Forschungs- und Publikationsschwerpunkte
Unternehmensgeschichte
Schwerpunkte der Forschung liegen im Bereich der Geschichte der
internationalen Wirtschaftsbeziehungen und Unternehmensgeschichte, der
Managementgeschichte sowie der Marketinggeschichte.

Prof. Kleinschmidt ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, Co- Vorsitzender des „Arbeitskreis Marketinggeschichte“ der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte sowie Mitglied der „European Business History Association“ (EBHA). Zudem war er lange Jahre Vorsitzender des „Arbeitskreis für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte“.
Internationalisierung/Globalisierung
Im Zeitalter der Globalisierung spielt die internationale Verflechtung
von Wirtschaft und Unternehmen eine zentrale Rolle. Neben den
ökonomischen Faktoren müssen dabei auch (ordnungs-)politische und
(inter-)kulturelle Aspekte angemessen berücksichtigt werden.

Annika Biss
Internationalisierung der BMW AG. Vom Exportbeginn bis zur
Gründung der ersten Vertriebsgesellschaften
Begrifflichkeiten wie Internationalisierung, Globalisierung und – auf Akteursebene übertragen – Multinationals sowie Global Player gehören mittlerweile wie selbstverständlich zum alltäglichen Sprachgebrauch. Konzerne sind nicht nur weltweit mit Dependancen vertreten, sondern vernetzen sich fernerhin mit anderen politischen und ökonomischen Institutionen. Die Automobilindustrie verdeutlicht diese Zusammenhänge im besonderen Maße, handelt es sich doch um einen hoch komplexen, interdependenten Wirtschaftszweig.
Das Dissertationsprojekt fokussiert die Internationalisierungsprozesse deutscher Automobilhersteller anhand des Fallbeispiels der BMW AG. Damit steht ein Unternehmen im Mittelpunkt, dessen Internationalisierungsverlauf sich von denen anderer deutscher Hersteller unterscheidet: BMW gründete erst in den frühen 1970er Jahren Auslandstochtergesellschaften, so etwa in den USA ab 1975, während Volkswagen und Daimler-Benz dort bereits seit Mitte der 1950er Jahre mit eigenständigen Gesellschaften vertreten waren. Gleichwohl das Münchner Unternehmen vergleichsweise spät derartige Direktinvestitionen im Ausland tätigte, war sein Geschäftsfeld bereits vor dem Zweiten Weltkrieg international orientiert und durch Importeure weltweit vertreten. Im Vordergrund der Untersuchung steht die Frage, inwiefern bzw. ab wann dem unternehmerischen Handeln eine abgestimmte Strategie zugrunde lag, die dem internationalen Wirken eine deutliche Handschrift verlieh, oder ob es sich vielmehr um ein spontan motiviertes, bisweilen improvisiertes Trial-and-Error-Verfahren handelte, das erst mit der Zeit zusehends an Professionalität gewann. Das Untersuchungsfeld wird hierbei in Anlehnung an die „4Ps“ des klassischen Marketings (Product, Price, Place, Promotion) eingegrenzt, das die Internationalisierungsschritte eines Konzerns und die zu Grunde liegende Strategie ideal widerspiegelt.
In Vorbereitung:
Bilaterales Forschungsprojekt „Deutsch-türkische Wirtschafts- und Unternehmensbeziehungen 1945-1980“


Deutschland ist gegenwärtig für die Türkei noch vor den USA und Italien der wichtigste Handelspartner, und auch die Türkei ist für die deutsche Wirtschaft und für deutsche Unternehmen – schon seit dem 19. Jh. - ein wichtiger Partner. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einem „Vorzugs- und Sonderpartner“ Türkei sprechen. Die Frage der Aufnahme der Türkei in die Europäische Union wird seit dem 1963 unterzeichneten Assoziierungsabkommen mit der EWG kontrovers diskutiert. Dies betrifft vor allem die aktuelle Frage eines EU-Beitritts der Türkei. Darüber wird seit einigen Jahren – insbesondere von politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Seite - viel publiziert. Anders als im Falle der Wirtschaftsbeziehungen zu den westeuropäischen Staaten und der USA, anders auch als die Frage des türkischen EU-Beitritts oder auch der Migration seit den 1960er Jahren ist, die Frage der deutsch-türkischen Wirtschafts- und Unternehmensbeziehungen aus wirtschafts- und unternehmenshistorischer Perspektive bislang nicht erforscht worden und soll insofern eine Forschungslücke auf dem Gebiet der Geschichte der internationalen Wirtschaftsbeziehungen schließen.
Die zentralen Fragen eines solchen Projektes sind diejenigen nach den Besonderheiten sowie nach dem Strukturwandel der deutsch-türkischen Wirtschafts- und Unternehmensbeziehungen, die in der Nachkriegszeit zunächst durch deutsche Wirtschafts- und Finanzhilfen im Rahmen der OEEC geprägt waren und als eine Art Entwicklungshilfe fungierten. Im Zuge des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund eines starken amerikanischen Einflusses spielten dabei auch militärische Gesichtspunkte eine große Rolle. Es wird zu fragen sein, ob und wie sich diese Entwicklungen in den 1950er 1970er Jahren veränderten, welche Akteure daran maßgeblich beteiligt waren und welche Interessen dabei im Vordergrund standen. Dies betrifft neben der Rolle des Staates sowie supranationaler Organisationen (OECD, EWG), von Verbänden (Unternehmerverbände, IHKs) auch einzelne Unternehmen wie etwa Bayer, die Gutehoffnungshütte, Daimler-Benz und Siemens.
Der Untersuchungszeitraum endet um 1980, bedingt einerseits durch die 30jährige Sperrfrist der Archive, die dementsprechend aktuell nur einen Zugang bis zum Stichjahr 1979 erlauben. Zudem ist das Ende der 70er Jahre/Anfang der 80er Jahre gekennzeichnet durch die zweite „Ölkrise“, den Umbruch im Iran sowie den Militärputsch in der Türkei, die als eine Art „Zäsur“ betrachtet werden können.
Der Projektbeginn ist für 2011 vorgesehen.
Konsumgeschichte
Die Konsumgeschichte ist bislang vornehmlich sozial- und
kulturhistorisch geprägt. Ein Schwerpunkt der Forschung in Marburg soll
stärker im Bereich der Wirtschaftsgeschichte liegen und dabei Fragen
der Ordnungspolitik sowie der Verbrauchergeschichte
berücksichtigen.

Daniel Wylegala
Karl Klasen. Das Geld und die Politik
Nur wenigen Personen kommt hinsichtlich der Geschichte der Deutschen Bank, der wirtschaftlichen Entwicklung Hamburgs sowie in Bezug auf die 1970er Jahre der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik eine ähnliche Bedeutung zu wie Karl Klasen (1909-1991). Gleichwohl wurde Klasens Wirken in den einschlägigen Publikationen zu den drei angeführten Punkten wenig berücksichtigt, eine ausführliche Darstellung seiner Biographie liegt nicht vor. Das Ziel des Dissertationsprojektes ist folglich, diese Lücke im Rahmen einer biographischen Darstellung mit wirtschaftshistorischem Schwerpunkt zu schließen. Durch den gewählten Schwerpunkt rücken die folgenden Aspekte in den Vordergrund:
Zunächst gehörte Klasen zum Kreis jener Personen, die die Geschichte der Deutschen Bank in der Bundesrepublik prägten. Nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft wurde er stellvertretender Direktor der Hamburger Filiale, kurzfristig war er auch Anfang 1948 deren Direktor. Ab 1952 gehörte er dem Vorstand der aus der Dezentralisierung der Deutschen Bank hervorgegangenen Nordeutschen Bank an. Nach der Rezentralisierung der Deutschen Bank wurde er 1957 Mitglied des Vorstandes, deren Sprecher er als Nachfolger von Hermann Josef Abs (gemeinsam mit Franz Heinrich Ulrich) von 1967 bis 1969 war. Von 1978 bis 1984 gehörte er schließlich dem Aufsichtsrat an.
Darüber hinaus trug er vor allem durch sein Wirken als erster Präsident der Landeszentralbank Hamburgs (1948-1952) und durch die enge Zusammenarbeit mit dem damaligen Senator für Wirtschaft und Verkehr Karl Schiller sowie dem ersten Nachkriegsbürgermeister Hamburgs Max Brauer zum Wiederaufbau der durch den Krieg schwer gezeichneten Stadt bei.
Nationale Bedeutung gewann Klasen schließlich durch sein Amt als Präsident der Bundesbank (1970-1977). In seine Amtszeit fielen sowohl das Ende des Systems von Bretton Woods sowie auch das Ende der historisch bedingten Ursachen des „Wirtschaftswunders“. Dieser Wandel der ökonomischen Rahmenbedingungen stellte für die Bundesbank wie für die Politik eine große Herausforderung dar, deren Bewältigung durch das freundschaftliche Verhältnis zu Helmut Schmidt erheblich erleichtert wurde.
Die Erkenntnisse des Bundesnachrichtendienstes über die Wirtschaft der DDR
Die jahrelang aufrechterhaltene Behauptung vieler SED-Funktionäre, die DDR gehöre zu den zehn führenden Industrienationen, sowie die Angaben der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik der DDR – auf politische Vorgaben ausgerichtet und somit manipuliert – führten unter bundesdeutschen Politikern zu einer deutlichen Überschätzung des Wirtschaftspotenziales der Deutschen Demokratischen Republik.
Jahre später bezeichnete Helmut Kohl in dem dritten Band seiner Erinnerungen die offiziellen Angaben der DDR über ihre wirtschaftliche Lage als eines der „größten Täuschungsmanöver“ des 20. Jahrhunderts. Was aber wusste der Bundesnachrichtendienst [BND] über die wirtschaftliche Lage der DDR? Wie konnte es zu diesem „großen Täuschungsmanöver“ kommen, wenn die Bundesregierung Empfänger der nachrichtendienstlichen Analysen des BND war? Kann es etwa sein, dass der BND über den desolaten Zustand der Wirtschaft der DDR nicht oder nur unzureichend informiert war?
Das Dissertationsprojekt stellt die Erkenntnisse des BND über die Wirtschaft der DDR in den Mittelpunkt und untersucht den Aktenbestand B 206 (Bundesnachrichtendienst) aus dem Bundesarchiv Koblenz. Neben nachrichtendienstlichen Informationen über die makroökonomische Lage, sollen Akten des BND über einzelne Betriebe, VVB bzw. Kombinate, bis hin zu gesamten Industriezweigen im Rahmen einer qualitativen und quellenkritischen Untersuchung herangezogen werden. Zudem sollen neben den diversen Statistischen Jahrbüchern und Informationen verschiedener Wirtschaftsforschungsinstitute der Aktenbestand des Bundeskanzleramtes (B 136) und des Bundesministeriums für Wirtschaft (B102) im BArch Koblenz, sowie die Wirtschaftsakten der DDR im BArch Berlin-Lichterfelde und in den verschiedenen Landes- und Staatsarchiven untersucht und den Erkenntnissen des BND gegenübergestellt werden. Jedoch sind auch weitere Fragen an das Basismaterial der Wirtschaftsauswertung des BND zu stellen: Gibt es innerhalb der chronologischen Verteilung des Meldeaufkommens einen Schwerpunkt? Welche Beschaffungsmethoden sind zu erkennen und welche dienten als hauptsächliche Informationsquelle? Hatte der Bau der Berliner Mauer Auswirkungen auf das Meldeaufkommen der Wirtschaftsauswertung?
Eine wissenschaftliche Betrachtung der Erkenntnisse des Bundesnachrichtendienstes über die Wirtschaft der DDR, vermag nicht nur die Arbeit des BND zu verdeutlichen, sondern ebenfalls die Erkenntnisse der Bundesregierung über die Wirtschaft der DDR, da diese Empfänger der nachrichtendienstlichen Analysen des BND war.
Bedingt durch die 30-Jahresschutzfrist für die Akten der Bundesrepublik Deutschland endet der Untersuchungszeitraum des Dissertationsprojektes 1981.
Julia Langenberg
Die Behringwerke in Marburg in der Zwischenkriegszeit
- die Geschichte des Unternehmens in den 1920er Jahren bis zur
NS-Zeit (1917/18-1939)
Der Nobelpreisträger Emil von Behring gründete im Jahr 1904 die Behringwerke in Marburg. Das Unternehmen entwickelte sich in der Folgezeit zu einem wichtigen Standort der Pharmaindustrie in Hessen. Die Geschichte des Unternehmens nach dem Tod des Arztes und Unternehmers Emil von Behrings (1917) bzw. Ende des Ersten Weltkriegs (1918) soll für den Zeitraum bis zur Eingliederung des Unternehmens in den I.G. Farben-Konzern im Jahr 1929 und darüber hinaus bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges (1939) analysiert werden. Wie gestaltete sich die Unternehmensstrategie, Forschung und Entwicklung in den 1920er Jahren bis 1939, wie waren die Wechselwirkungen zwischen Kommune und Unternehmen, die Rolle zentraler Akteure auf kommunaler, regionaler und staatlicher Ebene, deren Ziele, Interessen und Interessenskonflikte? Inwiefern waren die Stadt Marburg und die Landesregierung Hessen an dem Unternehmen interessiert? Welche Motive hatte der Staat zur Förderung der Firma in der Weimarer Zeit und welchen Stellenwert hatten die Behringwerke für die Universitätsstadt Marburg sowie für die beteiligten Akteure im Untersuchungszeitraum?
Uwe Stiftel
Wirtschaftsgeschichte des deutschen Apothekengewerbes 1958-1988 unter besonderer Berücksichtigung ordnungspolitischer Gesichtspunkte
1958 wurde durch das Bundesverfassungsgericht die Niederlassungsfreiheit der Apotheker festgelegt. In den folgenden 30 Jahren verdoppelte sich die Anzahl der Apotheken. Mögliche Auswirkungen auf betriebswirtschaftliche Kennzahlen werden analysiert und ein eventueller Zusammenhang zu Gesetzesänderungen im Gesundheitswesen dargestellt. Dabei werden auch die Einflüsse von Staat und Wirtschaft und der Einfluss von Verbänden auf Gesetzesänderungen untersucht.

In Vorbereitung:
Trilaterales Forschungsprojekt „Produzenten, Konsumenten und Staat. Wandel der Konsumtionsregimes in Deutschland, Österreich und der Schweiz von der Mitte des 19. bis Ende des 20. Jh.“



Mit dem Boom der Konsumgeschichte in Deutschland seit den 1990er Jahren tritt zunehmend die Frage der bislang eher unterbelichteten Rolle der Verbraucher, der Verbraucherpolitik, der staatlichen Regulierung im Konsumbereich sowie des Verhältnisses bzw. der Kommunikation und Informationsverteilung zwischen Produzenten und Konsumenten in den Blickpunkt. International vergleichende Forschungen sind in diesem Zusammenhang ein Desiderat. Hinsichtlich der drei europäischen Staaten Deutschland, Österreich und Schweiz mit unterschiedlichen ordnungspolitischen Traditionen stellt sich die Frage, wie sich über einen langen Zeitraum von der Industrialisierung bis zum postindustriellen Zeitalter und mit Blick auf sich wandelnden (technische) Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten die Konstellationen zwischen Produzenten, Konsumenten und Staat sowie die institutionellen Arrangements in diesem „Dreiecksverhältnis“ verändert haben. In Anlehnung an den Begriff des Produktionsregimes lässt sich hier von Konsumtionsregimes sprechen.
Während unter ersterem die Organisation der Produktion durch Märkte oder marktähnliche Institutionen verstanden wird, wobei die gegenseitigen Beziehungen der Akteure auf der Mikroebene – Unternehmen, Arbeitnehmer und Kapitaleigner – innerhalb des gegebenen Rahmens von Anreizen und Beschränkungen - im Mittelpunkt stehen, geht es im Falle des Konsumtionsregimes in erster Linie um die Konsum- und Nachfrageseite, um Verbraucher und deren soziale Strukturen, um Beziehungen zwischen unterschiedlichen Akteuren, um kulturelle Prägungen des Konsums, um Märkte und Organisationen, um politische Regulierung und staatliche Intervention, um technische und Kommunikationsstrukturen sowie um den (nationalen und internationalen) institutionellen Rahmen des Konsums. Dies soll jeweils für die deutsche, österreichische und schweizerische Langfristentwicklung und in vergleichender Perspektive untersucht werden.
Wie entwickelten und wie artikulierten sich die Verbraucherinteressen im Zuge der sich etablierenden Industrie-, Markt- und Konsumgesellschaft der drei Staaten? Welche Rolle spielten staatliche Institutionen und die Gesetzgebung? Wie reagierten die Produzenten auf die neuen Herausforderungen von Interventionen und Regulierungen im Konsumgüterbereich?
Technik- und Innovationsgeschichte
Technikhistorische Aspekte spielen sowohl im Bereich der Wirtschafts-
und Unternehmens- wie auch der Konsumgeschichte eine Rolle. Dies
betrifft etwa Fragen technischer Innovationen und Rationalisierung, der
Infrastruktur und Energieversorgung sowie der Schnittstelle
Mensch-Technik. Ein weiterer Interessenschwerpunkt liegt auf dem Gebiet
der Industriekultur sowie technischer Denkmäler. Prof. Kleinschmidt ist
Mitherausgeber der Zeitschrift „industrie-kultur“.

Leichenpredigten
Gedruckte Leichenpredigten aus der Zeit zwischen Reformation und Aufklärung sind eine entscheidende Quelle zur Erforschung der Frühen Neuzeit. Die „Forschungsstelle für Personalschriften“ unter Leitung von Dr. Eva-Maria Dickhaut beschäftigt sich zurzeit mit der Katalogisierung und Verfilmung thüringischer Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. Weitere Informationen zur Forschungsstelle für Personalschriften, die organisatorisch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zugeordnet ist, finden Sie auf ihrer Homepage: http://www.personalschriften.de

