Jürgen Erich Schmidt / Joachim Herrgen (2011):
Sprachdynamik: Eine Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung
Das Buch bietet eine umfassende
Einführung in die moderne Regionalsprachenforschung und damit mehr als
nur eine Einführung in die Dialektologie : Behandelt wird das gesamte
Spektrum regional geprägten Sprechens, welches das moderne gesprochene
Deutsche prägt und das sich mitten in einem durchgreifenden Wandel
befindet. Dieses Spektrum beginnt beim Dialekt, der oft noch
erstaunlich stabil ist. Es umfasst außerdem die landschaftlichen Formen
des Hochdeutschsprechens, die Regiolekte, die aktuell einem rasanten
Umwertungsprozess unterliegen. Und es reicht bis hin zu
Auflösungsformen, in denen Restregionalismen gezielt eingesetzt werden,
um informelles Sprechen zu markieren (Regionalakzent bzw.
Kolloquialstandard).
Dass diese Sprechlagen und Varietäten sich in ständiger, rascherer oder
langsamerer Veränderung im Raum befinden, ist keine bedrohliche
Erscheinung der Gegenwart, sondern liegt im Wesen der Sprache
begründet: Sie ist per se dynamisch und war es schon immer. Wir ändern
unaufhörlich die Sprache, die wir sprechen, weil wir nicht anders
können. Denn die kognitive Fähigkeit, die die Sprache an sich, aber
auch die historischen Einzelsprachen und Varietäten hat entstehen
lassen, wirkt in jedem von uns weiter. Jedes Kind schafft sich seine
Sprache in den langen Spracherwerbsphasen neu. Wir alle optimieren
lebenslang unsere linguistische Kompetenz im ständigen Abgleich mit
unseren Kommunikationspartnern. Die Explikation dieser Prozesse bildet
den Kern der in diesem Buch entwickelten Theorie der Sprachdynamik .
Sie stellt die konstitutive Zeitlichkeit der Sprache ins Zentrum und
führt den Sprachwandel auf zwei explanative Größen zurück: Erstens auf
die Kompetenzdifferenzen zwischen den Sprechenden und zweitens auf die
interaktive Vermittlung dieser Kompetenzdifferenzen in verschiedenen
Typen von Synchronisierungsakten (Mikro-, Meso- und
Makrosynchronisierungen).
Die Leserinnen und Leser erhalten in diesem Buch nicht nur einen
grundlegenden Überblick über die Forschungsresultate, von den
dialektologischen Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur
Regionalsprachenforschung der jüngsten Gegenwart. Gleichzeitig werden
die Leser mit den aktuellen Methoden der Variationslinguistik und der
Sprachdynamikforschung vertraut gemacht und dabei zu eigenen Studien
angeleitet: Die für das Deutsche einmalig günstige Forschungslage mit
im Internet leicht zugänglichen Sprachkarten und Tondokumentationen
erlaubt es, die Entwicklung der deutschen Regionalsprachen in Raum und
Zeit mit einer einzigartigen Exaktheit zu verfolgen. Studierende und
andere Interessierte lernen dabei, die prozesssteuernden Faktoren zu
isolieren und damit die Ursachen der sprachdynamischen Prozesse, die
die gesprochene Gegenwartssprache bestimmen, zu erklären. Die Lernenden
werden zu eigener Forschungspraxis angeregt, indem die modernen
variationslinguistischen Methoden an exemplarischen Studien erläutert
werden.
Das Buch ist durch 39 Grafiken, 26 Farbkarten und 24 einfarbige Karten
ergänzt. Jedes Hauptkapitel ist durch ein grafisch hervorgehobenes
Resümee abgeschlossen. Neu entwickelte didaktische Hilfsmittel
("sprechende Köpfe") helfen den Lesern, die interaktiven Konsequenzen
sprachwandelauslösender Konstellationen zu "berechnen". Das Buch ist
durch eine Internetseite ergänzt, die weiteres didaktisches Material
enthält: Anhand farbiger Internetanimationen wird dort Sprachwandel
über ein Jahrhundert hinweg erlebbar, d. h. in "Nahaufnahmen" und
Schritt für Schritt in Raum und Zeit verfolgbar. Auf den Internetseiten
finden sich auch Tondokumente sowie zahlreiche Farbabbildungen aus dem
Buch, so dass diese in beliebiger Vergrößerung und parallel, ohne
Blättern , benutzbar sind.

