26.05.2026 Druck und Hitze

Der Gewerkschaftsfunktionär Hans-Jürgen Urban sprach bei der Veranstaltungsreihe zu 75 Jahren Marburger Politikwissenschaften.

Foto: Johannes Scholten
Wolfgang Abendroth gilt als Gründerfigur der Marburger Schule für Politikwissenschaft - beim Vortrag von Hans-Jürgen Urban (vorne) war er im Hintergrund präsent.

Die Hitze staute sich, aber die Analyse blieb kühl. Auch wenn Hans-Jürgen Urban das verlockende Bild vom erfrischenden Bier evozierte, das an dem hochsommerlich warmen Freitagabend zum Ausspannen auf die Lahnwiesen locke - im prall gefüllten Hörsaal der Geisteswissenschaftlichen Institute wusste der Soziologe und Gewerkschaftsfunktionär das Auditorium bei der Stange zu halten bis zur engagierten Diskussion am Schluss. 

Ein volles Dreivierteljahrhundert hat die Marburger Politikwissenschaft schon auf dem Buckel, und auch die Marburger Gewerkschaftsforschung ist in die Jahre gekommen. Zum Vortrag des IG-Metallers und Soziologen hatten sich denn auch etliche Angehörige des Fachgebiets eingefunden, die schon seit Dekaden aus dem aktiven Dienst geschieden sind. Urban selbst erwarb sein Doktordiplom an der Philipps-Universität, sein Vortrag war gespickt mit Bezugnahmen auf die Marburger Politikwissenschaft. Die Veranstaltung - Titel: "Die Poly-Krise des Deutschen Kapitalismus und die Perspektiven der Gewerkschaften" - bildete einen der Höhepunkte einer verdienstvollen Vortragsreihe zum Jubiläum, zu der die Fachschaft der Politikwissenschaft sowie die Hochschulgruppe SDS eingeladen hatten.

Exportschwäche, Mitgliederrückgang, Dekarbonisierung: Urban sprach über die Lage von Wirtschaft und Gewerkschaften in der Bundesrepublik und legte dar, welche Aufgaben vor den Gewerkschaften lägen. Folgt man seinen Ausführungen, so scheint eine Demokratisierung der Wirtschaft unumgänglich, um deren klimaschonende Transformation zu bewirken: Klimaschädliche Investitionen seien derzeit nämlich lohnender für das Kapital. "Es gibt den Druck auf die Politisierung der Ökonomie", behauptete Urban.

Die anschließende Diskussion ergänzte die Überlegungen des Referenten um Aspekte wie Militarisierung und das Erstarken der Rechten, trug aber auch die Erfahrungen von aktiven Gewerkschaftern an der Universität bei, etwa zu Strukturaufbau und Organizing. Die ver.di-Betriebsgruppe griff die Themen engagiert auf, aber irgendwann lockte der schöne Abend dann doch nach draußen. Beim nächsten Vortrag der Veranstaltungsreihe sieht man sich ja wieder.