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Erich Lindner, Hans Möckelmann, Peter Jaeck

Erich Lindner: Personelle Kontinuität in der Leitung des Instituts für Leibesübungen

Erich Lindner hinter einer Kamera
Foto: IfSM-Archiv, Erich Lindner
Dr. habil Erich Lindner, Biomechanische Studien in der Leichtathletik 1962

Erich Lindner (1908 – 1973) nahm ab 1939/40 als kommissarischer Leiter des Hochschulinstituts für Leibesübungen (IfL) in Marburg eine zentrale Rolle innerhalb der nationalsozialistisch geprägten Hochschulstruktur ein. Diese Funktion übte er zunächst stellvertretend für den Institutsdirektor Hans Möckelmann aus, der seit 1939 kriegsbedingt abwesend war. Damit lag die faktische Leitung des Instituts – organisatorisch wie inhaltlich – weitgehend in Lindners Händen. Das Marburger IfL war zu diesem Zeitpunkt bereits eng in die Strukturen und Zielsetzungen des NS-Staates eingebunden. Als kommissarischer Leiter war Lindner verantwortlich für die Aufrechterhaltung des Lehr- und Ausbildungsbetriebs unter den Bedingungen des Krieges. Dazu gehörte insbesondere die Durchführung zentral organisierter Prüfungslehrgänge für Turnstudentinnen, die Teil der staatlich gesteuerten Ausbildung waren und auch ideologischen Zielsetzungen dienten. Lindner war hier nicht nur administrativ tätig, sondern aktiv in die Umsetzung dieser Programme eingebunden. Seine Stellung als Vertreter Möckelmanns verdeutlicht zugleich seine Einbindung in die personellen Kontinuitäten des Systems: Er agierte im Sinne der bestehenden Institutsleitung und führte deren Aufgaben fort, ohne selbst als eigenständiger ideologischer Gestalter hervorzutreten. Dennoch zeigen seine NSDAP-Mitgliedschaft (seit 1937) sowie inhaltliche Positionen – etwa zur vormilitärischen Erziehung – eine grundsätzliche Anpassung an das Regime. Nach 1945 konnte Lindner seine Position nahtlos behaupten und blieb weiterhin kommissarischer Leiter des IfL. In der Nachkriegssituation entwickelte er sich zur entscheidenden Figur für den Fortbestand des Instituts. Durch beharrliches Engagement gegenüber Universität, Ministerien und Militärregierung gelang es ihm, das IfL in Marburg zu sichern, während vergleichbare Einrichtungen in Hessen – wie etwa in Darmstadt oder Gießen – geschlossen wurden. Mit seiner Ernennung zum Direktor im Jahr 1950 begann eine Phase der Konsolidierung und Neuorientierung. Lindner setzte sich für die Wiederetablierung der Sportlehrerausbildung und deren wissenschaftliche Fundierung ein. Dabei vertrat er die Auffassung, dass Leibesübungen nur in enger Verbindung mit anderen Disziplinen als Universitätsfach legitimiert seien. Auch wissenschaftlich profilierte er das Institut durch bewegungsanalytische und interdisziplinäre Arbeiten. Bis zu seinem Tod 1973 blieb Lindner eine prägende Gestalt des Marburger IfL. Sein Wirken verbindet damit zwei zentrale Phasen: die kontinuitätssichernde Leitung im NS-System und den entscheidenden Wiederaufbau sowie die wissenschaftliche Profilierung in der Nachkriegszeit bis in die 1970er-Jahre. (Alexander Priebe)

Vertiefung: Joch, W. (2020). Das Institut für Leibesübungen (IfL) der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Dr. habil. Erich Lindner – zugleich ein Beitrag zur Vorgeschichte der Sportwissenschaft. In J. Court, & A. Müller (Hrsg.), Jahrbuch 2019 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft  e. V. (Studien zur Geschichte des Sports, Band 24, S. 65–116). Berlin: LIT.

Hans Möckelmann:  Personelle Kontinuitäten im deutschen Bildungssystem 

Hans Möckelmann in Sportkleidung inmitten der ATV-Staffelmannschaft
Foto: IfSM-Archiv
Dr. Hans Möckelmann und die ATV-Staffelmannschaft 1926, Möckelmann fünfte Person von links.

Hans Möckelmann (1903–1967) war eine prägende Figur der Leibeserziehung, deren Entwicklung sich besonders anschaulich an seiner langen Verbindung zur Universität Marburg nachvollziehen lässt – vom Studenten über den Dozenten bis hin zum Institutsdirektor und Ministerialreferenten im Nationalsozialismus. Bereits als Student ab 1923 war Möckelmann in Marburg im akademischen Turnwesen engagiert. In der Akademischen Turnverbindung (ATV) übernahm er Verantwortung und wirkte als studentischer Vertreter im Deutschen Hochschulamt für Leibesübungen an der Organisation des Deutsch-Akademischen Olympias 1924 mit. Schon hier verband er sportliche Praxis mit nationalen und völkischen Vorstellungen. Zugleich prägte ihn das Umfeld der Marburger Psychologie, insbesondere die rassenpsychologischen Ansätze von Erich Jaensch. 1925 wurde er Assistent am Institut für Leibesübungen in Marburg. Seine Dissertation zur Persönlichkeit von Turnern und Sportlern zeigt bereits die Verbindung von sportlicher Leistung, Charakterdeutung und typologischen Denkweisen. Diese frühen Arbeiten bilden die Grundlage für seine spätere ideologische Ausrichtung. Nach Stationen in Gießen und Königsberg kehrte Möckelmann 1937 nach dem Unfalltod von Peter Jaeck als Direktor des Hochschulinstituts für Leibesübungen nach Marburg zurück. Dort setzte er die Entwicklung des Instituts zu einer zentralen Einrichtung innerhalb der Universität fort. Die verpflichtende sportliche Grundausbildung für Studierende wurde unter seiner Leitung in noch ausgeprägterem Ausmaß zu einem Instrument der Disziplinierung und Selektion: Leistungen im Sport konnten über Studienverläufe entscheiden und im Extremfall zum Ausschluss führen. Zugleich führte er die Ausrichtung der Leibeserziehung auf die Ziele des NS-Staates fort. Sport diente nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, sondern auch der vormilitärischen Ausbildung und ideologischen Schulung. Lehrgänge, Lager und Gemeinschaftsformen förderten Gehorsam, Leistungsfähigkeit und Integration in die „Volksgemeinschaft“. Durch die Einbindung nationalsozialistischer Studentenorganisationen wurde diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Innerhalb der Universität gewann Möckelmann erheblichen Einfluss. Als NS-Dozentenbundführer und späterer Professor (ab 1939) war er an zentralen hochschulpolitischen Entscheidungen beteiligt und trug zur Ausrichtung Marburgs im Sinne des Regimes bei. Während des Zweiten Weltkriegs blieb er formal Institutsdirektor, war jedoch zugleich in der Wehrmacht und im Reichserziehungsministerium tätig, wo er an Richtlinien für die Leibeserziehung der Mädchen mitarbeitete. Nach 1945 setzte Möckelmann seine Laufbahn im Bildungswesen fort und wurde als Oberschulrat in Hamburg tätig. In dieser Funktion war er an der Organisation und Aufsicht des Schulwesens beteiligt und knüpfte teilweise an seine Erfahrungen aus der Vorkriegszeit an, nun jedoch im veränderten politischen Kontext der Bundesrepublik. Seine Karriere verdeutlicht damit auch personelle Kontinuitäten im deutschen Bildungssystem nach dem Ende des Nationalsozialismus. Insgesamt zeigt Möckelmanns Werdegang eine kontinuierliche Entwicklung vom engagierten Studenten über den einflussreichen Hochschullehrer bis hin zum Funktionsträger im NS-System und späteren Bildungsbeamten. Seine Tätigkeit steht exemplarisch für die politische Instrumentalisierung der Leibeserziehung und ihre langfristigen Nachwirkungen. (Alexander Priebe)

Vertiefung: de Lorent, H.-P. (2019). Hans Möckelmann. „Hinter dem Kampf für die Gleichberechtigung der Frau verbarg sich vielfach krasser Liberalismus, der in seinem Streben nach Loslösung von Familie und Volk rassenpolitisch die stärksten Gefahren in sich tragen musste.“ In H.-P. de Lorent, Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und die Kontinuität bis in die Zeit nach 1945. Bd. 3. (S. 134-161). Hamburg: Landeszentrale für politische Bildung. Priebe, A. (2021). Professor Dr. Hans Möckelmann – Direktor des Hochschulinstituts für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg (1937-1945). In J. Court & A. Müller (Hrsg.), Jahrbuch 2021 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e.V. (Studien zur Geschichte des Sports, Band 26, S. 39-66). Berlin: Lit-Verlag. Priebe, A. & Koch, M. (2025). Das Personal am Institut für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg unter dem Regime des Nationalsozialismus. In J. Court, A. Priebe, R. Laging & M. T. Orliczek (Hrsg.), Jahrbuch 2025 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e.V. Beiträge zur Institutsgeschichte der Leibesübungen und Sportwissenschaft an der Universität Marburg (Studien zur Geschichte des Sports, Band 33, S. 77-107). Berlin: Lit-Verlag.

Peter Jaeck: eine zentrale Figur beim Aufbau und der Institutionalisierung der akademischen Leibesübungen in Deutschland

Portraitfoto von Peter Jaeck
Foto: IfSM-Archiv
Prof. Peter Jaeck, NSDAP-Mitglied1933

Peter Jaeck gilt als zentrale Figur beim Aufbau und der Institutionalisierung der akademischen Leibesübungen in Deutschland, insbesondere an der Universität Marburg. Nach Kriegserfahrungen und einer breit angelegten akademischen Ausbildung entwickelte sich Jaeck seit 1923 als akademischer Turn- und Sportlehrer zu einem organisatorisch wie wissenschaftlich prägenden Akteur. Als Direktor (1923 - 1937) verband er sportpraktische, pädagogische und wissenschaftliche Ansätze und trug maßgeblich dazu bei, das Institut für Leibesübungen (IfL) in Marburg zu einer modellhaften Einrichtung auszubauen. Seine integrative Arbeitsweise zeigte sich sowohl in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Fakultäten als auch in der engen Vernetzung von Universität, Studentenschaft und städtischen Sportvereinen. Das erfolgreiche Deutsch-Akademische Olympia 1924 wurde zum sichtbaren Ausdruck dieses Ansatzes.
In der Weimarer Republik stand Jaeck für eine vergleichsweise offene, nicht verpflichtende Hochschulsportidee, die auf Freiwilligkeit und Bildungsanspruch setzte. Gleichzeitig verfolgte er das Ziel, dem Fach wissenschaftliche Anerkennung zu verschaffen, was sich in seiner Habilitation, der institutionellen Expansion und der Einbindung in ministerielle Entscheidungsprozesse widerspiegelte. Seine Rolle war dabei weniger die eines originellen Theoretikers als die eines gewandten Organisators und Vermittlers. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wandelte sich der Kontext grundlegend. Jaeck passte sich den neuen politischen Bedingungen an: Er trat 1933 der NSDAP und 1934 der SA bei und unterstützte die Umgestaltung des Hochschulsports im Sinne der „politischen Leibeserziehung“. Dabei blieb seine Haltung weniger ideologisch geprägt als vielmehr pragmatisch-opportunistisch. Er übernahm zentrale Funktionen im System, etwa bei der Umsetzung der Hochschulsportordnung, der Integration vormilitärischer Elemente (z. B. Gelände- und Luftsport) sowie der Anpassung der Ausbildung an NS-Organisationen wie dem Bund Deutscher Mädel. Das Marburger IfL entwickelte sich unter seiner Leitung zu einem wichtigen Baustein des nationalsozialistischen Bildungssystems. Die Ausweitung von Ausbildungsprogrammen, die Kooperation mit Partei- und Staatsorganisationen sowie die Beteiligung an Großereignissen wie den Olympischen Spielen 1936 zeigen Jaecks aktive Mitwirkung an der Stabilisierung des Regimes im Bereich der körperlichen Erziehung. Insgesamt erscheint Jaeck als typischer Vertreter der „Funktionselite“: ein fachlich kompetenter, anpassungsfähiger Hochschullehrer, der die strukturellen Kontinuitäten von der Weimarer Republik in den NS-Staat hineintrug und durch seine Loyalität und Organisationskraft zur Etablierung der nationalsozialistischen Sport- und Bildungspolitik beitrug, ohne sich dabei als überzeugter Ideologe hervorzutun. (Alexander Priebe)

Vertiefung: Buss, W. (2024). Peter Jaeck – nur ein Opportunist? Der Beitrag der bürgerlichen Funktionseliten zur Etablierung der NS-Diktatur auch in der Sportwissenschaft. In J. Court, A. Müller, & J. Schlürmann (Hrsg.), Jahrbuch 2024 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e. V. (Studien zur Geschichte des Sports, Bd. 31, S. 153-175). Berlin: Lit-Verlag. Priebe, A. (2023). Peter Jaeck – Gründungsdirektor des Instituts für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg (1923–1937). In J. Court, & A. Müller (Hrsg.), Jahrbuch 2022 der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Sportwissenschaft e.V. (Studien zur Geschichte des Sports, Band 27, S. 59-81). Berlin: Lit-Verlag. Priebe, A. & Laging, R. (2024). Das Institut für Leibesübungen der Philipps-Universität Marburg (1924–1974). Ein Beitrag zur Geschichte der Sportwissenschaft (Studien zur Geschichte des Sports, Band 32). Berlin: Lit-Verlag.