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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

Ulrike Wagner-Rau

Universitätsgottesdienst am 18.10.2009

Predigt über Gal 3,27-29

 

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Der Predigttext steht im 3. Kapitel des Galaterbriefes, vv 26-29:

Denn ihr seid alle Töchter und Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft wurdet, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle eins in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Nachkommen Abrahams und gemäß der Verheißung seine Erben.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

vor einigen Wochen fand ich in unserer Tageszeitung eine Beilage zum Thema „Diversity Management“. Unterschiede sind wertvoll, stand auf dem Titelblatt. Vier große Unternehmen haben 2006 gemeinsam mit der Bundesregierung eine „Charta der Vielfalt“ ins Leben gerufen. Die Unterzeichner, inzwischen sind es mehr als 600, verpflichten sich, die Vielfalt ihrer Belegschaft, Kundschaft und Geschäftspartner wertzuschätzen und zu fördern – unabhängig von Alter, Geschlecht, Behinderung, Religion, Nationalität, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung. Die Akzeptanz von Vielfalt ist nämlich nicht nur ein Gebot der Mitmenschlichkeit, sondern bringt auch ökonomischen Nutzen. Wer weltweit agiert, braucht eine bunte Mitarbeiterschaft, um die Aufgaben im interkulturellen Kontext zu bewältigen. Die Gemeinsamkeit vieler Unterschiedlicher ist stark und kreativ. Sie kann mehr als eine Monokultur.

Das trifft auch zu für die Kirche.

Wir alle sehen, hören und erfahren es jeden Tag, dass der konstruktive Umgang mit Verschiedenheit eine Aufgabe darstellt, die uns unabweisbar aufgegeben ist. Jeder Gang auf die Straße, jeder Blick in den Fernseher oder ins Internet, jede Zusammensetzung einer Schulklasse, spätestens eine Fahrt mit der Frankfurter U-Bahn zeigt die Vielfalt der Gesichter und Sprachen, der Kleidung und Gerüche.

Kann man so viel Unterschiedlichkeit nicht nur aushalten, sondern sogar schön finden?

Selbstverständlich ist das nicht. Im Gegenteil: Der Alltag zeigt, dass auch das Bedürfnis nach Abgrenzung steigt. Auf die beunruhigende Vielfalt reagieren viele mit Abschließung. Es gibt ja nicht nur die kompetenten Facharbeiter und Spezialisten, die in der Wirtschaft gebraucht werden und die willkommen sind. Es gibt nicht nur die Kulturen selbstverständlicher Internationalität, in der man verständnisvoll aufeinander eingehen und in fremden Sprachen kommunizieren kann. Es gibt die vielen, die dies alles nicht können, die wenig Bildung und wenig Geld haben und für die Vielfalt bedrohlich ist.

 

2.

Der Apostel Paulus hat sich beständig mit der Unterschiedlichkeit der Menschen und Kulturen in den frühen christlichen Gemeinden auseinander gesetzt. Was blieb ihm anderes übrig? Sein Bekenntnis zu Christus, im jüdischen Kontext entstanden, hat er in fremde Welten übersetzt. Die  wohl eher kleinen Stützpunkte des neuen Glaubens in Kleinasien und Griechenland, die durch seine Initiative entstanden, waren sozial spannungsvolle Gruppen, laufend durch konkurrierende Lehrer verunsichert. Man kann die Briefe des Apostels lesen als Dokumente eines Diversity Managements. Sie spiegeln die Auseinandersetzungen und die sozialen Differenzen in den Gemeinden. Immer wieder kreisen sie um die Frage, ob man tatsächlich auf das gemeinsame äußere Merkmal der Beschneidung verzichten könne, wenn jüdische und nichtjüdische Gemeindeglieder sich als Teil einer Glaubensgemeinschaft verstehen wollen. Was hält diese junge Christusbewegung zusammen? Wie viel Differenz kann sie sich leisten?

Paulus argumentiert insgesamt differenzfreundlich und gastlich. Wer fremd hinzukommt zur Gemeinde, muss die Chance haben, zu verstehen, was dort geschieht. Beim Abendmahl sollen Reiche sich so verhalten, dass ihr Reichtum den Armen keinen zu starken Anstoß gibt und die Gemeinschaft nicht sprengt. Weil Frauen in den Gemeinden große Bedeutung haben, das gesellschaftliche Umfeld eine solche aber nicht vorsieht, reagiert der Apostel mit widersprüchlichen Stellungnahmen, weicht offenbar einer glatten Lösung aus.

In, mit   und unter seinen Aussagen aber – sozusagen als ihr inspirierender Kern – liegt die Gewissheit, dass in Christus eine Gemeinsamkeit gegeben ist, die alle Verschiedenheit unterläuft und überholt. Ihr alle, schreibt Paulus, so verschieden ihr auch seid, ihr alle seid eins in Christus. Die Alltagsrealität ist damals und heute anders: Menschen aus unterschiedlichen Kulturen verstehen sich schwer. Es gibt die Freien, die Reichen auf der einen Seite, auf der anderen die Ohnmächtigen, mit ihrem Leben den Herrschenden ausgeliefert. Da sind die Bindungen an Einflusssphären, Eigenschaften und Rollen durch das Geschlecht. Aber vor Gott, sagt Paulus, und in der Gemeinde ist dies alles nicht entscheidend. Denn in der Taufe habt ihr Christus angezogen, wie ein neues Kleid, das euch alle gleichermaßen verwandelt in Töchter und Söhne Gottes. Als Kinder Gottes aber, als Geschwister Christi seid ihr frei, über alle Trennungen und Unterschiede hinaus.

Ein offener und weiter Blick! Zu gern würde ich wissen, was er verändert hat für die Menschen in den Gemeinden. Auch wenn die neue Wirklichkeit vor allem im Gottesdienst präsent war: es ist ja kaum vorstellbar, dass sie nicht auf den Alltag übergriff. Hat die Sklavin sich etwa nicht schon damals aufgerichtet, auch wenn ihr noch bis ins 19. Jahrhundert die Macht und die Unterstützung zur Veränderung ihrer Lage gefehlt haben? Hat es mehr Offenheit, mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit, mehr Liebe gegeben im Verhältnis der Geschlechter, zwischen Habenichtsen und Reichen, zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen?

 

3.

Vor einigen Tagen haben wir mit einer Gruppe von Studierenden in der ESG einen  Film gesehen, den ein Sohn über seine Eltern gedreht hat: „Die Ehre meiner Eltern“. Der Filmemacher war anwesend, und wir konnten mit ihm sprechen. – Eltern und Kinder können sich sehr fremd werden. Sie müssen das sogar: Sie gehen miteinander einen Weg, der in eine Unterscheidung hineinführt. Nicht selten verlieren sich Eltern und Kinder unterwegs, weil diese Unterscheidung so konfliktreich ist. Eltern akzeptieren schwer, dass ihre Kinder anders sind, als sie es sich vorgestellt haben. Kinder distanzieren sich manchmal hart von der Welt der Kindheit, fühlen sich eingeengt, finden alles spießig und verkehrt. So ähnlich ist es gewesen in der Familiengeschichte, die dem Film voraus liegt. Nichts Dramatisches sei vorgefallen, so erzählte der Regisseur, aber man war sich fremd. Und die Fremdheit wurde nicht weniger, als beide Eltern alt und krank geworden waren: der Vater dement, die Mutter nach einer Hirnblutung halbseitig gelähmt.

Dem Film gelingt es, hinter und unter der Fremdheit Verbindungen aufzuspüren, die dennoch vorhanden sind. In langsamen, vorsichtigen Einstellungen folgt die Kamera den mühsamen Bewegungen der alten Leute. Man kommt ihnen als Zuschauerin dadurch näher, obwohl man sich anfangs von ihrer Hinfälligkeit und Eingeschränktheit erschreckt   distanzieren will. Man sieht und hört, wie die Mutter mit dem Sohn über die gemeinsame Geschichte spricht. Sie erzählt, was schwierig war, was sie heute anders machen würde. Sie entschuldigt sich dafür, dass sie ihn geschlagen hat. Und sie lachen gemeinsam über Schönes, was ihr einfällt. Der Vater kann kaum noch sprechen. Briefe, die er vor 20 Jahren an den Sohn geschrieben hat, geben ihm eine Stimme. Man zuckt zusammen unter der schneidenden Schärfe, mit der er den Sohn kritisiert und ihm sein Missfallen ausdrückt. Aber man hört auch den Kummer darüber, dass der Sohn ihn irgendwann nicht mehr um Rat gefragt, ihn nicht mehr ins Vertrauen gezogen hat. Man spürt den Schmerz über die verlorene Beziehung, die seinem Herzen doch ganz nahe ist in der Erinnerung an die kleine Hand, die einmal in der seinen lag.

Das ist eine sehr intime und private Geschichte über den Umgang mit Differenz. Aber mir erschließt sie viel auch für andere, öffentlichere   Lebensbereiche.

Die Linse dieser Kamera ist wie ein Fokus,  der die Wirklichkeit noch einmal anders ansehen will, so ähnlich, wie der biblische Text unseren Blick neu fokussieren will. Ihre Einstellung lässt sich von anfänglicher Fremdheit nicht irritieren, sie guckt nicht weg von denen, mit denen es schwierig ist. Im Gegenteil: Sie wird zum Mittel des genauen Hinsehens. Ihr Blick lockt die Geschichten aus den Menschen heraus, auch die schwierigen und widersprüchlichen. „Ich war so überrascht“, sagte der Filmemacher, „was in meinen Eltern alles steckt, wie lebendig sie sind trotz ihrer Krankheit, und ich bin froh, dass wir uns noch einmal so nahe gekommen sind, ehe sie sterben.“ Er ist nicht fromm. Aber trotzdem ist ihm die Freiheit geschenkt, hinter den Differenzen etwas Gemeinsames, Verbindendes zu erwarten.

Ein anderes Beispiel: In Norddeutschland, sie wissen es wahrscheinlich, läuft gegenwärtig der Prozess eines Zusammenschlusses dreier Kirchen. Das Gebiet der entstehenden Nordkirche wird über die ehemalige Grenze zwischen Ost und West hinausreichen. Politisch und kirchlich fremde Kulturen begegnen sich. Parallel zu diesem spannungsvollen Prozess sind Erzählwerkstätten eingerichtet worden. Menschen aus Ost und West treffen sich, um sich gegenseitig von ihrem Leben und ihrem Glauben zu erzählen. Man ist sich ja viel fremder, als 1989 zunächst erwartet. Das Erzählen ist ein typisch kirchlicher, ein christlicher Weg der Annäherung. Er speist sich aus der Erwartung, dass die Kinder Gottes über Verletzungen der Vergangenheit hinauskommen, dass ihnen in Christus Freiheit und Gemeinsamkeit geschenkt sind, wirksamer als die Sprengkraft der unterschiedlichen, in vieler Hinsicht ungerechten, Geschichte. Im Zentrum eines christlichen Diversity Mangements steht die Gabe einer Gemeinsamkeit, die uns voraus liegt.

Aufs Ganze gesehen geht es bestimmt nicht darum, ganz viel Nähe und Gemeinsamkeit herzustellen. Das würde uns überfordern. Leben mit Differenzen bedeutet, unterschiedliche Grade von Nähe und Distanz selbstverständlich zu akzeptieren. Aber der Glaube daran, dass im andern/in der anderen Christus lebendig ist so wie in mir, macht uns frei, einander mindestens das an Achtung und Unterstützung zu geben, was zum Leben nötig ist. 

Ja, so ist es und so soll es sein, auch unter uns, an diesem Fachbereich, in dieser Gemeinde. Wir sind unterschiedlich. Wir sind uns oft nicht einig. Wir haben es auch schwer miteinander. Ich würde sagen: Gott sei Dank! Fragen, Widerspruch, Zweifel, unterschiedliche Meinungen und Lebensweisen sind willkommen. Sie machen unser Miteinander lebendig, reizvoll und reich. Aber wir sind auch und zugleich verbunden in dem einen Leib Christi. Gott sei Dank! Niemand ist zu fremd, um diesem Leib anzugehören. Darauf lasst und bauen und dazu lasst uns beitragen.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft und Kraft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Zuletzt aktualisiert: 19.10.2009 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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