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Zur Geschichte des Marburger Instituts für Leibesübungen


Geturnt wurde in Marburg schon zur Zeit von Friedrich Ludwig Jahn. 1818/19 gab es einen Streit zwischen turnenden Studenten und der Marburger Polizei am Renthof. Der Holzbarren, in die Erde eingegraben, wurde von der Obrigkeit zerstört und weggeräumt. Ein neuer Barren stand schon am nächsten Morgen wieder am selben Ort. Dieses „Spiel“ setzte sich einige Zeit fort. Wer turnte, war gefährlich für die Landesherren!

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts boten ausgediente Soldaten ihre Turnkünste den Gymnasien (nur Jungen!) an. Das Turnen fand meistens im Sommer an einem Mittwoch Nachmittag  statt. Wenn der „Turnlehrer“ ein ansprechendes Angebot offerieren konnte, kamen die Jungen gerne - und zahlten sogar dafür. War der „Unterricht“ nicht mehr attraktiv, dann blieben die Jungen dieser Veranstaltung fern - und der Turnlehrer zog in eine andere Stadt.

Eine Turnlehrerausbildung etablierte sich allerdings erst ab 1848, zunächst in Preußen und nach und nach auch in anderen Staaten. Erst ab 1917 wurde Turnen als Nebenfach an Preußens Universitäten zugelassen. Vorher leiteten Gymnasialdirektoren mit Hilfe von bestimmten Professoren der Universität Turnlehrerkurse. Die so Examinierten erhielten die Befähigung zum Unterrichten an Gymnasien. Seit 1907 gibt es an den Universitäten Bonn, Göttingen, Greifswald, Halle, Kiel, Münster, Marburg u.a. Turnlehrerkurse dieser Art. Am ersten Ausbildungskurs in Marburg im Wintersemester 1907/08 unter Leitung von Oberlehrer Prof. Dr. Stange (Gymnasium Philippinum) nahmen immerhin 33 Studierende teil.

Mit Erlass des Preußischen Kultusministers vom 29. Mai 1923 werden an allen Universitäten Institute für Leibesübungen möglich. Schon am 1.10.1923 wird Herr Dr. Peter Jaeck aus Frankfurt/Main in Marburg als erster Leiter des Instituts für Leibesübungen (IfL) angestellt. Das war ein Glücksfall für Marburg. Er übernahm ab 1924 auch die Leitung der Turnlehrerkurse und arbeitete daran, das Institut auszubauen.

Dr. Peter Jaeck (1894 - 1937)  promovierte in Frankfurt zum Dr. phil. mit einer Dissertation über den Westfälischen Frieden und die Stadt Frankfurt. Es folgte1926 die Habilitation und schließlich 1927 die Berufung zum ordentlichen Professor. Er war geprüfter Turnlehrer, Schwimmlehrer, Ruderlehrer, Wanderlehrer und Skilehrer.

Ab 1929/30 begann die Zeit der „Akademisierung“  des Instituts für Leibesübungen.  Peter Jaeck war besonders an eine akademische Anerkennung des Faches „Leibesübungen und körperliche Erziehung“ im Ministerium und der Universität gelegen. Sein Ziel war die gleichberechtigte Anerkennung der Leibesübungen als  Schulfach. Prof. Dr. Peter Jaeck war wesentlich an den Vorbereitungen zu dieser Annerkennung sowohl in Marburg als auch in Berlin beteiligt. Es folgen dann nur wenige Aufbaujahre bis 1933. Er war ein sehr beliebter und bekannter Hochschullehrer, wodurch das Marburger Institut nach dem Berliner zum bedeutendsten IfL des Reiches wurde.

In der Zeit von 1933 - 1945 erfolgte der Bruch mit fast allen Traditionen. 1934 wurde mit der „Neu“-Ordnung der Ausbildung durch das REM (= Reichserziehungsministerium) in Berlin begonnen. Dies geschah im „Amt. K.“ (= „Körperliche Erziehung“). Die Leibesübungen und Sportarten wurden dann einer „Militarisierung“ für alle Studenten (!) unterzogen. Forciert wurden Sportarten wie  Boxen, Schießen, Segelfliegen u.a. Die 3. Turnstunde wurde aus dem Wehretat bezahlt!

Prof. Dr. Peter Jaeck leitete das Sportstudentenlager bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Am 5. Oktober 1937 verunglückt Peter Jaeck mit dem Motorrad bei Schmalkalden tödlich.

Die Leitung des Instituts für Leibesübungen in Marburg wurde erst wieder 1939 mit Dr. Erich Lindner besetzt. Er hatte Physik, Mathematik und Leibeserziehung in Breslau studiert. Seine Dissertation (1940) wurde zur Thematik der  „Leistungsprüfungen“ im Sport verfasst, seine Habilitationsschrift handelte vom Persönlichkeitsaufbau der Turn- und Sportlehrer im Spiegel der Motorik (1944). Dr. Erich Lindner war stark an Forschungen in der Biomechanik, speziell der Wurf- und Sprungdisziplinen in der Leichtathletik interessiert. Ideengeschichtlich war er eher traditionell orientiert - er lehnte zwar den Nationalsozialismus innerlich ab, aber es ging keinerlei Widerstand gegenüber den Machthabern von ihm aus.

Die erste Assistentin am Marburger Institut war ab 1927 Frau Gisela Weiß (später mit den ehelichen Namen Stassen). Bis 1948 waren mit unterschiedlich langer Verweildauer ca. 20 Assistentinnen und Assistenten am Marburger Institut tätig.

Ab 1973 ist eine rasante Ausdifferenzierung der Sportwissenschaft in Deutschland zu verzeichnen. Diese Entwicklung ging auch an Marburg nicht vorbei. Neben den Traditionsuniversitäten entstanden in einer Bildungsoffensive neue, oft reformorientierte Universitäten und auch Institute für Sportwissenschaft.

Um 1970 kam es zu einem heftigen Streit zwischen einer politisierten Studentenschaft und der Institutsleitung sowie den Lehrenden des Instituts über die sportive Orientierung der Ausbildung. Es wurde über die Zugehörigkeit des Sportinstituts diskutiert. So wurde die Frage aufgeworfen, ob das Institut für Sportwissenschaft dem Fachbereich der „Pädagogen“ oder der „Politologen“ angeschlossen werden sollte. Die Studentenbewegung forderte und praktizierte „autonome Seminare“ und förderte alternative Veranstaltungen.

Mit der 1973 erfolgten Berufung von Prof. Dr. Eberhard Hildenbrandt als Nachfolger von Erich Lindner und Prof. Dr. Volker Rittner (seit 1983 an der Sporthochschule in Köln) und seinem Nachfolger Prof. Dr. Peter Becker, aber auch mit der Berufung von Prof. Dr. Friedhelm Schilling und der Einrichtung des Motologie-Studiengangs begann eine neue Etappe des Instituts für Sportwissenschaft und Motologie.

Mit dem Ausscheiden von Prof. Dr. Eberhard Hildenbrandt (1998) und Prof. Dr. Friedhelm Schilling (2001) sowie den Berufungen von Prof. Dr. Ralf Laging (2001) und Prof. Dr. Jürgen Seewald (2002) als deren Nachfolger ist die bereits in den Jahren zuvor begonnene bewegungspädagogische Ausrichtung des Instituts weiterhin gestärkt worden. Dies zeigt sich zum einen in der Sportlehrerausbildung mit einer pädagogischen Bewegungslehre und den Grundthemen des Bewegens sowie mit der Neukonzeption der Motologie im Kontext einer eigenen Studienrichtung „Körper- und Bewegungsbildung“ im Studiengang Dipl.-Pädagogik und in der Entwicklung eines eigenen Hauptstudiums Dipl.-Motologie.

 

Walter Bernsdorff und Ralf Laging

Zuletzt aktualisiert: 16.02.2006 · Mike Pott-Klindworth

 
 
 
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