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Zur Beziehung von Politik und Komik

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Das Imagebuilding von Politikern ist für deren Machterwerb und Machterhalt äußerst wichtig. Die mediale Inszenierung von politischen Akteuren in ihrer Berufs- und Privatrolle liegt darum bereits seit einigen Jahren im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung. In neuerer Zeit zeichnet sich jedoch eine Tendenz ab, die in der Forschung bisher kaum beachtet wurde: Politiker treten zunehmend in komikorientierten Fernsehformaten wie "Pelzig hält sich" oder "heute show" auf.

Dieser Umstand ist vor allem deshalb erstaunlich, weil Komik in der Tradition von Satire und Kabarett als bewährtes Mittel der politischen Kritik gilt. Politiker scheinen im Kampf um die knappe Ressource Aufmerksamkeit verstärkt die Chance zu suchen, in komische Modulation das positive Image eines humorvollen Menschen aufzubauen, der unterhaltsam ist und über sich selbst lachen kann. Gleichzeitig setzen sich politische Akteure bei solchen Auftritten einem hohen Risiko aus. Sie treten in Interaktion mit erfahrenen und teils kritischen Medienakteuren, deren Komikgebrauch einer eigenen Unterhaltungslogik folgt. So zeichnet sich Komik etwa durch inhärente Polysemie und erweiterte Tabugrenzen aus. Dies birgt für Politiker die Gefahr starker Unberechenbarkeit, wodurch sie im Fall eines ungeschickten Agierens sogar albern, lächerlich und somit für Amt und Mandat zu unseriös wirken können.

Seit September 2013 widmet sich eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Gruppe von WissenschaftlerInnen an der Philipps-Universität Marburg (unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Dörner, Institut für Medienwissenschaft) sowie der Bergischen Universität Wuppertal (unter der Leitung von Prof. Dr. Ludgera Vogt, Fachbereich G für Soziologie) diesem überaus spannenden Gegenstand. Unter dem Titel "Politik und Komik. Zur Selbst- und Fremdinszenierung politischer Akteure in hybriden Satire- und Comedyformaten des deutschen Fernsehens" wird der Einsatz von Komik durch politische und mediale Akteure vor der Kamera sowie die Aneignung solcher Präsentationen durch den Fernsehzuschauer erforscht. Hierfür werden komikorientierte TV-Formate analysiert, Materialien aus dem Feld ausgewertet und Interviews mit Sendungsmachern, politischen Akteuren und Politikberatern geführt. Zudem wird durch die Auswertung der Online-Anschlusskommunikation sowie das Durchführen von Gruppendiskussionen untersucht, inwiefern diese Auftritte die Wahrnehmung von Politik und Politikern durch das Publikum beeinflussen. Dies ist vor allem deshalb wichtig, da in der bisherigen, primär amerikanischen Rezeptionsforschung noch Uneinigkeit im Hinblick auf mögliche Auswirkungen komisch modulierter politischer Kommunikation herrscht. So lauten die zentrale Frage, ob die Bürger durch Komik für politische Themen interessiert werden können oder der scherzhafte Umgang mit Politik nur dem Zynismus und somit der Politikverdrossenheit Vorschub leistet.

Die explorativ angelegte empirische Studie folgt dabei einem erweiterten Konzept der interpretativen "Videographie". Die Analyse setzt an den drei Dimensionen Produktion, Text und Rezeption an und vermag damit ein der Komplexität des Gegenstandes angemessenes Bild zu zeichnen. Das Ziel sind Einblicke in eine neue Entwicklung des "Politainment" in Deutschland, die sich dem wissenschaftlichen Blick bisher nahezu vollständig entzogen hat.