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Wolfgang Nethöfel 
 
"Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner." 
Theologie und Nanotechnologie 
 
Was heißt und zu welchem Ende beschäftigt sich ein Theologe mit Nanotechno-
logie?  Um Gottes willen – so könnte man hinzufügen. Genau so werde ich aber 
meine Antwort beenden. Auf dem Weg dahin werde ich auch die sicher einige ge-
nauso bewegende Frage zu beantworten versuchen, wovon denn dabei überhaupt 
die Rede ist. Ich werde einleitend die These bestreiten, dass es die Nanotechnolo-
gie eigentlich gar nicht gibt und mich in diesem Zusammenhang auf deren Entste-
hungsgeschichte berufen (1). Im Hauptteil setze ich mich zunächst mit Banalisie-
rungen und Dramatisierungen der Nanotechnologie auseinander, ehe ich sie als 
technischen Umgang mit Grenzphänomenen bestimme. Dieser ist nur durch Dritte 
Größen steuerbar, die selbst zwischen einem qualitativen und einem quantitativen 
Zugriff auf die Wirklichkeit vermitteln (2). Die Nanotechnologie erschließt damit 
exemplarisch etwas Neues, und zwar so, dass die Theologie jedenfalls früher dazu 
etwas zu sagen hatte. Im Schlussteil möchte ich das aktualisieren, wie ich hoffe 
zum Nutzen beider Partner, die hier ins Gespräch kommen könnten. Ich tue das 
zunächst – wie erwartet – sozialethisch, im Fazit aber als systematischer Theolo-
ge. Der Nanotechnologie entspricht nur eine Hermeneutik der Schöpfung, die ich 
als fundamentaltheologische Herausforderung und Chance zu verstehen gelernt 
habe (3). 
In diesem Schlussteil, in dem wir uns im Grenzbereich kleinster wie größter Grö-
ßen bewegen, komme ich nicht nur auf das im Titel verwendete, eigentümlich gut 
passende Lutherzitat zurück, sondern auch auf die Schiller entlehnte Einleitungs-
frage. Der bezog sich in seiner berühmten Jenaer Antrittsvorlesung nicht auf so 
etwas scheinbar Profanes wie die Nanotechnologie, sondern immerhin auf Uni-
versalgeschichte. Allerdings musste auch er schon unterscheiden zwischen den 
„philosophischen Geistern“, die er sich als Studierende wünschte, und den bloßen 
„Brotgelehrten“, auf die vermutlich auch damals schon Politik, Universität und 
künftige Arbeitgeber eher erpicht waren. „Wer hat über Reformatoren mehr ge-
schrieen als der Haufen der Brotgelehrten?“, setzt seine leicht verzweifelte Ge-
genargumentation ein. „Ebenso sorgfältig als der Brotgelehrte seine Wissenschaft 
von allen übrigen absondert, bestrebt sich jener“ (also der „philosophische Geist“, 
W.N.), „ihr Gebiet zu erweitern und ihren Bund mit den übrigen wieder herzustel-
len.“ Das sollte Theologen wie Nanowissenschaftlern zu denken geben. Ich denke 
dabei hier wie im Folgenden immer gleichzeitig an Männer und an soviel Frauen 
wie möglich. Allerdings haben da einige Theologen die Reformation hinter sich 
und sind den naturwissenschaftlich-technischen Fachbereichen weit voraus. 
 
 
1. Nanotechnologie? 
 
- Die Nulldefinition der Nanotechnologie  

 „Wer hält den Fortgang nützlicher Revolutionen im Reich des Wissens mehr auf, 
als eben diese (Brotgelehrten)?“, fragt Schiller im Fortgang seiner Argumentation. 
Aber ist Nanotechnologie überhaupt etwas Neues, ist sie überhaupt etwas, oder ist 
dieser Name nur eine als solche wirkende Sammelbezeichnung, unter dem längst 
bekannte Erkenntnisse und Technologien zusammengestellt werden? Eben diese 
Vermutung steht hinter den skeptischen ‚Nulldefinitionen’ der Nanotechnologie, 
wie ich sie nennen möchte – wenn nicht gar der Verdacht, man verwende jene 
Modebezeichnung, um nach der Informationstechnologie von einem neuen Hype 
zu profitieren, der sich abzeichnet. Es ginge dann unter diesem Namen eigentlich 
um Drittmittel, um Investitionsgelder und um Werbung für neue Produkte. Unter 
gegenwärtigen akademischen Rahmenbedingungen kann daraus leicht der Vor-
wurf werden, eine Chance zu verpassen. Der Marburger Kollege Joachim Wen-
dorff, ein Gründervater unserer Interdisciplinary NanoGroup, hatte sich mit seiner 
Arbeitsgruppe sehr früh mit Phänomenen im Nanobereich beschäftigt. Weil dieser 
sich zwischen dem eigentlich atomaren und jenem Bereich von Molekularverbin-
dungen befindet, mit dem sich Chemiker normalerweise beschäftigen, hielt man 
es für elegant, die Bezeichnung ‚Mesotechnologie’ zu verwenden, gerade als ‚Na-
notechnologie’ sich durchzusetzen begann – eine Katastrophe. 
Auch abgesehen von jenem Verdacht scheint viel für jene Nulldefinition zu spre-
chen. Mit ‚Nanotechnologie’ hatte der japanische Forscher Norio Taniguchi 1974 
einfach Technologien bezeichnet, die mit weniger als einem Mikrometer Abwei-
chung arbeiten können, denn das sind 1000 Nanometer (10-6  m). Das entspricht 
etwa der Größe einzelner Bakterien, die man zu Beginn der Neuzeit unter dem 
Mikroskop sichtbar machte, während ein menschliches Haar zwischen 20.000 und 
50.000 Nanometer dick ist. 10 Wasserstoffatome nebeneinander wären ein Nano-
meter ‚groß’, auf einer Nadelspitze hätten 900 Millionen … Nanopartikel Platz. 
Denn so gut wie alle Definitionen der Nanotechnologien enthalten heute den 
Hinweis, Nanotechnologie befasse sich mit Strukturen und Funktionen im Bereich 
zwischen einem und 100 Nanometern. Das liegt mit 10-9 m und 10-7 m mindestens 
eine Größenordnung unter dem von Taniguchi ins Auge gefassten Bereich. Hier 
treten so genannte Quantenphänomene auf, die Stoffeigenschaften und Material-
funktionen verändern: Gold wird rot, es geht aber auch aggressiv Verbindungen 
ein, weiche Stoffe werden hart, andere verändern ihre Leitfähigkeit. Der Hinweis 
auf solche Veränderungen findet sich ebenfalls in den meisten Definitionen der 
Nanotechnologie. 
Aber was bedeutet das? Quantenphänomene sind im Prinzip bekannt. Die Techno-
logien, mit denen man in jenem Bereich arbeitet, sind es ebenfalls. Mit Goldnano-
partikeln erzeugte man schon im Mittelalter das wunderbare Rot der Kathedral-
fenster, seine Partikeleigenschaften nutzen wir ohne jene Bezeichnung längst bei 
Fahrzeugkatalysatoren und in Filtern. Wo damit aggressiv geworben wird: bei 
Reinigungsmitteln, die Schmutz abperlen lassen, handelt es sich wiederum nach 
den meisten Definitionen gar nicht um Nanotechnologie, denn der Lotuseffekt 
selbst ist kein Quantenphänomen. Außerdem sind die verwendeten Technologien 
sehr verschiedenartig. Oft unterscheidet man hier einen Top-Down-Ansatz, in 
dem das Ausgangsmaterial immer mehr zerkleinert wird, von einem Bottom-up-
Ansatz, in dem man Atome oder Moleküle sich zusammenfügen lässt, um er-
wünschte Funktionen zu erzeugen. Von ‚Nanotechnologie’ spricht man dann, weil 
zwei Ansätze, die ursprünglich gar nichts miteinander zu tun hatten, jetzt im sel-
ben Größenbereich wirksam werden. Nun gibt es dort zwar konvergierende Er-
kenntnisse, man entwickelt Werkzeuge und Techniken gemeinsam, es gibt auch 
 
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technologische Hybridformen. Aber es sei immer noch schwer, abgesehen von 
derselben Größenordnung des Arbeitsbereiches wirkliche Gemeinsamkeiten zu 
entdecken, heißt es im typisch unterkühlten Nanotechnologiebericht der Royal 
Society und der Royal Academy of Engineering. Allenfalls könne man daher ein 
evolvierendes neues Technologiefeld benennen. Dann solle man aber besser im 
Plural beleiben. 
Kann man überhaupt von echter Interdisziplinarität reden? Auch hier kann die 
Nulldefinition helfen, hinter Drittmittelkulissen auf den harten Kern der Fachor-
ganisation zu schauen. Und die Nulldefinition warnt nicht nur vor Fehlinvestitio-
nen, sie erinnert nicht nur auf fortbestehende Probleme realer Nanokooperation, 
sie kann auch Verschleierungen oder sich einschleichende Nachlässigkeiten auf 
jenem ins Auge gefassten Feld verhindern. Die Skeptiker, die sie verwenden, wei-
sen gern darauf hin, dass die Risiken der alten Technologien auch dann nicht ver-
schwinden würden, wenn die Nanotechnologie wirklich etwas ganz Neues wäre 
(was mit den neuen Chancen dann freilich auch wiederum neue Risiken erwarten 
ließe). Gold ist wiederum ein gutes Beispiel. Wenn die Partikel kleiner und ag-
gressiver werden, könnte die Gefahr typischer Allergien wachsen. Wenn die Pro-
dukte der neuen Technologie fadenförmig werden, dann müssen sie auf asbest-
ähnliche Gefahren hin untersucht werden, auch wenn sie Nanotubes heißen und 
Medikamente an sonst nicht erreichbare Krankheitsherde transportieren können. 
Die Durchdringung von Zellmembranen und die Überwindung der Blut-Hirn-
schranke sind dabei prinzipiell bekannte, nun aber bewusst erzeugte Effekte: aber 
mit möglichen neuen Nebenfolgen, die bei Nanokosmetika schon an der Haut-
grenze einsetzen könnten. Generell ist zu beachten, dass Spitzenforschung in die-
sem Bereich mit Effekten und Techniken an der Nachweis- und Beherrschbar-
keitsgrenze arbeitet, was eben auch die bisherigen Arbeitsschutzbestimmungen, 
Freisetzungs- und Toxizitäts-Grenzwerte in Frage stellt – man denke nur an die 
lässige Unterschreitung jeder noch mit herkömmlichen Filtern oder Sensoren be-
herrschbaren Größenordnung. 
Gewitzt durch ihre Erfahrung mit der Gentechnologie, empfiehlt daher die ETC-
Gruppe, die sich als Nicht-Regierungsorganisation früh eingeschaltet hat, auch bei 
der Nanotechnologie darauf zu achten, wer sich jeweils mit welchem Interesse 
äußert, wer sich die entsprechenden Patente sichert, wer bezahlt und was bereits 
gemacht wird. Neben der Pharmaindustrie ist auffällig oft das Militär beteiligt. 
Die Gruppe empfiehlt ein Moratorium für die kommerzielle Herstellung von Na-
noprodukten, bis sich die Zivilgesellschaft in einem weltweiten Prozess über die 
Folgen für Umwelt, Gesundheit und für die Gesellschaft im Ganzen Klarheit ver-
schafft hat. Der britische Bericht empfiehlt stattdessen, Nanopartikel einfach 
durchweg nach den für unbekannte neue Verbindungen geltenden Sicherheitsbe-
stimmungen zu behandeln und diese gegebenenfalls durch neue Grenzwerte zu 
verschärfen. 
 
- Die Nanotechnologie-Story 
Die Entstehungsgeschichte der Nanotechnologie kann und soll einer kritischen 
Einstellung nicht widersprechen, von ihr gehen aber deutliche Warnsignale vor zu 
schnellen Schlüssen aus. Wenn man den Weg einer Innovation zurückverfolgt, 
stand fast immer eine schöpferische Intuition am Anfang. Mit der Nanotechnolo-
gie beginnen wir vielleicht demnächst auf Knopfdruck Nahrung herzustellen und 
zu heilen wie an Bord des Raumschiffes Enterprise, nachdem wir schon bis zum 
 
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Mond fliegen können und uns ganz selbstverständlich wie Science-Fiction-
Astronauten mit drahtlosen Minigeräten untereinander verständigen. Aber auf-
schlussreicher ist, dass am Anfang der Nanotechnologie eine prophetische Rede 
stand, die ebenso in ein Textbuch angewandter Kreativitätspsychologie gehört, 
wie einschlägige Befragungen von Einstein und Picasso oder die Berichte von der 
Entdeckung des Benzolrings und der Genom-Doppelhelix. 1959 entwickelte nun 
der Physiker Richard Feynman in einem Abendvortrag fast beiläufig die bis heute 
wegweisende Vorstellung einer ganz neuen Technologie, die sich mit der Mög-
lichkeit eröffne, Dinge „Atom für Atom“ anzuordnen. Die Quantenmechanik er-
laube dann bei der Reproduktion und Herstellung von Stoffen auf neuartige Kräfte 
und Wirkungen zu vertrauen. Eigentlich, so die epochale Vision des geistigen 
Gründervaters der Nanotechnologie, ist der Mensch aufgefordert, seine Welt zwi-
schen zwei Unendlichkeiten zu entdecken und zu erobern. Es gibt eben nicht nur 
die Weiten des Weltalls, auch ‚unten’ ist viel Platz. ‚There is Plenty of Room at 
the Bottom’, war der Vortrag angekündigt worden: noch ohne die magische Vo-
kabel ‚Nanotechnologie’. 
Wie an der Schnur gezogen erfüllte die Technik dieses Programm, in Schritten, 
die im Einzelnen wieder nobelpreiswürdig waren. Gerd Binnig und Heinrich Roh-
rer entwickelten 1982 mit dem Rastertunnelmikroskop ein Darstellungsverfahren, 
mit dem Don Eigler 1989 bereits einzelne Atome zu einem Muster anordnete: zu 
Ehren seines Auftraggebers in der Buchstabenform IBM. Nachdem Harold Kroto 
und Richard Smalley 1985 die so genannten Bucky-Balls und Sumio Iijima das 
röhrenförmige Anordnungsprinzip von Kohlenstoffatomen entdeckt hatten, eröff-
neten sich nun wie in Feynmans Vision Konstruktionsmöglichkeiten auf der ato-
maren Ebene: von den ersten Punkten und Reihen über Flächen, Gewebe und 
Hohlkörper bis hin zu Nanomaschinen, die nun in der dritten Dimension ihre von 
Menschen bestimmte Arbeit aufzunehmen scheinen. Neuerdings als Nanoauto mit 
eigenem Motor. 
 
 
2. Nanotechnologie! 
 
- Zwischen Banalisierung und Dramatisierung: Nanotechnologie von außen  
Selbst Skeptiker können nicht leugnen, dass die Früchte auf dem Feld der Nano-
technologie sehr schnell reifen. Im Vorfeld des Siebten Forschungsrahmensplans 
wird in einem Kommentar des EU-Sozialausschusses einleitend besonders auf die 
Energieerzeugung und -speicherung mit neuen Brennstoff- und Solarzellen als 
„Nanofarbe“ hingewiesen sowie auf die Materialwissenschaft mit „weitreichen-
de(n) Auswirkungen auf praktisch allen Gebiete(n)“. Der Bericht verweist auf ult-
raharte, ultraleichte, ultrazähe Werkstoffe, neue Oberflächeneigenschaften, Bio-
sensoren usw. Unter den Innovationsbereichen, in denen die Nanotechnologie 
„zur Lösung zahlreicher Probleme der heutigen Gesellschaft beitragen (kann)“ 
werden besonders die Ernährungs-, Wasser- und Umweltforschung hervorgeho-
ben mit neuen Möglichkeiten zur Beseitigung von Umweltschäden sowie die Si-
cherheitstechnik. Als besonders wichtige Produktbereiche werden die Informati-
onstechnologie genannt und medizinische Anwendungen: Diagnoseverfahren, die 
fast punktgenaue Platzierung von Medikamenten oder von Partikeln, mit denen 
sich Krebszellen bekämpfen lassen, biokompatible und bioaktive Implantate, die 
 
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Rekonstruktion von Nervengewebe mit Hilfe von Nanogerüsten – mit  der Aus-
sicht auf biomimetische Werkstoffe und synthetische Organtransplantationen. 
Zusammenfassend heißt es: „Analysten zufolge beträgt der Markt für derartige 
Produkte derzeit 2,5 Mrd. €, könnte jedoch bis 2010 einige Hundert Milliarden 
und danach ein Billion erreichen.“ Zusammenfassende Zahlen aus anderen Be-
richten konvergieren 2015 bei 1 Billion US-Dollar; das sind immerhin 10 % des 
Weltmarktvolumens. Die Nanowissenschaften haben sich in eine Schlüsseltechno-
logie verwandelt. Als ‚enabling technology’ setzt sie notwendige Bedingungen für 
eine Entwicklung von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung mit großer gesell-
schaftlicher Tragweite – und dies gilt im Innovationszusammenhang erfahrungs-
gemäß für diejenigen, die nicht mitmachen, noch mehr als für diejenigen, die da-
bei sind und mitgestalten können. Die Fakten zeigen über die bloßen Volumenan-
gaben hinaus vor allem, dass Nanotechnologie sehr viel schneller zu marktfähigen 
Produkten führt als ihre stärkste Konkurrentin bei den Förderprogrammen: die 
Gentechnologie. Selbst skeptische Einschätzung legt dann einen Vergleich nahe 
zum Verlauf der vorangegangenen Entwicklungen auch in der der Atom- und der 
Informationstechnologie. 
Dann drängt sich die Erkenntnis auf, dass sich die Nanotechnologie am Anfang 
einer kritischen Phase befindet. Wir haben auf der einen Seite eine schnell sich 
entwickelnde Technologie mit einem enormen ökonomischen Wachstumspotenzi-
al, an dem sich dann auch überschießende Hoffnungen und sich überschlagende 
Heilserwartungen festmachen. Wir haben auf der anderen Seite sowohl eine zu-
rückhaltende Betrachtung und auf Erfahrungen gestützte Warnungen vor poten-
ziellen Risiken als auch literarische Horrorszenarien, die vor Nanodiktaturen war-
nen, vor Nanoschleim und -schwärmen und vor Mensch-Maschinen-Wesen: Cy-
borgs, die die Herrschaft über die Welt übernehmen könnten. Aber wie wir auf 
unserer Marburger Tagung ‚Nanotechnology in Science, Economy, and Society’ 
feststellen konnten, gibt es noch keine ideologische Verfestigung, die Befürworter 
und Gegner der Nanotechnologie in zwei feindliche Lager spaltet. Es gibt statt-
dessen bei Politik und Wirtschaft ebenso wie bei inzwischen erfahrenen Bürger-
bewegungen noch die Bereitschaft, sich angesichts einer wirklich neuen Techno-
logie auf einen offenen und ehrlichen, Konsequenzen nicht fürchtenden Dialog 
einzulassen. Ein Kairos. 
 
- Nanotechnologie von innen: Grenzphänomene 
Woran soll man sich aber orientieren, wenn man diesen Kairos wirklich nutzen 
will? Unabhängig davon, wo man einsetzt, führt einen die Nanotechnologie vor 
eigentümlich hinkende Alternativen, und dies ändert sich auch dann nicht, wenn 
man sich darauf einlässt und die Analysen jeweils vertieft. Die meisten Definitio-
nen der Nanotechnologie erweisen sich als tautologisch, weil sie das zu erklärende 
Neue mit dem Auftauchen neuer Eigenschaften erklären – wenn man etwas so 
Banales tut, wie von oben oder unten eine bestimmte Größenordnung zu errei-
chen. Die Europäische Akademie schlägt nach einem zusammenfassenden Über-
blick von Definitionsversuchen stattdessen eine ganz abstrakte Bestimmung vor, 
in der ‚neu’ nicht vorkommt: “Nanotechnologie handelt von funktionalen Syste-
men, die von Untereinheiten mit spezifischen, größenabhängigen Eigenschaften 
der Untereinheiten oder eines Systems aus diesen Gebrauch machen.“ Diese Defi-
nition entpuppt sich aber dann als eine genaue Verfahrensanweisung, in der man 
beliebige Nanotechnologiekandidaten Schritt für Schritt danach beurteilen kann, 
 
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ob klassifizierte Eigenschaften beim Erreichen des Nanobereichs sprunghaft auf-
treten oder nicht. Was aber ist das für ein Sprung? Geht es einfach um verfahrens-
definierte diskrete Größen oder um Quantensprünge – oder um etwas ganz Ande-
res? In den konkurrierenden Definitionen werden immerhin noch die Oberflä-
chenabhängigkeit und die Selbstorganisation als funktionale Erklärungen für die 
plötzlich auftretenden Nanophänomene genannt. Die Praktiker weisen uns aller-
dings darauf hin, dass sich alle diese scheinbar plötzlich auftretenden Verände-
rungen langsam ankündigen. Beim näheren Hinsehen bzw. mit fortschreitender 
Messtechnik wird aus jedem Sprung eine Exponentialkurve. Genau das ist aber 
der Fall, wenn man sich mit analogen Theorieansätzen und eindeutigen Nanover-
fahren den Lotus- oder den Nanobioeffekten nähert, die nach jenem Definitions-
vorschlag als unsichere Kandidaten erscheinen. 
Diese Nötigung zum Perspektivwechsel bei der Annäherung an Oberflächen 
scheint das wirklich durchgehende Strukturprinzip aller nanotechnologischer Zu-
sammenhänge zu sein. Diese Erklärungsalternative aber gibt es, wie wir sahen, 
nicht nur für jedes einzelne Verfahren, sondern auch für diese Technologie im 
Ganzen. Und über die Feststellung hinaus, dass Nanotechnologie faktisch zur 
Voraussetzung vieler anderer Anwendungen geworden ist, kann man auch diesen 
größeren Zusammenhang ganz anders verstehen. Die Frage ist dann allerdings, 
welche Rolle die Nanotechnologie selbst dabei spielt. Das amerikanische NBIC-
Programm hat Furore gemacht, weil hier ‚Nano-, Bio-, Info- und Cogno-Science’ 
zusammenwirken sollen als ‚Converging Technologies for Improving Human Per-
formance’: Konvergenztechnologien, mit deren Hilfe der Mensch – der Kranke, 
der Konsument, nicht zuletzt: der Krieger – leistungsfähiger gemacht werden soll. 
Das NBIC-Mantra lautet: 
„If the Cognitive Scientists can think it 
the Nano people can build it 
the Bio people can implement it, and 
the IT people can monitor and control it.“ 
Man kann über die Zielsetzung des Programms empört sein. Aber die eigentliche 
Herausforderung liegt woanders. Das zu Grunde liegende Funktionsmodell macht 
wirksamer als jede Definition Nanotechnologie zur Grundlage eines neuen Para-
digmas angewandter Forschung. EU-Konzeptionen, die darauf reagierten, schlu-
gen ursprünglich vor, den Konvergenz-Ansatz durch einen radikalisierten E-
nabling-Ansatz zu überholen, um ihn zu überwinden. ‚Nano-Bio-Info-Cogno-
Socio-Anthro-Philo-Geo-Eco-Urbo-Orbo-Macro-Micro’: wenn immer mehrere 
dieser Wissenschaften nach einer gemeinsamen Agenda zusammenwirken, sollten 
sie gefördert werden. Stattdessen kombiniert der Siebte Rahmenplan allerdings 
nun vergleichsweise konservativ die Förderung der Nanotechnologie mit einer 
EU-konformen Begleitforschung, wobei hier nun umgekehrt gefragt werden muss, 
ob dann wirklich in jedem Fall Konvergenz im Sinne des NBIC-Ansatzes geför-
dert wird. 
Ausgerechnet der schon erwähnte EU-Sozialausschuss erklärt allerdings später in 
einer Stellungnahme, Nanotechnologie sei „keine neue Wissenschaft … sondern 
eine neue Art, Chemie, Physik oder Biologie zu betreiben“. Sie gehe von „beson-
deren Eigenschaften aus, die sich in komplexe Strukturen einfügen“, wobei „klar 
sei, dass die produktiven Muster … ersetzt werden durch Ansätze, in denen die 
Maße einen grundlegenden Parameter darstellen
“. Der Top-Down-Ansatz ist hier 
paradigmatisch in den Bottom-up-Ansatz integriert, wie es der ursprünglichen 
Vorstellung Feynmans und der Intuition von Eric Drexler entspricht, dieses durch 
 
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den Einsatz katalytisch funktionierender Nanoassembler zu realisieren. Mikro- 
und Nanoelektronik verweisen schließlich auf die Selbstzusammensetzung von 
Makromolekülen und auf die ‚Biomimetik’ als das zu Grunde liegende Prinzip. 
„Alles, was lebt, ist Selbstzusammensetzung“, heißt es in diesem Kontext. Aber 
nicht alles was sich selbst zusammensetzt, so muss man hier einwenden, lebt auch 
schon. Außerdem steuern sich jene zu Grunde liegenden Prinzipien ja nicht von 
selbst. Und technische Intentionalität, die sich daran ausrichtet, bedarf gerade 
nach der Auffassung des EU-Sozialausschusses selbst noch der Orientierung 
Auch den Innovationsimpuls, der von der Nanotechnologie ausgeht, kann man 
entweder unterschiedlich konventionell interpretieren oder als paradigmatische 
Herausforderung der Innovationswissenschaft verstehen. Dabei gehören nun die 
die Verfechter der reinen Ökonomie in dieser Disziplin zu den konservativsten 
Wissenschaftlern, denen ich begegnet bin, und ihre dogmatischen Auseinander-
setzungen zu den härtesten, die ich (als Theologe!) kenne. Ist das Neue, das diese 
Technik im Wirtschaftsleben auslöst, mehr als eine weitere Gelegenheit, immer 
dieselben nicht sonderlich aufregenden mathematischen Modelle anzuwenden? 
Gibt es Muster in Innovationsprozessen? Ist die Nanotechnologie gar ein Kandidat 
für einen neuen Kondratieff-Zyklus – vielleicht sogar der endgültige Beleg dafür, 
dass es diese sich nach einem bestimmten Rhythmus ablösenden Auslöser von In-
novationszyklen wirklich gibt: und damit etwas, das jenseits der Formelanwen-
dung die qualitative Einschätzungen wirklich neuer Phänomene erfordert? 
Schließlich stellt sich jene Alternative, wenn man die anthropologischen und ge-
sellschaftlichen Veränderungen selbst ins Auge fasst. Ist die Nanotechnologie eine 
Technik mehr, die man so oder so bewerten kann – oder etwas das die Gesell-
schaft und unser Bild vom Menschen im Ganzen verändern wird? Mit Hilfe der 
Nanotechnologie werden vielleicht schon bald Blinde wieder sehen und Lahme 
wieder gehen können. Warum sollen nicht auch Krankheit und Tod endgültig ü-
berwunden werden können? In der Transhumanisten-Szene setzt man nun nach 
Kryonik und Cyberimmortality auf die Nanotechnologie im „War against aging“. 
Unser Marburger Mitgründer Jochen Röpke referierte vor der Gruppe über „Na-
notechnologie und Lebensverlängerung“ „Zur innovationsdynamischen Überwin-
dung des Todes“. 
 
- Nanotechnologie von innen: ein Bereich Dritter Größen 
Hier wird’s wirklich spannend. Die Geister scheiden sich, und man sieht, worum 
es geht: um Dritte Größen, die jene mit der Nanotechnologie offenbar gewordene 
besondere Kombination von Teil und Ganzem, Quantität und Qualität in Grenzbe-
reichen erst  wirksam werden lassen – und die anders als nur ein- und ausgrenzen-
de Definitionen im Stande wären, sich auf Nanotechnologie einzustellen und sie 
wirksam zu steuern. Jochen Röpke rekonstruiert in seinem Referat Raymond 
Kurzweils Nano-Interpretion eines Modells von Aubrey de Gray, das jene phan-
tastische Vorstellung von der Überwindung des Todes scheinbar empirisch belegt. 
Wenn man den exponential ansteigenden Erkenntnis- und Fähigkeitszuwachs der 
Menschheit in geeigneter Weise mit ihrer ebenfalls exponential steigenden Le-
benserwartung kombiniert, dann lässt sich ein im wesentlichen nanotechnologi-
scher Zentrifugaleffekt prognostizieren, mit dem die Menschheit Alter und Tod 
ebenso entfliehen kann, wie sie durch Raumfahrt die Schwerkraft der Erde über-
wunden hat.  
 
 
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Die Verheißung lautet: Die heute geborenen Menschen werden ihr Leben erstmals 
so lange verlängern können, dass sie in der jeweils verbleibenden Zeit mit neu er-
fundenen Technologien ihr Leben wieder solange verlängern können, dass sie für 
immer und ewig im grünen Bereich des Lebens verbleiben – und dabei mit Si-
cherheit Zeit genug haben, sich in aller Ruhe der Folgeprobleme annehmen zu 
können. Dieses Modell kombiniert den quantitativen und den qualitativen Aspekt 
durch die Verwendung der Unendlichkeitsvorstellung und konstruiert dadurch et-
was Neues. Diese konstruktive Durchbrechung der Grenze von innen ist das Prin-
zip der Nanotechnologie. Allerdings verwendet Kurzweil einen Trick, den sensib-
le Geister im Netz wiederum als typisch theologisch denunzieren. Bereits in der 
Einführung der Null sehen sie eine Verschwörung, mit der die Theologie sich 
selbst begründet. Vernünftige Menschen hören auf zu zählen, wenn sie nichts 
mehr unterscheiden können. Der skeptische und im Nanodialog geschulte Theolo-
ge argumentiert freilich genauso: Die Menschen müssten nicht immer mehr, son-
dern etwas Bestimmtes rechtzeitig wissen und können, um die Grenzhülle zu 
durchbrechen, die ihrer Existenz die Lebensform gibt. Das stoppt die Aussicht auf 
unendlich viele Wesen, die unendlich lange leben werden: sei es auf der Erde oder 
auf unendlich kleinen Nadelspitzen. Dennoch wird dieses Modell zugleich der 
Nanotechnologie wie der Innovationsvorstellung überhaupt in eigentümlicher 
Weise gerecht; das macht es so verführerisch. 
„Bleibt der Erde treu“, könnte man den entscheidenden Unterschied mit Nietzsche 
benennen. Der kam immerhin aus einem Pfarrerhaushalt und wusste, warum er 
das sagte. Die Qualität eines theologischen Ansatzes beweist sich daran, wie er 
sich an konkreten schöpfungstheologischen, christologischen und theologisch-
anthropologischen Fragen abarbeitet und ob er angesichts seiner ethischen und 
seelsorgerlichen Konsequenzen korrekturfähig bleibt. Auch Nanotechnologie 
funktioniert nur als Kombination von Reflexions- und Kontrolltheorie. Wie die 
Astrophysik im Großen rechnet sie zwar in ihren Modellen mit dem Unendlichen, 
bindet dieses aber durch ihre Hypothesenbildung an Instrumente, die zugleich Be-
obachtungs-, Darstellungs- und, denken wir an Eiglers IBM-Muster: auch 
Verbreitungsmedium sind. Nirgends sonst ist die interdisziplinäre Kooperation 
mit den Medienwissenschaftlern so tief in der Sache selbst verankert. 
In der Nanotechnologie tritt das Prinzip zutage, das sich in der Quantenphysik an-
kündigte: Beobachtung und Eingriff sind eins, Diagnose und Therapie, bildgeben-
de und mikroinvasive Verfahren wachsen zusammen. Es geht um eine Erkenntnis, 
die verändert – so oder so, fügt der Theologe hinzu. Er kennt das aus der Gnosis 
und ist als Vertreter einer seit Generationen Erfahrung kumulierenden Traditions-
 
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gemeinschaft ausgerechnet hier skeptisch, weil er weiß, dass hier alles an der 
Qualität des Gesamtmodells hängt, das die Kontinuität des Realitätsbezuges si-
cherstellt. 
Wir haben in unserer NanoGroup gelernt, gemeinsam genau hinzusehen. Quan-
tensprünge sind die digitale Reduktion eines Gestaltmusters, das durch die Mess-
anordnung bestimmt ist. Die Nanotechnologie orientiert sich selbst im Kernbe-
reich durch eine Art Dopplereffekt, indem sie zum einen in einem kontinuierli-
chen, Intentionen, Incentives und Erfahrungen verarbeitenden Verfahrenszusam-
menhang diese Anordnungen weiter entwickelt, zum anderen von diesen nicht be-
liebigen technischen Voraussetzungen immer wieder neu Oberflächen als Sys-
temgrenzen ins Auge fasst. Funktionierende Dritte Größen leisten hier eine Art 
Feinjustierung, da sie intern wie René Thoms katastrophentheoretisches Modell 
aufgebaut sind. In ihm erweisen sich Sprünge auf der Kontrollebene stets als Pro-
jektionen von unzugänglichen ‚Falten’ der Verhaltensoberfläche eines übergeord-
neten Systems. Man erkennt dessen charakteristische Eigenschaften nur, wenn 
man aus der Ameisenperspekive heraustritt, nicht auf diesen ‚Falten’ als dichten 
Oberflächen herumspaziert, sondern sie aus der Distanz als Diskontinuitäten the-
matisiert. Diese aber versteht man wiederum nur, wenn man sie von den System-
eigenschaften her als unendlich porös, als immer neu sich öffnende Löcher zwi-
schen den Systemelementen interpretiert. Im einen wie im andern Fall ermöglicht 
ein anderes Verhalten einen Dimensionssprung der eigenen Wahrnehmung und 
erschließt ‚etwas Neues’.  
 
 
 
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Dieses Neue ist allerdings stets etwas Bestimmtes, das gleichzeitig eine bestimmte 
Gestalt und eine unverwechselbare Entstehungsgeschichte hat, die bei einer ge-
nauen Bestimmung beide ins Auge gefasst werden müssen. Das System gibt sich 
nur durch den einen Beobachtungsakt zu erkennen, der es aus dem Gleichgewicht 
bringt. Und der Perspektivwechsel zwischen der Kontrollebene und dem Katast-
rophenraum mit jener bestimmten Oberflächengestalt, die Systeminformationen 
vermittelt, stellt zugleich die Beobachtungsachse fest, die im Auge des Betrach-
ters endet. Indem seine Hand das Instrument fixiert, orientiert er sich selbst. Sein 
Name, seine Intention klebt wie eine Gödelzahl am singulären Ereignis, das er 
zugleich erzeugt und beobachtet. Das heißt gerade nicht, dass dies etwas rein Sub-
jektives, nicht Reproduzierbares ist. Vielmehr lässt die eine Grundoperation, die 
Luhmanns mathematischer Gewährsmann Spencer Brown als „Draw a distincti-
on“ beschrieben hat: unterscheide Hinter- und Vordergrund, die ‚Laws of Form’ 
in und zwischen allen Systemen hervortreten. Komplexe Formen lassen sich 
durch kaskadenförmige Entscheidungsketten darstellen, in denen Verzweigungs-
knoten Kopien durch Figur-Hintergrundentscheidungen ersetzen, die neue Gren-
zen erzeugen – intern oder extern, je nach Perspektive des Beobachters. 
Aber das gilt nur unter einer Bedingung, die beide übersehen haben: Der Algo-
rithmus der gödelisierbaren Verkettung solcher Elementarunterscheidungen legt 
zugleich den Ort jeder Verzweigung fest, so dass die formalisierte Beschreibung 
der Form zugleich als individuelle Geschichte ihrer Genese gelesen werden kann. 
Der universale Kalkül hätte die Form der Schöpfungsgeschichte – oder sagen wir 
vorsichtig: Wir stehen vor den Gesetzen der Evolution aller Ordnungsgestalten 
unseres Universums, die sich in Nanokonstellationen jeweils selbst thematisieren. 
 
 
3. Nano-Theologie. 
 
- Orientierungskonstellationen 
Die Traditionsgemeinschaften stehen gegenwärtig gemeinsam vor einer epochalen 
Orientierungsaufgabe. Ein globales Hollywood-Bollywood-Mediensystem insze-
niert chaotisch Sinnfragmente aus allen Epochen und Kulturen, als ob Finnegans 
Wake verfilmt würde – einerseits. Anderseits gehen von einem frei flottierenden 
Kapitalmarkt Investitionsanreize für Innovationen aus, die von qualitativen Ziel-
setzungen völlig abgekoppelt zu sein scheinen. Diese Entkoppelung bezeugt eine 
Schwundstufe des Neuzeitparadigmas. Als es darum ging, die Schrecken der Re-
ligionskriege zu beenden, half das Buchmedium den Nationen und den Einzelnen, 
einerseits in Messtabellen und doppelter Buchführung das eigene Vorankommen 
zu kontrollieren, anderseits orientierende Sinnbilder einer kollektiven und indivi-
duellen Fortschrittsgeschichte zu entwickeln. Beide Aspekte wurden entkoppelt 
und erst dann auf einen Gott projiziert, der der unendlichen Zeit einen unermessli-
chen Sinn verlieh. 
Die neu arrangierten Orientierungsmuster, die exemplarisch gelungene wie ge-
scheiterte Menschheitserfahrungen speichern, werden heute im guten Fall selbst 
zu Werbungs- und Unterhaltungszwecke reproduziert. Im schlechten Fall werden 
sie ideologisch funktionalisiert, bis wieder frühneuzeitliche Gewaltkonstellationen 
entstehen – allerdings in Verdrängung einer ganz anderen Problemlage. Jetzt er-
wacht der träumende Riese in der Matrix. Er begreift sein Gehirn als das Überle-
 
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bens- und Navigationssystem des Raumschiffes Erde. Auf seine Orientierungs-
muster haben alle Zugriff, Regulierungen müssen abgestimmt werden und über-
zeugen, tragende Überzeugungen vom Sinn und Zweck der Reise treten nach dem 
Blick in die Unendlichkeit des Raumes draußen als Orientierungsbild aus der Un-
endlichkeit der Netzinnenwelt hervor. Nicht mehr in der Zeit, sondern im Raum, 
nicht als der Sinn der Geschichte, sondern als Qualität des Systems. 
Die Reflexionstheorien der Traditionsgemeinschaften: Philosophien wie Theolo-
gien sind besonders gefordert. Dass, um mit Herder (oder Moltmann) zu sprechen, 
die „ersten Freigelassenen der Schöpfung“ ihre Sache selbst in die Hand nehmen 
wollen, kann dabei den Theologen nicht ernstlich irritieren. Drexler, der bereits 
1984 am Anfang einer „Era of Nanotechnology“ sehr publikumswirksam die „En-
gines of Creation“ anwerfen wollte, und Smalley, der hier wie die meisten seiner 
Kollegen prinzipielle Beschränkungen des Machbaren hervorhob, streiten sich 
nach einem Muster, das ihm aus der Geschichte seiner Traditionsgemeinschaft 
vertraut ist. Er hat die Hypothese, dass die Nanokollegen ein Grundmuster unserer 
Traditionsgemeinschaft reproduzieren, das sich in fortlaufender Dynamik selbst 
ganz konsequent säkularisiert hat. Das bestätigt sich ihm, wenn er in diese alten 
Muster die nanotechnisch aktualisierte Thematik von Grenze und Grenzüber-
schreitung, von Unendlichkeit und Perspektivwechsel einträgt. Auch damals 
schon überlagerten sich Systeme wie in einer russischen Puppe. Lukas zum Bei-
spiel interpretiert in seinem Evangelium wie in seinem Gleichniskapitel Jesu 
Fortwirken ebenso wie dieser selbst schon durch seine Lehre sein Wirken inter-
pretiert hatte. Im Kern steht ein prophetischer Bußruf, der in eine weisheitliche 
Schöpfungslehre integriert ist. Jesu lehrt in den Gleichnissen, was er in seinen 
Mahlgemeinschaften und mit seinen Heilungen zeichenhaft vorlebt: Die Haltung 
überschießender Freude über das jeweils Wiedergefundene irritiert zwar die All-
tagsorientierung. Aber sie ist klug, weil sie jenen Perspektivwechsel vorweg-
nimmt, der den Alltag durchsichtig macht auf den Richtungssinn der Schöpfung. 
„Kehrt um. Tut Buße.“ So könnte man sich hineinorientieren in die anbrechende 
Gottesherrschaft. Das allerdings ist das wahre Problem. 
Das falsche Problem ist heute ein theologisches. Jenes Modell setzte und setzt den 
punktgenauen Absprung voraus. Aber die Theologie versteht sich heute durchweg 
als Inbegriff der Geisteswissenschaften, und diese blamieren sich regelmäßig an 
der Wirklichkeit, die, bedenkt man es genau: eigentlich immer genau an jener 
Grenze zum Unendlichen als technisch nutzbarer naturwissenschaftlicher Erfolg 
zu Tage trat. Wer meint, bei jenen Grenzphänomenen handele es sich um einen 
bloßen Umschlag von Quantität in Qualität, verrennt sich sehr schnell in den 
Sackgassen einer idealistischen oder materialistischen Ideologie. Ebenso desorien-
tiert irrt umher, wer seine bloße Abwehrreaktion auf den jeweils letzten naturwis-
senschaftlichen Erkenntnisfortschritt hinter der Behauptung verbirgt, die Wirk-
lichkeit offenbare sich ihm beim bloßen Wahrnehmen von ‚Phänomenen’. Es wird 
dann peinlich, wenn dieselbe Phänomenologie, die zuvor auf prinzipielle Lücken 
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse verweist, sich plötzlich als deren Parasit 
entpuppt und sich durch empirische Forschungsergebnisse bestätigt sieht.  Wer 
will, kann im Umfeld der Gehirnforschung gegenwärtig beides gleichzeitig beo-
bachten. 
Wie der Strukturalist Lévi-Strauss einmal sagte, gibt sich die Natur eher durch die 
Art zu erkennen, wie sie sich uns jeweils entzieht. Oder positiver und näher an 
den Erfahrungen der Naturwissenschaftler: Wir bleiben der Wirklichkeit am si-
chersten auf der Spur, wenn wir dem folgen, was sich auf unser Fragen hin über-
 
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raschend als zugleich bestimmt und notwendig erweist. Wissenschaftliche Orien-
tierung ist auch ohne Dritte Größen stets auf ein Zusammenspiel von Reflexions- 
und Kontrolltheorie angewiesen. Bei den Naturwissenschaften repräsentiert re-
gelmäßig eine mathematische Theorie des Unendlichen die eine, das Experiment 
die andere Größe. Das bewahrt sie am Anfang vor den gröbsten Fehlschlüssen, die 
sich hinter der nächsten Kurve auch durch technisches Versagen bei der Anwen-
dung verraten würden. In den Geisteswissenschaften gab es dafür einen Ersatz 
durch den philologischen Textbezug, der ja nicht zufällig im Kern als Kontroll-
theorie funktionierte, erst durch die eigentlich positivistische historische Kritik, 
später durch die Semiotik, die den semantischen Kern durch nichtbeliebige Zei-
chenkonstellationen festzustellen vermag. Die katholischen wie die protestanti-
schen Transzendentaltheologien haben sich dem entzogen, ebenso verblieben die 
offenbarungs- und existenztheologischen Theologien in jener Entkoppelungskons-
tellation der zwei Kulturen, als deren Anlass wie deren Hintergrundbedingungen 
immer mehr zur Vergangenheit wurden. 
Das zeigt sich besonders deutlich am Niedergang der katholischen Naturrechtstra-
dition, die heute auf eine von den Naturwissenschaften längst überwundene posi-
tivistische Naturvorstellung fixiert ist. Zu den Hochzeiten, man kann sagen zu den 
Sternstunden nicht nur protestantischer Theologie am Ende des letzten Jahrtau-
sends gehörte allerdings die Integration der historischen Kritik durch das Modell 
existentialer Interpretation in die Existenztheologie Bultmanns. Die Ausarbeitung 
einer empirischen Kontrolltheorie ist dann trotz der späteren Anwendung empiri-
scher Methoden in der Praktischen Theologie nicht geglückt. Alle Disziplinen 
versagten vor der Aufgabe, am Ende der Neuzeit den Linguistic Turn zur Semio-
tik nachzuvollziehen, durch den sich in den übrigen Geisteswissenschaften die 
nächste Epochenwende vorbereitete. 
 
- sozialethische Konsequenzen 
Durch das Fehlen einer ausgearbeiteten theologischen Theorie Dritter Größen ha-
ben wir in der Sozialethik die schlechte Wahl zwischen Luhmanns systemtheore-
tischer Banalisierung des Qualitativen und der Banalisierung einer quantifizieren-
den Ökonomie durch Habermas. In der Nanotechnologie, in der der innovations-
ethische Kern unserer epochalen Orientierungsprobleme zu Tage tritt, bietet sich 
allerdings vielleicht ein Ansatzpunkt zur besseren Bewältigung auch jener ande-
ren Regulierungsprobleme, die uns in unserer Übergangssituation bedrängen. 
In der Marburger NanoGroup gehen wir wie die Europäische Akademie bei ihrem 
Definitionsverfahren der Nanotechnologie prinzipiell induktiv vor. Aber wir er-
proben Orientierungsmuster, die selbst von der Art Dritter Größen sind, um den 
Strukturgesetzen gerecht zu werden, die sich im nanotechnologischen Innovati-
onsfeld insgesamt abzeichnen. Um die Kontinuität zum Verfahrensalgorithmus 
nanotechnologischer Innovationen zu gewährleisten, habe ich im Dialog und im 
Erfahrungsaustausch mit den anderen Mitgliedern der Marburger Nanogroup das 
sozialethische Modell des ‚idealen Investors’ entworfen. Dieser integriert nicht 
nur die Stakeholderinteressen, wie sie sich im normalen Wirtschaftsprozess äu-
ßern. In unserem ‚Nanomodul’ muss er sicher sein, dass die Produkte aus integrer, 
d.h. sowohl wissenschaftlich erfolgreicher als auch gegebenenfalls rechtzeitig 
selbst Regeln setzender Forschung hervorgehen, damit der politische und zivilge-
sellschaftliche Konsens für die Drittmittelbewilligung gewahrt bleibt. Gleichzeitig 
müssen die Produkte sowohl auf dem Markt nachgefragte Funktionen aufweisen 
 
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können als auch Sicherheits-, Sozial- und ökologische Standards im sensiblen 
Umfeld einer neuen Querschnitt-Technologie erfüllen, Denn nur wenn die neuen 
Produkte zugleich nachgefragt und gesellschaftlich integrierbar sind, ist auch die 
Refinanzierung über den Kapitalmarkt gesichert. Die Antworten, von denen dieser 
Investor zu Recht überzeugt wäre, würden also im Nanobereich exemplarisch ‚In-
tegral Innovation’ sichern: die Leitvorstellung der Marburger NanoGroup – und 
ein Innovationsmodell! 
Dritte Größen wirken im Prozess. Sie können dies deshalb tun, weil hier gesell-
schaftliche Orientierung über Forschungsintentionen den kreativen Prozess steu-
ert. Wir wollen daher schon junge Forscher Dialogerfahrungen aussetzen: mit 
wirklichen Investoren, aber zuvor mit Kleinanlegern und Vertretern von NGOs, in 
Open-space-Situationen mit Herstellern, Anwendern, Betroffenen, Interessierten: 
von Patientengruppen  über Anwohner von Produktionsstätten bis hin zu Lehrern 
und Lokalpolitikern. Aber jene ‚Investor’-Fragen aus Umwelt und Umfeld können 
auch nur durch Forscher wirksam beantwortet werden, die im Anwendungsbe-
reich arbeiten. Tragfähige, Vertrauen begründende Antworten sind untrennbar mit 
konkretem nanotechnologischen Wissen verbunden. Was heißt innen und außen, 
was Teil und Ganzes im Nanobereich? Wo gibt es neben möglichen Gefahren 
auch physikalische, chemische, biologische Wirkungs-Unmöglichkeiten, also in-
härente Sicherheit?  
Dieses sozialethische Engagement wird erfolgreich sein, das Modell wird sich 
schließlich durchsetzen. Denn abgesehen von den positiven Erfahrungen, die wir 
schon in den vorbereitenden Dialogen und bei vorwegnehmenden Erprobungen 
machen, ist es auch konzeptionell alternativlos. Das Konzept der NanoGroup ei-
ner vorhaltenden, forschungsintegrierten, prinzipiell transdisziplinären TA bringt 
hier den Stand der Technik im Ganzen voran, ganz abgesehen von den bereits 
entwickelten Werkzeugen und dem singulären Programmrahmen. Es verbindet die 
intensive lokale interdisziplinäre Marburger Kooperation zwischen Natur- und 
Geisteswissenschaften (wir nennen uns selbstironisch auch ‚Nano-Geister’) mit 
der globalen Vernetzung der Marburger Nanowissenschaftler. Und das Konzept 
konkretisiert sich im ebenfalls interdisziplinären Netzwerk der ‚Young Scientists’, 
das übers Internet Projektarbeit koordiniert und Summerschools vorbereitet. Auf 
diese Weise werden es letztlich an Dritten Größen ausgerichtete prägende Bil-
dungserlebnisse junger Wissenschaftler sein, die zukünftige Anwendungsfor-
schung orientieren. 
Das sollte Standard werden. Orientierungen dieses Typs müssen sowohl im Kern-
bereich der Nanotechnologie als auch über dieses Feld hinauswirken auf den ge-
sellschaftlichen Umgang mit Innovationen, z.B. in interdisziplinären Standardcur-
ricula an Nano- oder in universitären Ethikzentren. Wir brauchen anfangs indukti-
ve und am Ende noch trennscharfe Orientierungen über neue Technologien, die 
über die Grenzen gesellschaftlicher Funktionssysteme hinweg zuverlässig funkti-
onieren. Es ist zu begrüßen, dass die Integration von nicht nur innovationswissen-
schaftlichen Gesichtspunkten, nicht nur inter-, sondern auch transdisziplinärer 
Methodik, von sozialen, kulturellen und ethischen Gesichtspunkten zum Förder-
standard der EU geworden ist, ohne dessen Beachtung auch Projekte wie das in 
Marburg geplante Behring Centre for Converging Sciences zum Scheitern verur-
teilt sein werden. 
In der Marburger NanoGroup könnten wir aber auch gar nicht hinter unser Koope-
rationsparadigma zurück, ohne theoretisch wie methodisch zu regredieren. Unser 
 
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Programm muss sich allerdings durch seinen Erfolg ausweisen. Abgesehen davon, 
dass es weder in die konservativen Standardmodelle des innovationswissenschaft-
lichen Mainstreams passt noch den vorherrschenden Erwartungen der Zusammen-
arbeit zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen entspricht, ist es auch nicht 
durch das vorherrschende theologische Paradigma legitimiert. 
 
- schöpfungstheologische Entsprechungen 
Vor der Neuzeit war man davon überzeugt, dass Orientierungswissen über Wesen 
und Zusammenhang, Herkunft und Ziel unserer Wirklichkeit müsse sich immer 
wieder neu gegen das stets sich einstellende Routineverhalten durchsetzen und 
bewähren, um uns verlässlich: das heißt im Leben wie im Sterben zu orientieren. 
In der späten Neuzeit reagierte die Theologie auf die konkreten Gestalten des 
Neuen wie auf die zu Tage tretenden produktiven Muster, die uns in ihren Bann 
ziehen und vor neue Orientierungsaufgaben stellen, mit einer gewissen Verlegen-
heit. Schöpfer und Schöpfungsmittler, Schöpfung und Geschöpf: diese Orientie-
rungsmuster der Traditionsgemeinschaft blieben vom naturwissenschaftlichern 
Fortschritt abgekoppelt. Es gibt aber Alternativen. An der Schwelle zur Neuzeit 
entwickelt Luther noch aus jener alten Tradition heraus das wirklich zukunftswei-
sende Modell, dem ich den Untertitel entnommen habe. Er musste damals seine 
Rechtfertigungslehre gegen Widerspruch verteidigen, der uns modern vorkommt. 
Es ging damals schon um die Freiheit des Menschen, die sich plötzlich angesichts 
der Unendlichkeit ihrer innerweltlichen Entfaltungsmöglichkeiten bewähren 
muss, nachdem das metaphysische Gängelband zerschnitten ist. Gegen Luthers 
Erfahrung, dass man selbst nur frei wird, wenn man sich dem schöpferischen Ur-
grund des Seins überlässt, wie er sich in der frei machenden Liebe Jesu offenbart 
hat, verteidigt Erasmus scheinbar modern die menschliche Willensfreiheit. Gegen 
Luthers Einsicht, dass Orientierung hier die Sache selbst ist, verteidigt Zwingli 
scheinbar modern den Freiheitsraum des Menschen, indem er zwischen Zeichen 
und Bedeutung differenziert. Leib und Blut Christi können nicht in den Abend-
mahlselementen Brot und Wein real präsent sein, da der Auferstandene zu Rech-
ten Gottes sitze.  
Wo, eigentlich: was ist denn „die Rechte Gottes?“, fragt Luther Zwingli. Und 
antwortet, dass Gott nach dem Tode Jesu die Menschheit nicht ablege, wie der 
Meister nach getaner Arbeit seinen Kittel: „Nein Geselle, wo du mir Gott hinset-
zest, da mußtdu mir die Menschheit mit hinsetzen.“ Zwar gilt: „Nichts ist so groß, 
Gott ist noch größer“, aber eben auch: „Nicht ist so klein, Gott ist noch kleiner“. 
Gegen Zwingli und Erasmus entwickelt Luther dann seine weltanschauliche 
Grenzen sprengende Lehre von der Allgegenwart, der Allwirksamkeit eines Got-
tes, der sich in Christus ein für allemal mit seiner Schöpfung identifiziert und sich 
in der umschaffenden Liebe, die wir im Rechtfertigungsgeschehen real erfahren 
können, als Schöpfer des Universums offenbart. Wie in uns, so ist Gott im Inneren 
einer jeden Kreatur dieser selbst gegenwärtiger, als diese sich selbst ist. Und er 
gibt sich dort zu erkennen als unablässig und rastlos Neues hervorbringend. „Wir 
sind itzt in der Morgenröthe des künftigen Lebens, denn wir fahen an wiederum 
zu erlangen das Erkenntniß der Creaturen, die wir verloren haben durch Adams 
Fall“, sagt Luther in einer seiner berühmten Tischreden. „Jtzt sehen wir die Crea-
turen gar recht an, mehr denn im Papstthum etwan. Erasmus aber fraget nichts 
darnach, bekümmert sich wenig, wie die Frucht im Mutterleibe formiret, zugericht 
und gemacht wird; so achtet er auch nicht den Ehestand, wie herrlich der sey.“ 
 
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Schließlich gilt beides: Erst wenn wir mit Augen, die Gott uns geöffnet hat, in die 
Welt blicken, erschließt diese sich uns als Schöpfung. Aber Gott erschließt sich 
uns auch nicht ohne seine Selbstoffenbarung in der Schöpfung „Wir aber begin-
nen von Gottes Gnaden seine herrlichen Werk und Wunder auch aus den Blümlin 
zu erkennen, wenn wir bedenken, wie allmächtig und gütig Gott sei; darum loben 
und preisen wir ihn, und danken ihm. In seinen Creaturen erkennen wir die Macht 
seines Worts, wie gewaltig das sey … Dies ubergeht Erasmus fein und achtets 
nicht, sieht die Creaturen an wie die Kuhe ein neu Thor.“ 
Eine analoge Konstellation wird bei Schiller wieder beschworen, wenn er sich um 
die Begründung einer universalgeschichtlichen Perspektive bemüht. „Neue Entde-
ckungen im Kreis seiner Tätigkeit, die den Brotgelehrten niederschlagen, entzü-
cken den philosophischen Geist.“ Warum? Er durchschaut den Kairos: die Offen-
barung des Neuen als die Sache selbst. In solchen Augenblicken „(kommt der 
Weltgeschichte) der philosophische Verstand zu Hilfe, und indem er diese 
Bruchstücke durch künstliche Bindungsglieder verkettet, erhebt er das Aggregat 
zum System, zu einem vernunftmäßig zusammenhängenden Ganzen. Seine Be-
glaubigung dazu liegt in der Gleichförmigkeit und unveränderlichen Einheit der 
Naturgesetze und des menschlichen Gemüts.“ Diese Begründung mag erstaunen. 
Hat Kant denn nicht ein für allemal das ‚Reich der Freiheit’: das eigentlich 
Menschliche, der Natur als das ‚Reich der Notwendigkeit’ gegenübergestellt, wo 
die Naturgesetze herrschen? Aber Schiller war eben ein wirklich guter Kantschü-
ler. Wir brauchen die Kritik der Reinen Vernunft, um das Orientierungsproblem 
zu erkennen. Wir brauchen die Kritik der Praktischen Vernunft, um es als Frei-
heitsproblem zu verstehen. Aber wir brauchen die Kritik der Urteilskraft, um es in 
der Rückanwendung auf die Welt, in der wir leben, anzuwenden. So wie die Ur-
teilskraft Kunst hervorbringt als ‚organisierte Form’, so treffen wir in den Dingen 
eigentlich auf ‚organisierte Wesen’. „Ein organisiertes Wesen ist also nicht bloß 
Maschine, denn die hat lediglich bewegende Kraft, sondern es besitzt in sich bil-
dende
 Kraft, und zwar eine solche, die es den Materien mitteilt, welche sie nicht 
haben (sie organisiert),“ erläutert Kant. Sie habe „die Form einer sich selbst erhal-
tenden Zweckmäßigkeit“ und sei „selbst hervorbringend, nicht bloß sich entwi-
ckelnd“. Wir erinnern uns an das Wirkungsprinzip nanotechnologischer Konver-
genzwissenschaft: „Alles, was lebt, ist Selbstzusammensetzung.“ 
  
- ein fundamentaltheologisches Fazit 
Theologie wird als reine Reflexionstheorie im besten Fall funktionslos werden. 
Die Naturwissenschaften werden als reine Kontrolltheorien im besten Fall unre-
flektiert bleiben. Eine bloß definierende Ethik macht da keinen Sinn. Wir brau-
chen eine Reißverschlusstheorie, in der die Intention, die sich der Produktivkraft 
der Natur bemächtigt wieder gekoppelt wird an die sich selbst durchsichtig wer-
denden Algorithmen des Prozesses, dessen Teil wir sind. Unser gegenwärtiges 
Wissen und Können sollte wieder zuverlässig gebunden an das, was wir wahr-
nehmen und empfinden. Das geronnene Wissen unserer Traditionsgemeinschaf-
ten, das in den gegenwärtigen Konstellationen präsent ist, kann nicht in beliebigen 
Theoriekonstellationen auch orientierend wirken, als bloße Geisteswissenschaft 
auf gar keinen Fall. Aktualisiert es sich jeweils sprachlich: als ‚Erschließungsge-
schehen’, wie Ian Ramsey meinte? Oder geht es – mit Alfred N. Whitehead –um 
die Wirklichkeit selbst als ‚Prozess und Realität’, deren kreative Grundstruktur 
sich in der Nanotechnologie erschließt? 
 
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„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ (Jesaja 43,1) Der tiefste 
Grund, warum ich ebenso wie meine Nanokollegen sowohl die Null- als auch die 
Kreativitätsdefinition der Nanotechnologie als erfahrungsbezogene Hypothese 
verstehe und vielleicht doch noch revidieren werde, markiert vielleicht zugleich 
den tiefsten Unterschied zwischen uns. Gemeinsam basteln wir: Natur- und Geis-
teswissenschaftler an Dritten Größen, die über Grenzen hinweg orientieren. Wir 
prägen Münzen mit Kopf- und Zahlseite, die dabei zwischen qualitativem und 
quantitativem Aspekt vermitteln: in kleiner Währung, aber durch Erfahrung ge-
deckt. Ich bin als Theologe dankbar, (wieder) dabei zu sein. Ich halte wie White-
head die Wirklichkeit, in der wir uns dabei bewegen und in der wir uns gemein-
sam orientieren, für einen Teil des großen Experiments, in dem Gott selbst seine 
Erfahrung macht. Aber ich bin mit meiner Traditionsgemeinschaft davon über-
zeugt, dass er auf Erfahrung angewiesen bleiben will, weil er mit seiner Schöp-
fung uns meint. Nur durch die Bewährung unserer Freiheit wird sich (auch ihm) 
die Natur als Schöpfung zu erkennen geben. Und der Ausgang dieses Experiments 
ist nur in eine Richtung hin offen. Es gibt ein kontrollierendes Muster, das sich 
anderen anders erschließen mag, für mich hat es einen Namen: Jesus Christus. In 
der über die Neuzeit in unsere Gegenwart hinausweisenden Interpretation Luthers, 
die auch für die Nanotechnologie gilt: „Er könnte es wohl selbst tun – er  will es 
aber durch uns tun.“ Daher sollten sich Theologen mit Nanotechnologie beschäf-
tigen und notfalls auch eine Nano-Theologie entwerfen: um Gottes willen. 
Ich wünsche – mit oder ohne Nanotechnologie – ein gutes Semester. 
 
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Zuletzt aktualisiert: 29.11.2006 · Wolfgang Nethöfel

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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