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1921 – 1949: Die Gründung des Musikwissenschaftlichen Instituts und des »collegium musicum«

Hermann Stephani
Foto: Public Domain

1921, ein Jahr nach dem Tod Gustav Jenners, trat Hermann Stephani (Foto links) die Stelle des Universitätsmusikdirektors und Konzertverein-Dirigenten in Personalunion an. Dieser hatte Weitreichendes vor: Er gründete ein strukturell universitätseigenes »collegium musicum instrumentale«, einen Konzertverein-Frauenchor sowie das Musikwissenschaftliche Institut der Philipps-Universität. Stephani hatte auch mit dem Chor große Pläne, die jedoch finanziell riskant waren. Der verstärkt mangelnde Besuch der Konzerte führte dazu, dass der Chor beinahe aufgelöst wurde. Diese und weitere Differenzen führten 1929 dazu, dass der Konzertverein-Vorstand Stephani die Kündigung aussprach, was insbesondere den Chor, der hinter Stephani stand, brüskierte. Stephani versuchte sich gegen diese Kündigung zu wehren, da seine Dienstanweisung als Universitätsmusikdirektor es vorsah, sämtliche Chor- und Orchesterkonzerte des Akademischen Konzertvereins zu leiten. Der Chor betreibt währenddessen selbständig die Aufführung der »Matthäus-Passion« und versucht, sich weitgehend vom Konzertverein abzuspalten. Im Sommer 1930 kommt es zu einer Einigung: Hermann Stephanis Vertrag wird neu geschlossen und der Konzertverein bekennt sich zu seinen Chorkonzerten. 1933 wird der Konzertverein gleichgeschaltet. Die finanzielle Lage des Vereins war jedoch aufgrund einbrechender Besucherzahlen bei weiterhin hoch bleibender Anzahl veranstalteter Konzerte immer düsterer, sodass 1934 – wohl auch aufgrund der durch die NS-Gleichschaltung entstandenen Differenzen im Vorstand – der Verein komplett aufgelöst werden musste. Der Nationalsozialist Stephani – im späteren Entnazifizierungsverfahren als »Mitläufer« eingestuft – wurde von der Stadt als Leiter des Konzertwesens eingesetzt und veranstaltete bis zu seiner Pensionierung 1945 mit dem Konzertverein-Chor – nun in Eigenregie – große Chor- und Orchesterkonzerte in Marburg. Stephani schreibt 1945 in seinem Lebenslauf:

Konzertplakat von 1943

»Meine beiden Amtsvorgänger [als Universitätsmusikdirektoren] Prof. Dr. h.c. Richard Barth und Prof. Dr. h.c. Gustav Jenner waren durch Brahms’ Fürsprache nach Marburg gekommen und hatten hier eine Hochburg der Brahmspflege errichtet. Ich begann sogleich mit einer betonten Bruckner-Pflege, bemühte mich um einen Brücken-Bau von Marburgs klassizistischer Grundhaltung zur damaligen Gegenwartsmusik und verankerte die Chortätigkeit in jährlich 4 Großaufführungen. Die letzte deutsche Matthäus=Passion vor dem Zusammenbruch erklang zu Marburg waährend [sic] Fliegeralarms am 11. März 1945; mit ihr nahm ich Abschied von der mir lieb gewordenen Amtstätigkeit.« (Das Bild links zeigt das Konzertplakat der Matthäus-Passion 1943.)

Parallel zur Arbeit Stephanis gründete der Musikwissenschaftler Herbert Birtner 1930 neben dem bereits existierenden »collegium musicum instrumentale« ein universitätseigenes »collegium musicum vocale«, das »der praktischen Erarbeitung alter Musik dient«, wie Birtner 1938 schreibt. Über die Arbeit Stephanis und Birtners am Musikwissenschaftlichen Institut der Philipps-Universität hat Sabine Henze-Döhring hier ausführlich erzählt.

 

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Quellen:

- Der Marburger Konzertverein. Ein Streifzug durch seine Geschichte von 1786 bis 1999. Marburg, 1999.
- Sabine Henze-Döhring (2005): „Er lebte nur seiner Musik ...“ – Hermann Stephani als Gründer des Marburger Musikwissenschaftlichen Seminars und Collegium musi­cum. Volltext.