Literarische Stimmen zu Marburg
Caroline Schlegel-Schelling (1763-1809)
"Marburg hat wenig - aber doch nicht die tötende Einförmigkeit und den rechtsstädtischen Dünkel. Die Menschen sind nicht so kultiviert und geschwätziger, allein doch tolerenter." (Brief an Meyer im Oktober 1789, in: Erich Schmidt (Hg.), Caroline. Briefe aus der Frühromantik, Leipzig 1913, S. 185)
Jakob Grimm (1785-1863)
"Die Lage Marburgs und umliegende Gegend ist gewiss sehr schön. Besonders wenn man in der Nähe des Schlosses steht und da hinuntersieht, die Stadt selbst aber sehr hässlich. Ich glaube, es sind mehr Treppen auf den Straßen als in den Häusern. In ein Haus geht man gar zum Dache hinein." (Briefe der Brüder Grimm an Paul Wigand (hrsg. von E. Stengel), Marburg 1910)
José Ortega y Gasset (1883-1955)
"Ich kann die Landschaft des Escorial nicht betrachten, ohne dass mir fein und fern das Bild eines anderen Ortes vorschwebt... Es ist eine kleine gotische Stadt an einem kleinen dunklen Fluss zwischen sanft gerundeten Hügeln, die ganz mit dichten Tannen- und klaren Buchenwäldern bestanden sind. In dieser Stadt habe ich die Tag- und Nachtgleiche meiner Jugend verbracht; ich danke ihr die Hälfte meiner Hoffnungen und fast meine ganze geistige Zucht. Es ist Marburg an der Lahn." (1)
Ina Seidel (1885-1974)
"Nicht der Bürger, der Student steht im Mittelpunkt des Interesses, der Student in seiner Gesamtheit als fließendes Element, das das Gemeinwesen in ununterbrochenem Strom durchwandert. In einer solchen Stadt ist es wie in einem Hause, in dem Türen und Fenster fortwährend offen stehen." (1)
Ernst Reuter (1889-1953)
"Marburg ist geradezu herrlich. Als ich ankam und alles nun selber schauen konnte, wusste ich kaum, wo mir der Kopf stand, so sehr überwältigte mich das." (1)
Boris Pasternak (1890-1960)
"Wenn das hier nur eine Stadt wäre! Aber es ist ja ein mittelalterliches Märchen. Wenn es hier lediglich Professoren gäbe! Jedoch manchmal, inmitten der Vorlesungen, öffnet sich während eines Gewitters ein gotisches Fenster und die komprimierte Kraft von hundert Gärten erfüllt den rußgeschwärzten Saal und von dort, von den Bergen, blickt der ewig mächtige Vorwurf. Wenn es lediglich Professoren gäbe! Aber hier ist auch noch Gott!" (Boris Pasternak: Sommer 1912. Briefe aus Marburg. Marburg, 1990)
"Ich kann mir nur schwer einen Ort vorstellen, der in stärkerem Maße eine Illustration wäre als Marburg. Es ist nicht dieses oberflächlich Malerische, vom dem wir sagen, es sei entzückend und zauberhaft. Die in Jahrhunderten bewährte und befestigte Schönheit des Städtchens, das von der Heiligen Elisabeth (Anfang des 13. Jahrhunderts) beschützt wird, hat eine gewisse dunkle und mächtige Neigung zur Orgel, zur Gotik, zu etwas jäh Abgebrochenem und nicht Vollendetem, was hier vergraben liegt. Dieser Wesenszug belebt die Stadt. Sie ist aber nicht lebhaft. Es handelt sich nicht um Lebhaftigkeit. Es ist eine stumme Gespanntheit des Archaischen, und diese Spannung bringt alles hervor: die Dämmerung, den Duft der Gärten, die akurate Ausgestorbenheit des Mittags, die nebeligen Abende. Die Geschichte wird hier erdhaft. Das wissen, das fühlen alle." (Boris Pasternak: Sommer 1912. Briefe aus Marburg. Marburg, 1990)
Werner Bergengruen (1892-1964)
"Diese bergige, verzauberte Stadt ist ungewandelt, immer noch ein unausschöpflicher Brunnen jeglicher Augenfreude. Das Spiel der Vertikalen mit der Horizontalen fügt sich bei jedem Schritt zu immer neuen und in aller Altvertrautheit immer wieder überraschenden Bildern zusammen. Wo Neues aufgekommen ist, da bleibt es außerhalb der eigentlichen Stadt."
"Ich freue mich an den hochgiebelig, Erker geschmückten Fachwerkhäusern, die mir zum ersten Male einen reinen Begriff von dem gaben, was Goethe das Anmutig-Beschränkte des bürgerlichen Zustandes nennt." (beide Zitate: Werner Bergengruen, Alte Stadt der Jugend, in: alma mater philippina, Wintersemester 1962/63, S. 3f.)
Erwin Piscator (1893-1966)
„Aber die Kleidung spielte in Marburg nicht nur vom Selbstgefühl, sondern auch von der äußeren Einschätzung her eine große Rolle. Und schon als Pennäler spielt man „Student“ – die die Klassenunterschiede auf der Straße demonstrierten. Da gibt es Corps, die schauen auf die Burschenschaften herab (geringerer Monatswechsel), die Burschenschaften auf die Landsmannschaften, die auf die Frankonen, die auf die „Keuschheit-bis-zum-Ehebett“-Wingolfiten und alle auf die Freien, in keiner Verbindung seienden. […]
Marburg lebte von Studenten. Und die gingen durch die alten gebrechlichen Straßen, die alle Besucher soooo romantisch fanden, wie griechische Hermes in Wichs oder piekfein mit Mensur-Käppis neben den Bauernwagen, die vom Land kamen, deren Ladung nicht soviel ausmachte, wie sie an einem Abend versoffen – und auf sie schauten hinter dunklen Ladenfenstern schwere Augen mit dem Verlangen nach dem notwendigen Verdienst, um die Familie zu ernähren.“ (Aus: „Wie sind Sie eigentlich Kommunist geworden?“ in: Erwin Piscator: Zeittheater. „Das politische Theater“ und weitere Schriften von 1915-1966. Reinbek 1986, S. 396f.)
Wilhelm Röpke (1899-1966)
„Hier, an dieser Universität mit ihrer romantischen Überlieferung und mit ihrer geistig so regen Gegenwart, konnte ich als blutjunger Student meine Anlagen reifen lassen, hier habe ich zuerst das Glück ernster, dauerhafter und geistig fruchtbarer Freundschaft und das des Umgangs mit großen Meistern erfahren. … Ich segne die Stunde, da ich nach einigen Semestern, die ich in Göttingen und Tübingen verbracht, den Entschluss fasste, zum Wintersemester 1919 nach Marburg zu gehen.“ (Wilhelm Röpke, Marburger Studentenjahre, in: alma mater philippina, Wintersemester 1962/36)
Hans-Georg Gadamer (1900-2002)
"Ich ging 1938 nach Leipzig und damit fand ein Marburger Dasein von fast zwei Jahrzehnten sein Ende, wie ein zu Ende geträumter Traum. (Als ich nach Marburg) zurückberufen wurde, habe ich den Ruf nicht angenommen. Träume gehen nicht in Erfüllung. Ihre Erfüllung liegt in ihnen selbst." (Hans-Georg Gadamer, Marburger Erinnerungen, in: alma mater philippina, Wintersemester 1974/75)
Harry Rowohlt (geb. 1945)
"Am liebsten habe ich Marburg. Wenn ich was übersetzt habe, von dem ich nicht weiß, ob man es öffentlich vorlesen kann, versuche ich es zuerst in Marburg, weil das Marburger Publikum provinziell, aber akademisch ist. Außerdem sitzt da die PDS im Stadtrat. Wenn etwas in Marburg angekommen ist, kann man sicher sein, es einigermaßen intellligenten Menschen zumuten zu können... Außerdem liebe ich kluges Publikum." (2)
Franziska Wiethold (geb. 1946)
"Kleinstadt, die von der Universität dominiert wird. Nebeneinander von dumpfen Spießertum der Nachkriegszeit (schlagende Verbindung mit dem entsprechenden Männergehabe, Zimmerwirtinnen, die ständig rumschnüffelten) und der aufkommenden Studentenbewegung", erinnerte sich das Verdi-Vorstandsmitglied an ihre Studienzeit. (Fragen an eine Ehemalige, Marburger UniJournal; Oktober 2006, S. 78)
Frank Benz (geb. 1966)
"Man kam aus Berlin mit dem Ferrari und musste sich in Marburg auf's Dreirad setzen. Wenn man langsamer wurde, war Marburg schön wie immer." (2)
Johanna Dornbough (geb. 1975)
"Anderthalb Jahre war ich nicht in der kleinen Stadt mit den schiefen Hexenhäuschen gewesen, bei deren Anblick jeder Besucher ausruft: 'Das ist ja niedlich hier!' Ja, sehr niedlich. Man könnte auch sagen, der Stoff aus dem die Märchen sind - schließlich sollen die Brüder Grimm hier ihre Inspiration gefunden haben. Aber keiner, der einigermaßen bei Sinnen ist, will jahrein, jahraus nur Märchen lesen. Genauso wollte ich nicht noch länger in Marburg leben. ... Wenn es am schönsten ist, soll man gehen, besonders wenn es um Marburg geht - genug Leute werden hier so träge, dass sie in alle Ewigkeit ihr Leben in den Gassen der Oberstadt fristen, obwohl sie mal als motivierte junge Menschen angereist kamen... irgendwas musste dieser irreale Ort außer seinem Wahnsinnsruf als linkes Uni-Städtchen doch zu bieten haben." (2)
Steven Fitzgerald (geb. 1979)
"I first went to Marburg for a four day break, I finally left a couple of month ago, after two and a half years. Marburg has that effect to people, it is a black hole where time means nothing, a fairytale village where nothing feels real." (2)
Quellen:
(1) "Marburger" über Marburg. Berühmte Stimmen aus vier Jahrhunderten, zusammengestellt von Markus Bauer. in: Marbuch, Marburg 1991, S. 156-165.
(2) Zitate aus: Marburganderlahnbuch, hrsg. von Nils Folckers und Ambros Waibel, Berlin 2003 (Verbrecher Verlag)

