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Zur Geschichte des Marburger Instituts für Leibesübungen

Geturnt wurde in Marburg schon zur Zeit von Friedrich Ludwig Jahn. 1818/19 gab es einen Streit zwischen turnenden Studenten und der Marburger Polizei am Renthof. Der Holzbarren, in die Erde eingegraben, wurde von der Obrigkeit zerstört und weggeräumt. Ein neuer Barren stand schon am nächsten Morgen wieder am selben Ort. Dieses „Spiel“ setzte sich einige Zeit fort. Wer turnte, war gefährlich für die Landesherren!
Nachdem Turnen in die Schulen Preußens als Unterrichtsfach aufgenommen wurde, etablierte sich ab 1848 auch die Ausbildung der Turnlehrer, zunächst in Preußen und nach und nach auch in anderen Staaten. Neben der Ausbildung an Turnlehrerbildungsanstalten gab es auch an den Universitäten Turnlehrerkurse, die von Gymnasialdirektoren, wie in Marburg vom Oberlehrer Prof. Dr. Stange (Gymnasium Philippinum), geleitet wurden.

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Als das preußische Kultusministerium im Mai 1923 die Voraussetzungen schuf, an allen Universitäten Institute für Leibesübungen einzurichten, wurde im Oktober 1923 Dr. Peter Jaeck aus Frankfurt/Main als erster Leiter des Instituts für Leibesübungen (IfL) angestellt. Das war ein Glücksfall für Marburg. Er übernahm die Leitung der Turnlehrerkurse und organisierte das Deutsch-Akademische Olympia, das im Juli 1924 2000 Studierende aller deutschen Universitäten zu Turn- und Sportwettkämpfen zusammenführte und die Marburger Universität und das neu gegründete Institut bekannt machte.
Peter Jaeck (1894-1937) wurde in Frankfurt zum Dr. phil. mit einer Dissertation über den Westfälischen Frieden und die Stadt Frankfurt promoviert. In seiner Habilitationsschrift (1926) bearbeitete er sportmedizinische Fragestellungen, die auf umfangreichen Untersuchungen der Teilnehmer am Deutsch-Akademischen Olympia 1924 beruhten. 1927 folgte die Berufung zum ordentlichen Professor. Er war nicht nur Turnlehrer, sondern hatte auch Prüfungen als Schwimm-, Ruder-, Wander-, Skilehrer und im orthopädischen Turnen abgelegt. Selbst im Segelfliegen erwarb er grundlegende Lizenzen, als diese neue Sportart nach 1928 in den Universitäten Verbreitung fand.
Als 1929/30 die Akademisierung der Institute für Leibesübungen und des Faches Leibesübungen und körperliche Erziehung vom preußischen Ministerium initiiert wurde, musste dies auch – entgegen mancher Widerstände in den philosophischen Fakultäten – in den Universitäten durchgesetzt werden. Gemeinsam mit seinem Göttinger Kollegen Bernhard Zimmermann war Peter Jaeck wesentlich an den Vorbereitungen zu dieser Anerkennung beteiligt. Dass das Studium der Leibeserziehung und des Sports an den Universitäten im Zusammenhang mit den anderen akademischen Disziplinen eingerichtet wurde und nicht an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin, wie es auch diskutiert wurde, und der „Turnphilologe“ und das Fach damit eine gleichberechtigte Anerkennung in der Schule erreichen konnte, geht auf diese bedeutende bildungspolitische Entscheidung in der Weimarer Republik zurück.

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Der Übergang in den nationalsozialistischen Staat unter der Ägide des Amtes für körperliche Erziehung (Amt K) im Reichserziehungsministerium wurde – trotz der gravierenden Einschnitte in der Ausbildung der Turnlehrer und Turnlehrerinnen und der Einführung des studentischen Pflichtsports durch die Hochschulsportordnung vom 30. Oktober 1934 – vom Marburger Institut und Peter Jaeck mitgetragen. Das Promotionsrecht beispielsweise, das zuerst Peter Jaeck 1935 seitens der Amtes K zugestanden wurde, ermöglichte es, dass manche der späteren Institutsdirektoren anderer Universitäten in Marburg promoviert wurden (Wilhelm Streib (1935) kommissarischer Direktor am IfL Göttingen ab 1938; Erich Lindner (1940) Direktor der IfLen in Bonn, Kiel und Marburg; Otto Hanebuth (1942) späterer Direktor am IfL Saarbrücken). Da in Marburg ein Schwerpunkt auf der Ausbildung der Turnlehrerinnen lag, wurden die zentralen Prüfungslehrgänge aller angeh enden Turnlehrerinnen in Deutschland ab 1935 in Marburg eingerichtet. Mit dem Institut in Berlin und Neustrelitz, wo die zentralen Prüfungslehrgänge der Turnlehrer stattfanden, wurde Marburg so zum zentralen akademischen Ausbildungsort. Besondere Bedeutung bekam zudem die 1934 gegründete Abteilung für Luftfahrt, in der die Studierenden in das Segelfliegen eingeführt wurden und dort – insbesondere in den Kriegsjahren – die luftfahrtbezogene Forschung der anderen Marburger Universitätsinstitute koordiniert wurde. Die Anerkennung, die das Marburg Institut in diesen frühen Jahren durch den NS-Staates erhalten hatte, führte dazu, dass Peter Jaeck gemeinsam mit Prof. Dr. Carl Krümmel, dem Leiter des Amtes K und Direktor des Berliner Hochschulinstituts, die Verantwortung für das Internationale Studentenlager und den begleitenden Kongreß für körperliche Erziehung bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 übertragen wurde. Dort kamen im Zuge der propagandistischen Vereinnahmung der Olympischen Spiele 1000 Studierende aus 30 Nationen als Repräsentanten ihrer nationalen Systeme der Leibeserziehung zusammen. Mehrere Mitarbeiter des Marburger Instituts waren in die Organisation eingebunden. Diese und auch die weitere Entwicklung des Instituts im NS-Staat ist Gegenstand aktueller Forschungen der Universität Marburg.

Nachdem Peter Jaeck am 5. Oktober 1937 mit dem Motorrad bei Schmalkalden tödlich verunglückte, wurde die Leitung des Marburger Instituts schon im November 1937 an Dr. Hans Möckelmann übertragen, der in Marburg studiert und die IfLen in Gießen und Königsberg geleitet hatte und bald zum Professor ernannt wurde. Als NS-Dozentenbundführer stand er der „politischen Leibeserziehung“ im NS-Staat sehr nahe und fundierte mit seiner Theorie der Entwicklungsstufen deren Idee und Aufbau in den nationalsozialistischen Erziehungsinstitutionen. Nachdem Hans Möckelmann mit Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen wurde, übernahm Dr. Erich Lindner 1940 kommissarisch die Leitung. Er hatte Physik, Mathematik und Leibeserziehung in Breslau studiert und seine Dissertation (1940) zur Thematik der „Leistungsprüfungen“ im Sport verfasst. Seine Habilitationsschrift handelte vom Persönlichkeitsaufbau der Turn- und Sportlehrer im Spiegel der Motorik (1944). Er war an Forschungen in der Biomechanik, speziell der Wurf- und Sprungdisziplinen in der Leichtathletik interessiert. Obwohl er kein überzeugter Nationalsozialist war, konnte er das IfL durch die Kriegsjahre führen und bekam nach der Wiedereröffnung 1946 erneut die Verantwortung als Direktor übertragen, die er bis zu seinem Tod 1973 innehatte.

Die Ausdifferenzierung der Sportwissenschaft in Deutschland führte ab 1970 an zahlreichen Universitäten zur Gründung von Instituten für Sportwissenschaft. In diesen Jahren der leistungssportlichen Konkurrenz mit der DDR und im Vorfeld der Olympischen Spiele in München 1972 wurden an vielen Universitäten vor allem trainingswissenschaftliche und sportmedizinische Forschungsfelder gefördert. Vehement wurde zugleich um die gesellschaftspolitische Bedeutung des (Leistungs-)Sports diskutiert, wie in Marburg insbesondere in den autonomen Seminaren der Studierenden. Hier wurde sogar im Rahmen der Hochschulreform die Eingliederung des Instituts für Sportwissenschaft in den politikwissenschaftlichen Fachbereich erwogen, letztlich aber die Eingliederung in den Fachbereich Erziehungswissenschaft (Fachbereich 21) entschieden. Damit war eine institutionelle Rahmung für eine pädagogische Ausrichtung des Marburger Instituts für Leibesübungen geschaffen worden, die sich zum einen durch die Fokussierung auf die Sportlehrer(aus)bildung und zum anderen durch Forschungen zur Funktion und Bedeutung von sportlichen Bewegungen und Bewegungslernprozessen bzw. Trainingsprozessen begründete. Im Zuge dieser Ausrichtung wurden in den 1970er Jahren in der Nachfolge des Institutsdirektors Erich Lindner neben der sportpädagogischen Professur (Prof. Dr. Eberhard Hildenbrandt 1973-1998), die Anfang des neuen Jahrtausends in eine Professur für Bewegungs- und Sportpädagogik (Prof. Dr. Ralf Laging 2001-2019) erweitert wurde, weitere Professuren für Sportwissenschaft eingerichtet. Dazu gehörten zunächst eine sportsoziologische (Prof. Dr. Volker Rittner 1973-1983; Prof. Dr. Peter Becker 1983-2008; Prof. Dr. Matthias Witte 2008-2012; Prof. Dr. Martin Stern ab 2014) und eine sportmedizinische Professur (Prof. Dr. Ferdinand Klimt 1978-1993; Prof. Dr. Hans Martin Sommer 1995-2011; Prof. Dr. Ralph Beneke ab 2011). Anfang des neuen Jahrtausends kam zur Erweiterung des wissenschaftlichen Spektrums eine Professur für Psychologie der Bewegung (Prof. Dr. Anke Abraham 2004-2017) hinzu, die zugleich für das Lehramtsstudium im Fach Sport als auch für den Institutsstudiengang Motologie zuständig war. Diese Professur hat zuvor von 1984 bis 1992 Prof. Dr. Gerd Hölter mit der Denomination „Motopädagogik“ inne. Damit ist eine zweite Entwicklungslinie des Institut angesprochen, die in den 1980er Jahren Ihren Anfang genommen hat. In dieser Zeit ist die bewegungspädagogische Ausrichtung des Instituts weiter ausdifferenziert und durch den Ansatz der psychomotorischen Förderung von Kindern erweitert worden. Auf dieser Grundlage wurde ein neuer wissenschaftlicher Studiengang begründet und eingerichtet, der die Schaffung einer Bewegungsexpertise zur Entwicklungsförderung von Kindern bzw. später zur ganzheitlichen psychomotorischen Förderung über die gesamte Lebensspanne zum Ziel hatte. Dieser neuartige und in der Bundesrepublik einzigartige Studiengang hat die Bezeichnung „Motologie“ erhalten. Der Studiengang ist zunächst als Dipl.-Aufbaustudiengang eingerichtet und 2005 in einen Masterstudiengang überführt worden. Mit der Einrichtung des Motologie-Studiengangs erfolgte 1983 die Umbenennung des Instituts in Institut für Sportwissenschaft und Motologie. Für diesen Studiengang ist eine eigenständige Professur eingerichtet worden, dessen erster Stelleninhaber Prof. Dr. Friedhelm Schilling (1983-2001) war. In der Nachfolge auf dieser Professur war zunächst Prof. Dr. Jürgen Seewald von 2002-2017 tätig, ab 2018 hat Prof. Dr. Martin Vetter die Professur für Psychomotorik und Motologie inne.

Die seit den 1980er Jahren forcierte pädagogische und psychomotorische Orientierung des Instituts hat durch weitere bewegungspädagogische Studiengangentwicklungen zur Profilierung des heutigen Instituts beigetragen. So wird in den bewegungspädagogischen Arbeitszusammenhängen die menschliche Bewegung aus phänomenologischer und anthropologischer Perspektive im Horizont bildungstheoretischer Ansätze reflektiert. Dies zeigt sich zum einen in der Sportlehrerausbildung mit einer pädagogischen Bewegungslehre und dem Spezifikum der Grundthemen des Bewegens sowie mit dem Masterstudiengang Abenteuer- und Erlebnispädagogik (zwischenzeitlich von 2008 bis 2017 durch einen internationalen Studiengang in Kooperation mit der University of Cumbria, UK, und der Norwegian School of Sport Sciences, N, erweitert: Transcultural European Outdoor Studies) und dem Weiterbildungsmaster Kulturelle Bildung an Schulen (gemeinsam mit dem Institut für Schulpädagogik des Fachbereichs). Für Lehramtsstudierende mit dem Fach Sport kann außerdem eine Zusatzqualifikation zur Abenteuer- und Erlebnispädagogik erworben werden.

ZQ Sport mit Sehgeschädigten Seminarszenen
Foto: Veit Waldeck

Zur weiteren Profilierung des Instituts hat ebenfalls die seit den 1980er Jahren existierende enge Kooperation mit der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg (BliSta) beigetragen, aus der eine bis heute angebotene Zusatzqualifikation für Sport mit Sehgeschädigten hervorgegangen ist. Die Zusammenarbeit mit der BliSta ist seit 2012 als Fachbereichskooperation ausgeweitet worden und hat zu einem Weiterbildungsmaster zur Blinden- und Sehbehindertenpädagogik geführt, an der das Institut beteiligt ist. Mit der Einrichtung eines grundständigen BA-Studiengangs Bewegung s- und Sportwissenschaft im Jahr 2017 hat sich das Studienprofil über die bisherigen Studiengänge zum Lehramt im Fach Sport und zu den Masterstudiengängen zur Abenteuer- und Erlebnispädagogik sowie zur Motologie noch einmal erheblich erweitert.
 

Walter Bernsdorff, Ralf Laging, Alexander Priebe