Medienrezeption und Identitätsfindung: Eine biographieanalytische Studie mit jungen Frauen (geb. 1975- 1985 im hessischen Hinterland)
Prof. Dr. Ulrike Prokop und Regina Klein
Gegenstand des Forschungsschwerpunktes Sozialisation durch
Massenmedien am Institut für Erziehungswissenschaft ist die
Untersuchung von Angeboten des Affekt-Fernsehens. In unserem Fall sind
das massenwirksame Talkshows, eingeschlossen das Format Big Brother,
die auf die manifesten Thematiken, die Form der Moderation bzw. die
Dramaturgie und das Verhältnis von Wort und Bild bei der Vermittlung
von "Botschaften" hin analysiert werden. Seit vier Jahren besteht die
Arbeitsgruppe Tiefenhermeneutik (ständige Mitglieder: U. Prokop, G.
Clement, A. Stach). Unser Ziel ist die Verschränkung der Inhaltsanalyse
und der Wirkungsanalyse. Wir haben hierzu ein eigenes Instrumentarium
entwickelt: Die Konversionsanalyse. Dabei geht es nicht nur um die
manifesten, sondern auch um die latenten (nicht-verbalisierten bzw.
nicht-intendierten) Mitteilungen des Angebots und ebenso um die
Einbeziehung unbewusster Aspekte der Rezeption. Das Verfahren bedient
sich einer Kombination von hermeneutischen und psychoanalytischen
Arbeitsschritten.
Die Analyse der Formate des Affekt-Fernsehens (Bente) ist zur
Untersuchung der Wirkungsweise der populären Massenkultur der geeignete
Gegenstand, denn die Vorzüge und auch das problematische der Angebote
der Unterhaltungsindustrie lassen sich hier vorzüglich erfassen. Wir
verstehen die von uns untersuchten Sendungen als öffentliche
Verständigung über problematische oder konfliktträchtige Fragen von
allgemeinem Interesse. Dabei kommt es zu Prozessen der Neuformulierung
von Wertvorstellungen und zur Neugestaltung der erfolgreichen
Körperinszenierung. Zugleich ist Tabuierung beziehungsweise
Marginalisierung möglich. Von besonderer Bedeutung ist in diesem
Kontext die Geschlechtsspezifik, die sowohl in dem vorgeführten
Material als auch in der Rezeption eine wesentliche, verhaltens- und
erlebnisprägende Rolle spielt. Dies soll in den verschiedenen Schritten
der empirischen Analysen von uns verdeutlicht werden.
Abgeschlossen sind mehrere Talkshowanalysen zu den Sendungen
Schreinemakers live und Die Harald-Schmidt-Show ( vgl. Website). Im
ersten Forschungsabschnitt stellten sich Studierende "im Selbstversuch"
als Rezipient/innen zur Verfügung. Daran schloss sich die Arbeit mit
Publikumsgruppen an. Nach diesem Modell wurden weitere milieuspezifisch
ausgewählte Talkshows (in Kooperation mit den entsprechenden
Publikumsgruppen) analysiert.
Dank der Projektförderung im Forschungsschwerpunkt der Frauenforschung
in Hessen "Frauenbewegungen - Kultureller und sozialer Wandel" konnten
wir in Kooperation mit der GHK Kassel (Prof. Dr. M. Leuzinger-Bohleber)
eine empirische Wirkungsanalyse Die Konstruktion von
Geschlechterstereotypen in der Jugend-Talkshow Arabella - eine
empirische Wirkungsanalyse mit Schülerinnen und Schülern der Klassen
8/10/12 in der Region Marburg durchführen.(vgl. Website)
Gegenwärtig analysieren wir die soziale Situation von 13 - 18-jährigen
Jugendlichen im strukturschwachen ländlichen Raum (Marburger
Hinterland). Beabsichtigt ist eine empirische Erhebung unter Einschluss
der Medienrezeption dieser Gruppe.
Methodisch basiert die Untersuchung auf lebensgeschichtlichen
Interviews als Gesprächszyklen, die mit dem Verfahren der
Tiefenhermeneutik in ihren manifesten und latenten Symbolstrukturen
ausgewertet und zu einer Typologie von Lebensentwürfen geordnet werden.
In diese Beschreibung wird die Mediennutzung eingebunden und zusätzlich
durch Gruppendiskussionen mit den Cliquen und Peergroups der Befragten
präzisiert. Dieser Teil der Untersuchung erfolgt nach unserem Verfahren
der Konversionsanalyse.
Ziel ist die Etablierung einer biographieanalytischen Ebene in der
Gender- und Transformationsforschung und die Weiterentwicklung der
sozialisationstheoretischen Konzepte der Adoleszenz in der
Gegenwart.Soziologisch zielen wir auf Typologien unter dem Stichwort
Modernisierung im ländlichen Raum:
- zur Analyse der Modernisierungsfolgen für junge Frauen im
ländlichen Raum
- zur Medienrezeption und deren Einbindung in soziale Kontexte
- zur Prävention krisenhafter Folgeerscheinungen des sozialen Wandels
in strukturschwachen Regionen - auf der individuellen und kollektiven
Ebene
- zu Formen kreativer Mediennutzung insbesondere als Instrument von
Partizipation
- zur Intervention für Gestaltungsprozesse im Bereich der politischen Steuerung, der Bildung, der Regionalkultur und vor allem für Mitwirkungs- und Beteiligungsformen der dort lebenden Menschen

