Arbeitsgruppe Theoretische Halbleiterphysik
Einführende Darstellung
Kleinste künstlich hergestellte Festkörperstrukturen und künstliche Atome finden Anwendung in Halbleitern: für Chips in der Mikroelektronik und für optoelektronische Bauteile zum Lesen von CDs und zur Übermittlung von Bildern, Sprache und Computerdaten über Glasfaser. In Marburg wird untersucht, wie diese Halbleiter besser, das heißt kleiner, effizienter, schneller gemacht werden können. Dabei werden die Schichtdicken immer kleiner. Halbleiterschichten können inzwischen atomlagenweise hergestellt werden. Die Abmessungen der Ministrukturen liegen im Nanometerbereich - und ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters! Zur Erforschung von extrem schnellen elektronischen Vorgängen stehen Laser zur Verfügung, die Pulslängen von nur 10 Femtosekunden haben, und das ist der hundertmillionste Teil einer millionstel Sekunde!
Halbleiter sind feste Körper, die für ein sehr
weites Spektrum von Anwendungen günstige elektrische und optische -
sogenannte optoelektronische - Eigenschaften haben: In Computer-Chips
wird Silizium eingesetzt. In Bauelementen, die in der modernen
Informationstechnologie verwendet werden, sind Halbleiter wie
Gallium-Arsenid anzutreffen. Hier findet Datenübertragung durch Licht
statt, und gerade derartige sogenannte III-V-Halbleiter haben
wünschenswerte optoelektronische Eigenschaften für diese Anwendungen.
Für Sensoren aller Art werden weitere Halbleiterfamilien benutzt. Aber
nicht nur die anorganischen Halbleitermaterialien sind von großem
technologischen Interesse, auch weichere Materialien wie Polymere
(Plastik), Flüssigkristalle und sogar biologische Systeme (z.B.
Lichtsammelkomplexe der Pflanzen und DNS, das Molekül, das die
Erbinformation trägt) weisen in ihren Eigenschaften erstaunliche
Parallelen zu "normalen'' Halbleitern auf.
In zahlreichen Anwendungen werden Halbleiterstrukturen verwendet, die
aus mehreren sehr dünnen Schichten unterschiedlicher Materialien
bestehen. Dadurch lassen sich gezielt Systeme mit gewünschten
optoelektronischen Eigenschaften herstellen, z.B. Halbleiterlaser, wie
sie in CD-Spielern in jedem Haushalt zu finden sind. Im
Technologielabor des Wiss. Zentrums für Materialwissenschaften werden
solche Systeme hergestellt, die dann in den Gruppen, die experimentelle
physikalische Forschung an Halbleitern betreiben, untersucht werden.
Interpretieren und nutzen kann man experimentelle Ergebnisse aber nur
dann, wenn man die Vorgänge in dem Halbleitermaterial auf atomarer
Ebene beschreiben kann. Hiermit beschäftigt sich die Forschung der
Gruppe Theoretische Halbleiterphysik, die im Gebäude Mainzergasse 33
untergebracht ist.
Auf der Grundlage bekannter Naturgesetze kann man die Bewegung sehr
vieler miteinander in Wechselwirkung stehender Teilchen (Atome und
Elektronen) unter dem Einfluss äußerer Felder, wie angelegte Spannung
und Bestrahlung mit Licht, verstehen. Dies erfordert einerseits
tiefgehende Einsichten in das Verhalten dieser Vielteilchensysteme -
was die eigentliche Theorie ausmacht - und andererseits müssen auf
dieser Grundlage quantitative Ergebnisse berechnet werden, die dem
Experimentalphysiker Hinweise für weitergehende Experimente und auf
evtl. noch nicht bekannte Effekte geben können. Hierzu werden
leistungsfähige Rechenanlagen eingesetzt.

Hier sieht man an einem Beispiel, wie eine derartige Rechnung es erlaubt, an sich unbeobachtbare Vorgänge anschaulich darzustellen. Wenn ein Halbleiter mit Licht geeigneter Wellenlänge bestrahlt wird, werden negativ geladene Elektronen (gelb) aus den Bindungen zwischen den Atomen herausgelöst und bewegen sich dann frei. Aber auch die dann positiv geladenen Lücken (genannt Löcher, schwarz), die sie hinterlassen, können sich zwischen den Bindungen bewegen. Beide ziehen sich an, und bilden, bevor sie rekombinieren, gebundene Paare. Diese heißen Exzitonen (gelb-schwarze Paare in den roten Kästchen). Man nennt die optisch angeregten Elektronen und Löcher ein Elektron-Loch Plasma. Dieses dominiert die optischen Eigenschaften des Materials.

Solche Exzitonen haben eine gewisse Ähnlichkeit mit
Wasserstoffatomen, und wie diese Moleküle bilden, so kann es auch
Exzitonen-Moleküle geben. Mit sehr kurzen Lichtimpulsen verschiedener
Wellenlänge (Energie) kann man solche Komplexe beobachten. Hier wird im
Sinne einer Vorhersage das Ergebnis einer theoretischen Berechung
gezeigt. Es illustriert, wie ein experimentelles Messsignal aussehen
sollte, wenn neben dem Exziton (vertikale Spur) sich auch
Exzitonenmoleküle während seines Experimentes bilden (horizontale
Ausbeulung).
Die Bildung von Exzitonen kann man räumlich beeinflussen, wenn man das
einfallende Licht manipuliert. Dies ist durch sogenannte photonische
Kristalle möglich.

Man sieht im oberen Bild eine aus einem für Licht durchlässigen Dielektrikum geformte Schicht mit Bohrungen, deren Abstände vergleichbar mit der Wellenlänge des Lichtes sind. In der darunter liegenden sehr dünnen Halbleiterschicht werden dann Exzitonen je nach Lichtwellenlänge nur unter den Bohrungen oder unter den Stegen gebildet, wie es das untere Bild zeigt. Ein Exziton ist durch eine scharfe Absorptionslinie gekennzeichnet. Dies erkennt man auch hier, wo je nach Lichtwellenlänge das Exziton an verschiedenen Stellen unterschiedlich stark (blau nach rot) angeregt wird.

In der Entwicklung optoelektronischer Systeme geht
der Trend zu immer stärkerer Miniaturisierung. Dies folgt einerseits
aus dem Bedürfnis, die Komponenten auf einem oder wenigen Chips
integrieren zu wollen. Andererseits sind solche "Miniaturstrukturen"
leichter manipulierbar in dem Sinne, dass die Material- und
Systemeigenschaften komplett kontrollierbar und berechenbar sind.
Hier besteht ein zunehmender Bedarf an der mikroskopischen,
theoretischen Modellierbarkeit von Halbleiterstrukturen auf
quantenmechanischer Ebene. Sowohl die Halbleitereigenschaften als auch
die Charakteristika des emittierten Lichtes sind durch rein
mikroskopische Prozesse dominiert. Wir arbeiten an der Anwendung der
von uns entwickelten quantenmechanischen Modelle auf aktuelle
Strukturen. Ein Beispiel sind die VECSEL (spezielle Halbleiterlaser)
Strukturen, bei denen Quantenfilme als Lasermaterial dienen, die
optisch gepumpt werden.

Festkörper haben eine Oberfläche, deren atomare Struktur im Allgemeinen von der der darunterliegenden Schichten abweicht. Als Beispiel ist hier eine Siliziumoberfläche gezeigt. Die elektronische Eigenschaften an der Oberfläche weichen dann auch von denen des darunter liegenden Volumenmaterials ab. Z.B. können Elektronen die Oberfäche oft nur schwer verlassen, um in das Volumen des Halbleiters zu gelangen. Mit optischen Methoden lassen sich die besonderen Eigenschaften der Elektronen auf der Oberfläche ausmessen. Auch hier hat die Theorie wieder die Aufgabe, die experimentellen Ergebnisse zu interpretieren.

Das Handwerkszeug, das man entweder mitbringen sollte, oder in unserer Gruppe erlernen kann, ist die Theorie der Quantenteilchen und die Optik. Die Entwicklung einer Theorie erfordert ein gutes mathematisches Verständnis und mathematische Fertigkeiten. Da die mathematische Auswertung einer Theorie oftmals nicht nur mit Bleistift und Papier möglich ist, ist man meistens auf massive numerische Methoden angewiesen. Wir verfügen über eine hervorragende Computeraustattung, die uns das Leben erleichtert und viele Probleme überhaupt erst lösbar werden lässt. Neben zahlreichen PCs und Workstations können sich unsere Studenten auch an einem Parallelrechner betätigen.
Wir arbeiten natürlich eng mit der Gruppe
Experimentelle Halbleiterphysik, dem Technologielabor des Wissenschaftlichen Zentrums für
Materialwissenschaften, den Gruppen Vielteilchenphysik und Oberflächenphysik zusammen, daneben auch mit
Wissenschaftlern der Arbeitsgruppen Physikalische Chemie im Fachbereich
Chemie.
Seit April 2002 existiert das Europäische Graduiertenkolleg "Electron-Electron
Interaction in Solids", in dem Vielteilcheneffekte in Festkörpern
in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Budapest und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften erforscht
werden, und das die Möglichkeit grenzübergreifender Betreuungen von
Doktorarbeiten bietet.
Weltweit sind wir als Experten auf dem Gebiet der Halbleitertheorie
bekannt, wir haben aktive Kooperationen mit zahlreichen Universitäten
in vielen Ländern. Dies erlaubt es unseren Studenten auch an anderen
Orten im Ausland einen längeren Forschungsaufenthalt zu verbringen, was
auch viele begeistert wahrnehmen.
Unsere Absolventen haben glänzende Berufschancen. Diese resultieren
nicht nur aus der Tatsache, dass sie anspruchsvolle Theorie gelernt
haben, die zudem noch ein großes Anwendungspotenzial aufweist. Daneben
machen die durch die Arbeit an modernen, leistungsfähigen Rechnern
erworbenen numerischen Kenntnisse unsere Absolventen zu begehrten
Mitarbeitern in einer Vielzahl von Berufsfeldern.

