Universitätsgottesdienst am Sonntag
Septuagesimae,
4. Februar 2007
Predigt zu Matthäus 9, 9-13
Dr. Andrea Morgenstern
Liebe Gemeinde,
Ich lese aus dem Evangelium des Matthäus im 9. Kapitel die Verse 9-13:
Und er stand auf und folgte ihm.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: „Warum isst erer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ Als Jesus das hörte, sprach er: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: ‚Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.’ Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“
I.
„Nicht die Gerechten“.
Jesus lässt den Pharisäern ihre Gerechtigkeit. Und es scheint sogar,
als könnte er ihre Perspektive verstehen, ihren Blick auf die Welt: den
Blick der Frommen, die wissen, was sich gehört, die wissen, was sein
darf nach dem Gesetz, das auch für Jesus gilt und Gültigkeit besitzt.
Es ist ein Gesetz, das gut und böse kennt. Ein Gesetz, das
unterscheidet,
zwischen rein und unrein,
zwischen lebensdienlich und gefährlich,
zwischen in-Ordnung und nicht-in-Ordnung.
II.
Das Leben der Zöllner ist nicht in Ordnung. Sie leben vom Geld
anderer, sie kontrollieren Grenzen und Übergänge, sie nehmen Geld ein,
das sie einnehmen müssen
und Geld ein, das sie vielleicht nicht einnehmen müssten.
Sie nehmen Geld ein, das sie weitergeben, weiterreichen müssen
und Geld, das bei ihnen bleibt,
mehr oder weniger.
Zwielichte Gestalten,
bei denen man nicht weiß, woran man ist.
Denen man, denen ich lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte,
denen ich nicht ausgeliefert sein möchte.
Die Geschichte ist jedenfalls nicht so harmlos, wie sie vielleicht
auf den ersten Blick scheint
mit ihren klaren Rollen: Sünder und Gerechte, Zöllner und Pharisäer,
die Jünger Jesu und Jesus selbst in ihrer Mitte.
Caravaggio, ein sehr realistischer italienischer Maler des ausgehenden 16. Jahrhunderts hat in seiner manchmal etwas erschreckenden Art ein Bild gemalt, das eine feine Gesellschaft zeigt:
Männer unterschiedlichen Alters, fein angezogen, mit Hut und ohne, um einen Tisch, auf dem viel bares Geld liegt. Eine enge Wechselstube, in der es laut zugeht.
Am Rand des Bildes, am Eingang in die Stube steht Jesus, einen der Männer herauswinkend. „Komm“, scheint er in diesem Moment zu sagen, „Du, komm mit!“
Allein schon dieses eine Bild zeigt: Das fast schon romantische
Bild, das wir Bibelgeprägten von Zöllnern und Sündern haben, wird, nun
ja, mindestens in Frage gestellt, wenn man sich auch nur auf dieses
eine Bild wirklich einlässt. Auch wenn es wieder nur ein Bild ist, ein
Bild seiner Zeit: es zeigt die Welt, aus der mindestens einer der
Jünger Jesu kommt:
eine Welt der krummen Geschäfte. Eindeutig zwielichtig.
Hier also hält Jesus an. Und mehr noch: bleibt da.
Fodert den Zöllner Matthäus auf: Folge mir!
Und der steht auf und folgt ihm.
Um dann, wie es scheint, seine Kollegen und Freunde einzuladen.
Nun ja.
III.
Ich frage mich, wenn ich mir erlaube, mich in der Geschichte
aufzuhalten, nicht erst jetzt, an diesem Punkt der Geschichte:
Was müssten wir eigentlich malen, oder besser noch: fotographieren, um
eine solche Gesellschaft abzubilden? Zunächst einmal: Welche Orte
würden wir aufsuchen?
- Frankfurt vielleicht, die Börse,
die Orte, an denen entschieden wird, welche Aktien gehalten, welche
fallengelassen werden ohne Rücksicht auf Verluste
- Internationale Konzerne vielleicht, die um jeden Preis den Zuschlag
für eine Ausschreibung bekommen wollen, um Arbeitsplätze zu erhalten,
auch wenn sie den Preis für einen Zuschlag unter der Hand zahlen, wie
nicht unüblich.
- Oder als andereren Ort am Abend dann ein Abendessen an einem
schmutzigen Tisch, an dem es viel zu laut zugeht
- Oder das viel zu feine Lokal mit der viel zu weißen Tischdecke an dem
viel zu leise geredet wird.
Die „Zöllner“ von heute würden jedenfalls anders aussehen, sehen
anders aus als die Zöllner damals. Aber ich vermute: sie sind
unverkennbar, wir würden sie erkennen: als anders, als fragwürdig, als
in welcher Hinsicht auch immer: unmoralisch.
Jesus ruft einen von ihnen.
Und durchbricht damit eine Grenze,
die eine Grenze, die er nicht durchbrechen dürfte. Nach Meinung
anderer.
Denn das Gesetz, das jüdische Gesetz, nach dem auch er lebt, kennt
rein und unrein, richtig und falsch, Grundsätze und Regeln. Die
Pharisäer haben recht, wenn sie nachfragen, begründet nachfragen,
kritisch nachfragen.
Sie fragen die Jünger.
Jesus antwortet.
Warum antwortet er? Das erzählt die Geschichte nicht.
Eine Leerstelle. Warum antworten nicht die Jünger? Haben sie, mal
wieder, eine falsche Antwort gegeben, oder haben sie gar keine?
IV.
In der Geschichte, wie der Evangelist Matthäus sie erzählt,
antwortet Jesus mit einem Zitat aus dem Buch des Propheten Hosea.
(In Klammern: Markus und Lukas zitieren diesen Satz nicht. Für Matthäus
ist dieses Zitat umso wichtiger).
Er hatte furchtbar viele Zitate im Kopf, und er wußte gar nicht, „wie furchbar stark ihn das machte“, schreibt, wie nebenbei, Lars Gustafson in einer seiner kleinen „Erzählungen von glücklichen Menschen“.
Jesus wußte wohl, was die Zitate, die Texte, die Psalmen, die er
kannte, bedeuteten, bedeuten konnten; oft hat er mit ihnen
geantwortet:
- auf die Frage der Täuferjünger,
- in Diskussionen mit den Schriftgelehrten,
- in der Auseinandersetzung mit dem Versucher.
Manchmal sind es Sätze, manchmal sind es einzelne Worte, auf die es ihm
ankommt.
In dieser Geschichte ist es das Wort „Barmherzigkeit“.
„Geht aber hin und lernt, was das heißt:
Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.“
Jesus, der sehr wohl klare Maßstäbe kennt, diskutiert nicht das
Verhalten von Menschen, nicht ihre Vergangenheit, nicht ihren
Beruf. Es geht hier überhaupt nicht um richtig oder falsch, korrekt
oder auf der Grenze, gerade-noch oder borderline, gesund oder
nichtgesund. Es geht um einen anderen Blick auf Menschen. Dieser Blick,
von dem so viele Jesus-Geschichten erzählen, ist von einem anderen
Empfinden geprägt, nicht von Normen, nicht von Urteilen, sondern vor
allem von einem Gefühl.
Er sah sie an und hatte Mitleid,
so endet dieser große Abschnitt von Kapitel 4 bis Kapitel 9, in dem es
um die Worte und das Tun, um die Heilung von Kranken und das Evangelium
vom nahen Reich Gottes geht.
Er sah sie an und es jammerte ihn,
denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben,
verstreut und ohne Halt, und jeder ging auf seinem eigenen
Weg,
"on his own way", wie es im Messias gesungen wird,
auseinanderlaufend, in die unterschiedlichsten Richtungen, wie ohne
Ziel und ohne Weg.
V.
Jesus schickt mit einem Wort auf den Weg.
Lernt was das ist: „Barmherzigkeit“.
Lernt, das heißt manchmal auch, da hilft manchmal auch:
Sucht andere Worte dafür:
Unter dem Titel „Alphabet der Gefühle“ hat der italienische Schriftsteller Goffredo Parise ein ehrgeiziges Buch veröffentlicht. Viele kleine Geschichten zu vielen großen Gefühlen. Geschichten, die von Gefühlen erzählen, indem sie sie erzählen oder auslassen, nicht immer sofort einleuchtend, die eine oder andere habe ich weggelegt, fand sie hätte gar nichts mit dem überschrieben Gefühl zu tun und dann ist sie mir doch nachgegangen. Das Buch beginnt nach dem Alphabet mit A wie Amore, Affetto (Zuneigung), Antipatia (Abneigung), Bambino (Kind), Bellezza (Schönheit) und dann B wie Bontà (Güte).
Die Güte hat es schwer in der Erzählung von zwei Frauen,
in der eine der Frauen aus Versehen eine Mandoline zertritt, während
sie in Eile in den fast schon anfahrenden Zug springt. Natürlich ruft
die reichere Frau im Zug, der die Mandoline gehört, sofort nach den
Carabinieri. Aber der Zug ist schon abgefahren, sie muss bis zur
nächsten Station warten. Und hat Zeit, die kleine, schmale Frau
anzusehen, die erst gar nichts einsieht, einsehen will, schließlich
aber doch bereit ist, zu bezahlen. Über den Preis werden sie sich kaum
einig. Das Geld, das die kleine Frau bezahlt, ist eindeutig zu wenig,
nicht einmal die Hälfte dessen, was sie Mandoline wert war. Aber die
kleine Frau hat keinen einzigen Pfennig mehr im Portemonaie.
Langsam, sehr langsam, weicht die Kühle in dieser Erzählung einem anderen Gefühl. Das Zeit braucht. Das anscheinend die lange Zugfahrt braucht, das vorsichtige Miteinander-Reden, das Anschauen, das Vertraut-werden über die Fremdheit hinweg.
Auch „Güte“ will erst einmal gespürt werden.
VI.
„Geht aber hin, poréuthentes, und lernt, was das heißt.“
Es ist nicht selbstverständlich, barmherzig zu sein, Mitleid zu
spüren, überhaupt Gefühle ernst- und wahr zu nehmen.
Wäre es selbstverständlich,
wäre vieles anders gewesen,
wäre vieles nicht gewesen.
So aber lautet der Auftrag noch nicht einmal: barmherzig zu s
e i n , sondern nur:
beim Gehen, beim Umhergehen, beim Auf- und Abgehen, beim Weitergehen
auf dem Weg zwischen Epiphanias und Passion zu v e r s t e h e n,
was es heißt,
dass Gott Wohlgefallen hat an Barmherzigkeit.
VII.
Gott sieht uns voller Barmherzigkeit an. Nur: auch die Barmherzigkeit Gottes hat viele Gesichter, viele Namen, viele Farben und Töne. Viele unterschiedliche Worte. Geprägte Worte und eigene Worte, die nach Geschichten suchen.
Die Worte aus dem 130. Psalm, die wir im Anschluß in einer gregorianischen Melodie hören, können also nur ein Beispiel sein für die Worte, die gefunden werden, wenn Menschen sich auf den Weg machen und sich Gottes Barmherzigkeit nähern.
Der gesungene lateinische Text:
De profundis clamavi ad te, Domine,
exaudi vocem meam.
Si iniquitates observaveris, Domine,
Domine, quis sustinebit ?
Quia apud te propitiatio est,
et propter legem tuam sustinuite, Domine.
Aus Tiefen rufe ich Dich, Ewiger,
hör auf meine Stimme!
Beharrst du auf Schuld,
wer wird bestehen?
Aber bei dir ist Vergebung.
Vergebung. Auch das ist vielleicht ein anderer Name,
ein anderes Wort für Barmherzigkeit, und es ist dabei nur eines von
vielen.

