Eines von 13 neuen Schwerpunkt-Programmen der Deutschen
Forschungsgemeinschaft wird von dem Marburger Biochemiker Professor
Gerhard Schratt koordiniert.
Die Rolle von nicht-kodierenden RNAs in der Entwicklung, Plastizität
und bei Erkrankungen des Nervensystems“: So lautet das Themadesneuen
Schwerpunkt-Programms, das als hochaktuelles Forschungsthema in den
Neurowissenschaften gilt.
Prof. Dr. Gerhard Schratt
Institut für Physiologische Chemie
Professor Gerhard Schratt erläutert
im Gespräch, was sich dahinter verbirgt: „Die Forschung weiß seit
einiger Zeit, dass nur ein sehr kleiner Teil der Molekülklasse der
Ribonukleinsäuren aus den genetischen Informationen Proteine bildet.
Rund 98 Prozent dieser RNA üben nicht diese Funktion aus und sind nicht
kodierend“. Dennoch haben sie aber durchaus wichtige Funktionen
innerhalb der Zelle. Wie genau funktionieren aber diese Moleküle?
Welche Aufgaben haben sie? Welche regulierende Rolle spielen sie bei
zahlreichen Zellfunktionen? Und welche Rolle spielen sie bei der
Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems? Das sind einige der
Fragen, die in dem neuen Forschungsprogramm in den kommenden sechs
Jahren geklärt werden sollen. Dabei sollen auch die Möglichkeiten neuer
Technologien wie bildgebender Verfahren genutzt werden. In dem neuen
Schwerpunktprogramm sollen Biochemiker, Bio-Informatiker, sowie
klinische Forscher und Spezialisten für Biomarker zusammenarbeiten.
Ziel des mit zwischen 10 und 12 Millionen Euro geförderten Programms
ist es, ausgehend von dem Oberthema weitere Themen des neuen
Forschungsfeldes aufzuspüren. Wer diese Themen, die von Schratt
vorgegeben werden, dann jeweils bearbeitet, darüber entscheiden
aufgrund der Vorgaben der DFG externe Gutachter. In Marburg soll für
das neue Schwerpunktprogramm ein Sekretariat und eine Homepage
eingerichtet werden, um es zu koordinieren. Dass Schratt als
Koordinator ausgewählt wurde, macht deutlich, dass er als international
anerkannter Experte auf diesem Forschungsgebiet gilt. Die 13 neuen
Schwerpunkt-Programme wurden aus insgesamt 61 eingereichten Konzepten
ausgewählt. Eine wichtige Rolle könnten die nicht kodierenden RNAs bei
Demenz oder anderen Gedächtnis-Erkrankungen spielen. Es gibt Hinweise
darauf, dass sie bei Erkrankungen verändert sind, erläutert Schratt. Im
Mittelpunkt der Forschungsarbeiten des Marburger Biochemikers und
seines Teams steht eine bereits relativ gut erforschte Untergruppe
dieser RNAs : eine kürzlich entdeckte Molekülklasse kleiner
regulatorischer Ribonukleinsäuren, so genannte mikroRNAs. Es sind
winzige Erbgutschnipsel, die als molekulare Bremsen wirken und die
Bildung wichtiger Proteine unterdrücken. „Sie finden sich in allen
Zelltypen. Ihnen wird eine entscheidende Bedeutung bei der Entstehung
einer Vielzahl von Erkrankungen wie beispielsweise Krebs zugewiesen,
berichtet Schratt. Befunde aus Arbeiten Schratts und seines Teams legen
nahe, dass diese miRNAs einen wichtigen Beitrag für Lern-und
Gedächtnisvorgänge leisten könnten, und dass Defekte im miRNA-System zu
neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen führen könnten. Ziel
der Marburger Forscher ist es, die molekularen Mechanismen der
miRNA“-Funktion in Nervenzellen aufzuklären und ihre Funktion für
Lernen, Gedächtnis und neurologische Erkrankungen nachzuweisen. „Dies
könnte letztendlich zur Entwicklung neuartiger, Therapieansätze führen,
hofft Schratt. „In der Krebsforschung ist man schon etwas weiter“,
berichtet Schratt. Dort gebe es bereits erste Studien an „nicht
kodierenden RNAs.