop, 7). Marburg: Curupira.  256 S. (ISBN 3-8185-0318-4)


Literatur:

Dettmering, Erhart / Rudolf Granz (Hrsg.), 1980: Marburger Geschichte: Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen. Marburg: Magistrat der Stadt Marburg. 1138 S.

Großmann, Dieter, 1980: Bau- und Kunstgeschichte der Stadt Marburg. In: Erhart Dettmering/Rudolf Granz (Hrsg.) Marburger Geschichte: Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen. Marburg: Magistrat der Stadt Marburg: 775-880.

Heinemeyer, Walter, 1977: Die Marburger Kugelherren als Wegbereiter der Universität. In: Walter Heinemeyer/Thomas Klein/Hellmut Seier (Hrsg.) Academia Marburgensis: Beiträge zur Geschichte der Philipps-Universität Marburg. Marburg: Elwert: 1-48.

Nachtigall, Horst [o.J.]: Die Völkerkundliche Sammlung Marburg. Marburg: [o.A.]. 50 S.

Schwind, Fred, 1980: Erhart Dettmering/Rudolf Granz (Hrsg.) Marburger Geschichte: Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen. Marburg: Magistrat der Stadt Marburg: 167-200.

Volk, Otto, 1980: Stadt und Schule im mittelalertlichen Marburg. In: Erhart Dettmering/Rudolf Granz (Hrsg.) Marburger Geschichte: Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen. Marburg: Magistrat der Stadt Marburg: 201-236.

Zuletzt aktualisiert: 21.11.2007 · sonderma

 
 
 
Fb. 03 - Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

Vergleichende Kulturforschung, Landgraf-Philipp-Straße 4, 35032 Marburg
Tel. +49 6421/28-22480, Fax +49 6421/28-23944, E-Mail: relwiss@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/fb03/ivk/institut/kugelhaus

Impressum | Datenschutz