Universitätsgottesdienst 17.12.2006
Predigt und Fürbittengebet
Prof. Dr. Gerhard Marcel Martin
Liebe Gemeinde!
Ich möchte über das Wochenlied zum 3. Advent predigen, zuerst erschienen im 1. Teil der „Preussischen Festlieder“ (1642) von einem weniger bekannten Liederdichter (Valentin Thilo aus Königsberg) mit einer weltlichen tänzerischen Melodie aus Lyon 1557, die sechs Jahre später – nach einer Nordost-Passage – als geistliche Melodie in Erfurt auftaucht (1563) und ihre tänzerische Qualität bis heute nicht ganz verloren hat.
Ich habe nicht oft Liedpredigten gehalten, bin aber seit meinem Theologiestudium immer wieder darauf hingewiesen worden, wie theologisch geladen unsere Frömmigkeitsausdrücke im Singen sind. Ganze Dogmatiken werden gesungen. Etwa bei Paul Gerhardt: „Himmel und Erden die müssen das werden, was sie vor ihrer Erschaffung gewest“ (EG 449 V.7) – die ganze Lehre von der „annihilatio mundi“ in einer Zeile. Und was sagen Menschen, wenn sie singen: „vom Himmel hoch, da komm ich her“ (EG 24). Wirklich auch „ich“, der Sänger – oder doch nur die Engel?
In jedem Fall: Im Singen unserer Gesangbuchlieder lohnt sich zu fragen:
- Was haben da eigentlich unsere Väter und Mütter gesungen und gedichtet?
- (Wie) geht uns das über die Lippen?
- Wie schwingt das mit den Stimmbändern und in Körperresonanz?
- Kann und will ich das auch so sagen und singen?
- Was für eine Theologie steckt eigentlich darin?
Die Lieder unserer Frömmigkeitstradition sind zum freien spirituellen Gebrauch da – freier noch als die Bibel. Es ist leichter, zu kritisieren, Strophen abzuwählen … Aber wie im Umgang mit der Bibel gilt: Bevor ich interpretiere und anverwandle, muss ich fragen: Was steht eigentlich da? Es geht um Bewusstwerdung durch Verlangsamung: Zeile für Zeile, Wort für Wort.
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Dritter Sonntag im Advent. In einer Woche ist 4. Advent und Heiligabend zugleich. Der „wunderstarke Held“ legt Tempo zu. Dabei ist Adventszeit immer schon und an sich: Beschleunigung, Steigerung, Eskalation.
Eskalation – da steckt das lateinische Wort „scalae“ (Leiter) drin. „Escalator“ (engl.) sind die „Rolltreppen“; und „to escalade“ stammt aus dem Bereich des Militärs und heißt: mit Leitern ersteigen / mit Leitern erstürmen. Wenn in Konflikttheorien von „Eskalation“ die Rede ist, geht es um erhöhte Risikobereitschaft zumeist leider um eine Spirale der wechselseitigen Gewaltandrohung und -ausübung.
Advent ist Eskalation. Die Kalender werden immer dichter. Der Warenaustausch und die Gefühle aller Art eskalieren: Herzlichkeiten, aber auch merkwürdige, sonst nie gekannte Animositäten und Erregungszustände aller Art. Menschen sind adventlich offen, aber auch angekratzt, verletzlich, risikobereit mit Absturzgefahren. Advent: Das ist, als ob das Leben insgesamt seinen Aggregatzustand ändern wollte – ein ungeheurer und manchen nicht ganz geheurer Erwartungsdruck in Richtung grundstürzender und dann auch aufrichtender Veränderung. Und diese Erwartung kann sehr verschieden gefärbt sein: eher messianisch, leicht apokalyptisch oder auch mystisch.
Zum Handlungs- und Vorstellungsbereich solcher Änderung gehört essentiell Jesaja 40,3f: „In der Wüste bahnt den Weg des Herrn. Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg soll sich senken“ – Gott kommt. Johannes der Täufer gehört in dieselbe Welt, zitiert Jesaja, ist seinerseits voller Erwartung auf radikale Änderung. Unchristliche Gemeinden erwarten seit 2000 Jahren den Gekommenen – Jesus Christus – dass er neu und anders wieder kommen möge in diese Welt / in unser Herz. Denn mit dem ersten Mal ist es nicht getan. Nicht alle Erwartungen sind erfüllt, Hoffnungen bleiben offen … Und also feiern wir Advent, wieder-holen Weihnachten, die Geburt „in Stall und Krippen“, holen sie zurück, wollen dabei sein, wollen mehr und anderes. Aber wie? Wie in diese Bewegung hinein kommen? Wie sich vorbereiten?
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Das Wochenlied zum 3. Advent ist so etwas wie eine theologische, spirituelle und frömmigkeitsgeschichtliche Antwort. Zentral geht es in ihm darum, dass die „Menschenkinder“ das Herz „bestellen“ sollen. Aber wie „bestellt“ man/frau das Herz? Bestimmt nicht über e-bay oder andere Bestell- oder Zustelldienste. Das wäre höchstens ein fast advents-kabarettistisches Missverständnis. Es ist ja deutlich selbstbezüglich, reflexiv gemeint: „Das Herz in euch bestellt“. Aber wie bestellt man das Herz in sich? Was „bestellt“ man sonst auf vergleichbare Weise? Mir fällt die Redewendung ein: den Acker „bestellen“. Und das heißt: einen Prozess nicht wirklich, keineswegs allein verursachen, aber doch wesentlich zu seiner Ermöglichung beitragen, ihn befördern: pflügen, säen, jäten.
Aber nun sind wir ja nicht im Bereich des Agrarischen, sondern an einem Körperort: Das Herz in uns soll „bestellt“ werden. Was ist das für ein Ort? Das Herz ist ein unzugängliches, verborgenes Organ, im Innern des Menschen, als solches aber nun gerade ständig spürbar – es klopft, es schmerzt, es hüpft bisweilen; und andere klopfen bei ihm an mit sehr verschiedenen Absichten, sogar unser Herr selbst – adventlich und apokalyptisch: „aufmachen!“
In der Hebräischen Bibel ist das Herz (hebr.: „leb“) – anders als in unserer abendländischen Vorstellungswelt – nicht das Zentrum der Gefühle, sondern bezieht sich zentral auf das, „was wir Kopf und Hirn zusprechen: Erkenntnisvermögen, Vernunft, Verstehen, Einsicht, Bewusstsein, Gedächtnis, Wissen, Nachdenken, Urteilen, Orientierung, Verstand“ (Wolff 84). Aber (auch) für westlicheres Verständnis lässt sich zusammenfassen: „Herz ist das Bild für zwischenmenschliche Beziehungen, für das menschliche Gewissen, für den Kern der Persönlichkeit, für (deren) Ganzheit … für die Tiefe menschlicher Empfindungen“ (Danzeglocke 13). Damit ist das Herz das Zentrum, von dem aus das Leben pulsiert. Nicht zufällig kann die Hebräische Bibel auch vom „Herzen der Meeren“, vom „Herzen des Himmels“, sogar vom „Herzen eines Baumes“ sprechen und dann auch noch – anatomisch kühn – vom „Herzen“ Gottes!
Also: in der Mitte des Lebens und in der Mitte der Verständigkeit soll etwas „bestellt“, geöffnet, geordnet, erwartet und ein „Weg bereitet“ werden. Und damit sind wir in der zweiten Strophe unseres Adventsliedes:
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In der lateinischen Fassung von Jesaja 40 und dem Evangelium des Sonntags (Lukas 3,4) steht für „bereitet“ „parate“: „parat sein“. „Paratus“, das heißt: „vorbereitet“, „gut gerüstet“, „schlagfertig“, aber auch „leicht“ – und damit wären wir vielleicht sogar bei den Tanzschritten aus Lyon?! Aber im Vordergrund stehen natürlich: Bereitschaftsdienst und Bereitschaftshaltung. Es geht darum, bereit zu sitzen, bereit zu stehen, bereit zu liegen, bereit zu stellen. „Allzeit bereit“, und erst dann: „Rührt euch“; aber selbst das kann ins Aktive umkippen: „Rührt euch doch mal!“
Die Aufforderung, „den Weg zu bereiten“, ist näher bestimmt bei Jesaja, bei Johannes und auch in unserem Lied:
„ … macht alle Bahnen recht,
die Tal laßt sein erhöhet,
macht niedrig, was hoch stehet,
was krumm ist, gleich und schlicht.“
Mir sieht es nicht danach aus, dass es hier um Paradestraßen und Triumphzüge geht, auch nicht um Egalisierung, Gleichschalterei und Gleichmacherei, eher: um den Ausgleich, wie von ihm im Magnifikat die Rede ist: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Erniedrigten“ (Lukas 1,52). In diesem Sinn geht es tatsächlich um De-eskalation. Am markantesten kommt das für mich zum Ausdruck in den fünf Worten:
„Lasst alles, was er hasst.“
Das ist nun wahrlich kein Aktivitätskommando, kein Zusatzsoll, keine Beschleunigung und keine Steigerung, sondern eine doppelte Negation: „lassen“ fährt die Hyperaktivitäten erst einmal herunter. Es geht darum, nicht mehr zu tun, was ohnehin nicht lebensdienlich ist – heraus aus der unglücklichen Existenz: „Was ich hasse, das tue ich“ (vgl. Röm 7,15).
Im Thomas-Evangelium gibt es eine leicht gedrehte Variante zu diesen fünf Worten, zu dieser doppelten Negation. Da fragen die Jünger, ob sie fasten, wie sie beten sollen. Sie fragen nach Almosen und Speisevorschriften, also nach detaillierten Verhaltensmaßregeln; und sie kriegen zur Antwort: „Sprecht keine Lüge, und das, was ihr hasst, tut nicht.“ (Logion 6) Es geht also nicht um großartige neue Maximalforderungen, sondern um einen schlichten Abbau von im Grunde leicht erkennbaren Widersprüchen.
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Dem entspricht dann in Vers 3 das zu Demut und Hochmut gesagte:
„Ein Herz, das Demut liebet,
bei Gott am höchsten steht;
ein Herz, das Hochmut übet,
mit Angst zugrunde geht …“
„Demut“ heißt ja nicht „subdepressiv“ sein und klein beigeben, sondern ist die realistische Einschätzung der eigenen Situation: herunter vom hohen Ross, in Augenhöhe mit den anderen und mit sich selbst. So wird der Mensch handlungsfähig, und sein Blick geht in die richtige Richtung: nicht schamhaft zu Boden, aber eben auch nicht „hochmütig“ über die Köpfe hinweg, direkt zum Himmel, orientiert an schwindelnden Höhen – vielmehr: Augenhöhe / von Angesicht zu Angesicht.
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Und schließlich zu der 4. Strophe:
„Ach mache Du mich Armen
zu dieser heilgen Zeit
aus Güte und Erbarmen,
Herr Jesu, selbst bereit.“
Hier kippen alle Aktivität und alles Fragen, wie das Herz zu bestellen und der Weg zu bereiten wäre, noch einmal: Das Bereitmachen wird delegiert an den, auf und für den ich mich bereiten will. Er soll mich bereit machen! Das ist das reine Evangelium! Hier kommt die „andere Kraft“ in den Blick, die meine Kräfte übersteigt und ihnen oft auch widerspricht. Und nachträglich lässt sich entdecken, dass wir in unserem Adventslied immer schon das Evangelium von der freien Gnade Gottes im Blick hatten, von Vers 1 an:
„… den Gott aus Gnad allein
der Welt zum Licht und Leben
versprochen hat zu geben …“
Der und kein anderer kehrt „bei allen“ (!) ein.
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Wenn Advent „Eskalation“ ist, dann die Eskalation Gottes. Und der ist paradox. Es eskaliert, indem er herunterkommt und nicht den Leuten „aufs Dach steigt“. Weihnachten heißt: „Gott kommt zu den Menschen.“ „Avent“ heißt dann: De-eskalation Gottes. Es gibt Theologen, die in diesem Sinne vom „heruntergekommenen Gott“ reden.
Was bleibt, ist Dank – auch so und darin, dass wir dieses Lied singen, das unsere Väter und Mütter gesungen und gedichtet haben.
- Schwingt es mit den Stimmbändern und in Körperresonanz?
- Geht es uns über die Lippen?
- Kann und will ich das auch so sagen und singen?
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft und Unvernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus – er kommt! Amen
Fürbittengebet:
Gott, Du bist im Kommen.
Wir warten aktiv.
Und wir warten nur so: offen, bereit.
Lass Du es eskalieren.
Überrasche uns.
Werde unser Gast.
Sei unsere Bescherung.
Und lass auch das zum Segen geraten,
was wir uns und anderen selbst bescheren wollen
an diesen Tagen und in diesen Nächten:
dass unsere Mühen sich lohnen,
dass die Vorbereitungen glücken – und die Festtage erst recht,
dass unsere Sehnsucht zur Ruhe kommt.
Suche uns.
Suche uns auf, Gott.
Finde uns.
Beschenke uns mit Deiner Geburt in unseren Herzen,
im Herzen der Welt,
im Herzen der Meere,
im Herzen der Metropolen,
im Herzen der Provinz:
Marburg an der Lahn.
Amen.
Literaturverweise:
Zum „Herz“ in der Hebräischen Bibel: Silvia Schroer / Thomas Staubli: Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998 – Hans Walter Wolff: Anthropologie des Alten Testaments, München ³1977
Zu EG 10: Klaus Danzeglocke, in: Gerhard Hahn / Jürgen Henkys (Hg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Heft 12, Göttingen 2005, 12-15
Das Fürbittengebet ist eine Variante zu: F. K. Barth / G. Grenz / P. Horst: Gottesdienst menschlich 2, Wuppertal 1980, 179.

