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Islamische Bezüge im buddhistischen Kālacakra-Tantra

Vortrag von Dr. Karsten Schmidt am 10.01.2018

Zum neuen Jahr begrüßte die Religionskundliche Sammlung Dr. Karsten Schmidt aus Frankfurt am 10.01.2018 in Marburg. Der Titel seines Beitrages zur Reihe „Religion am Mittwoch“ lautete „Islamische Bezüge im buddhistischen Kālacakra-Tantra“ und versprach einen spannenden Abend. Begonnen wurde die Veranstaltung, wie jedes Mal mit einer kleinen Führung durch die Sammlung. Diesmal stellte der wissenschaftliche Mitarbeiter Gerrit Lange Objekte aus dem Buddhismus vor und legte deren Verbindung zu anderen religiösen Traditionen wie dem Hinduismus dar.

Dr. Karsten Schmidt begann seinen Vortrag mit der Klärung der Frage, um was es sich bei dem Kālacakra-Tantra handelt: Eine Sammlung von buddhistischen Texten, im Original auf Sanskrit. Tantra, so Schmidt weiter, bedeute auch Gewebe oder Netz, sei eine Vorstellung und Lehre in Textform. Das Kālacakra-Tantra sei von besonderem Interesse, da sich darin Bezüge zum Islam und Auseinandersetzungen mit dem Islam als gelebte Religion aber auch als Bestandteil eines sich militärisch ausbreitenden Großreichs finden lassen. Erste Berührungen zwischen Buddhismus und Islam ließen sich auf das Umajaden Kalifat 700 n.Chr. datieren. Durch Handelsbeziehungen, vor allem aber durch Eroberungen von islamischer Seite aus und die daraus resultierenden Gebietsüberschneidungen, seien die Religionen in Kontakt gekommen. Die Ausbreitungsgebiete des Buddhismus erstreckten sich einst bis nach Afghanistan, Stätten wie Balkh, mit Überresten buddhistischer Kloster, seien Belege dafür.

Im Kālacakra-Tantra fänden sich, so referiert Schmidt weiter, wahrscheinlich als Reaktion auf das Eroberungsbestreben und die Zerstörung buddhistischer Kloster, polemische Aussagen zum Islam. Genauer handle es sich um eine Prophezeiung. Sie berichte von einem mythologischen, buddhistischen Reich, Śambhalaḥ, dessen Herrscher ihre Lehren direkt von Buddha erhielten. Doch der Buddha prophezeite die Manifestation des Mañjusrîs, eines nicht buddhistischen Herrschers und Reiches. Es fände sich interessanterweise eine Endkampf-Vorstellung, welche für den Buddhismus untypisch sei. Die Prophezeiung sage voraus, dass dabei das Reich Śambhalaḥ muslimisch werde.

Der prophezeite Endkampf stelle die Konfrontation mit dem Islam in Zusammenhang mit der buddhistischen Lehre: Es kämpfen die positiven Geisteseigenschaften, die den Weg zur Erlösung ermöglichen, gegen die negativen, die den Menschen an Leid und Wiedergeburt binden, gegeneinader an. Das Ziel des Kampfes solle sein, die Muslime, welche hier mit den Dämonen gleichgesetzt werden, nicht einfach zu besiegen, sondern sie zu befreien, zu erlösen. Zu deuten sei das Kālacakra-Tantra, wie an Eigenschaften wie dieser deutlich werde, als Verarbeitung der muslimischen Bedrohung und Eroberung.

Der polemische Charakter zeige sich zum Beispiel an der negativen Übertragung von Namen aus der islamischen Tradition ins Sanskrit. Die Namen Abraham, Jesus und Muhamad erhielten eindeutig negative Bedeutungen. Was aus wissenschaftlicher Perspektive darauf hin deute, so Schmidt, dass der Übersetzter Kenntnis und theologisches Verständnis vom Islam besaß. Dies wird unterstrichen von detailreichen Beschreibungen muslimischer Praxis, wie etwa dem fünffachen Gebet, der Waschung, dem fehlenden Glauben an Karma und Wiedergeburt. Diese Stellen des Kālacakra-Tantra sind Hinweise auf das Zusammenleben beziehungsweise das Nebeneinander von Buddhisten und Muslimen. Auf der anderen Seite jedoch auch ein Beleg für das gewaltsame Vorgehen muslimischer Herrscher und der Kritik daran. Wobei dies nicht zu dem Fehlschluss führen darf, dass buddhistische Reiche stets friedfertig gewesen sind.

Bericht: Anna Roark

 

Werk: Schmidt, Karsten. Buddhismus als Religion und Philosophie. Probleme und Perspektiven interkulturellen Verstehens. 2011. Stuttgart.

Führung 10.01.2018
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