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1949 – 1979: Der »Universitätschor« als Teil der aufblühenden Marburger Chorlandschaft

Nach dem 2. Weltkrieg wurde 1949 Prof. Kurt Utz als Universitätsmusikdirektor an die Philipps-Universität Marburg berufen. In diesem Rahmen leitete Utz sowohl das »collegium musicum« und führte große Oratorien, wie den »Messias« oder die »Matthäus-Passion« auf. Mit den Jahren entwickelte sich das Marburger Musikleben vielfältiger. So gab es Anfang der 1950er Jahre bereits drei große Chöre in Marburg: den Philharmonischen Chor der nach dem Krieg gegründeten »Marburger Philharmonie«, die »Marburger Kantorei« sowie das »collegium musicum vocale«, von nun an auch meist offiziell als »Universitätschor« betitelt. Um »Wege zu einer einheitlichen Gestaltung des Marburger Musiklebens« zu finden, schlossen sich diese drei Chöre 1956 zu einer Reaktivierung des Marburger Konzertvereins – diesmal eher in Form eines veranstaltungsorganisatorischen Dachverbands – zusammen. Der Konzertverein veranstaltete – neben weiteren Konzerten – jeweils eigenständige Konzert der drei Chöre, meist in der Lutherischen Pfarrkirche, bis die Organisation der Konzerte nach und nach der größere und dadurch selbständiger gewordenen Marburger Chorszene überlassen wurden. Kurt Utz leitete im Juli 1965 – bereits schwer erkrankt – zum letzten Mal ein Konzert des Universitätschors (Händel: »Jephta«).

Martin Weyer

Zum Wintersemester 1966 kam Martin Weyer (Foto links) als neuer Universitätsmusikdirektor nach Marburg. Die universitäre Musikpraxis, insbesondere das »collegium musicum« war aufgrund der Krankheit Utz’ im Grunde nicht mehr existent. Martin Weyer begann fortan den Chor sowie das Orchester neu aufzubauen. Der Wiederaufbau des Chors gestaltete sich im Gegensatz zur Neuerrichtung eines Orchesters weniger problematisch, benötigt man doch für den Einsatz der eigenen Stimme weniger Vorbildung als für den Einsatz eines Instruments. 1968 – mittlerweile war die Marburger Chorszene durch die Gründung eigenständiger Laienchöre wie den Marburger Bachchor weiter ausgebaut – konnte Weyer bereits mit dem kompletten »collegium musicum« die »Lukas-Passion« von Telemann aufführen, 1970 folgte die e-Moll-Messe von Bruckner. Hören Sie hier in die Aufnahme der Aufführung von Mozart's »Vesperae Solennes« von 1972 rein.

Von Beginn an war die Arbeit mit dem »collegium musicum« davon geprägt, mit wenig finanziellen Mitteln auszukommen. So hatte Weyer zu Beginn seines Wirkens lediglich einen Jahresetat von 500 DM für Chor und Orchester zur Verfügung. Relativ bald gründete Weyer neben dem großen Universitätschor einen kleinen Madrigalchor. Voraussetzung zur Aufnahme in den sängerisch anspruchsvolleren und daher für die SängerInnen interessanteren Madrigalchor war jedoch die parallele Mitgliedschaft im großen Chor. Die Proben – zuerst der große Chor, im Anschluss der Madrigalchor – fanden im Konzertsaal des Ernst-von-Hülsen-Hauses statt.

Brief von Pepping 1971

In dieser Zeit führte Weyer mit Chor und Orchester die großen gängigen Werke auf (Brahms: »Ein Deutsches Requiem«, Messen von Schubert und Haydn, verschiedene Bach-Kantaten) – insbesondere mit dem Madrigalchor auch immer mit einem Augenmerk auf A-cappella-Chormusik (Englische Madrigale, Werke von Distler, Haydn, Mendelssohn). Uraufführungen u.a. von Stockmeier, Gibbs und Blume kamen hinzu. Ein besonderes Highlight: Die Aufführung von Ernst Peppings »Lob der Träne«. Besonders deshalb, weil Ernst Pepping selbst auf Einladung von Weyer, mittlerweile zum Professor für Musikwissenschaft ernannt, zur Aufführung im Rittersaal des Landgrafenschlosses kam. Pepping war sichtlich vergnügt (»Ich habe bislang meine Musik noch nie in einem Rittersaal gehört!«), was er später in Briefen an Weyer auch nochmals zum Ausdruck brachte.

Chorkonzert Alte Aula 1970er
Foto: Martin Weyer

Zeitlich eingeschränkt durch seine Konzertreisen als Organist und bestärkt durch die immer währende Geldknappheit des »collegium musicum« gab Weyer 1979 den Chor auf. Das Orchester führte er noch einige Jahre weiter, bis er dieses jedoch Mitte der 1980er Jahre auch aufgab. Der Titel des »Universitätsmusikdirektors« wurde von Weyer 1989 abgelegt und die universitäre Musikpraxis konnte und musste sich auf eigenständige, selbstgetragene Vereine auslagern, die im Folgenden 1989 mit dem Universitätschor und 1991 mit dem Studenten-Sinfonieorchester gegründet wurden. (Das Bild links zeigt den Universitätschor bei einem Konzert in den 1970er-Jahren in der Alten Aula.)

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Quellen:

- Der Marburger Konzertverein. Ein Streifzug durch seine Geschichte von 1786 bis 1999. Marburg, 1999.
- Prof. Martin Weyer. Persönliches Interview, geführt von Miriam und Lukas Haag. Marburg, 27.05.2016.