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Dr. Thomas L. Gertzen, M.A.: Whose Heritage? – oder: Die (nicht immer) ganz einfache Frage, wohin das Alte Ägypten gehört‘?

Postkoloniale Diskurse, Wissenschaftsgeschichte der Ägyptologie und archäologische Artefakte

Veranstaltungsdaten

10. Dezember 2026 17:00 – 10. Dezember 2026 18:00
Termin herunterladen (.ics)

Hörsaal, Roter Graben 10, 35037 Marburg

Wir laden Sie herzlich zu einem Vortrag von Dr. Thomas L. Gertzen ein! Der Vortrag findet im Institut für Geschichte der Pharmazie und Medizin statt und wird finanzielle unterstützt von der MArburg University Research Academy (MARA).

Abstract

In postkolonialen Diskursen wird häufig die Forderung erhoben ‚den Ägyptern‘ ‚ihr‘ kulturelles Erbe ‚zurückzugeben‘, verstanden als die ganz praktische Aufforderung zur Restitution altägyptischer Objekte aus europäischen Museen und verbunden mit dem pauschalen Vorwurf, dass Ägyptologen als Vertreter des europäischen Kolonialismus diese Gegenstände ‚geraubt‘ hätten. Diese Darstellung lässt nicht nur wichtige Aspekte der Fachgeschichte aus und basiert auf unzureichender Berücksichtigung der historischen Umstände, sie verkennt auch die komplexe Gemengelage: Es wäre (zu) einfach darauf hinzuweisen, dass Ägypten nie eine Kolonie gewesen ist oder dass das Handeln der Mehrzahl der Ägyptologen von einem genuinen Erkenntnisinteresse und der ehrlichen Absicht geleitet wurde, die Kulturdenkmäler Ägyptens vor der Zerstörung zu bewahren – die diesen tatsächlich drohte. Andererseits haben Ägyptologen dieses kulturelle Erbe nicht nur in materielle Hinsicht für sich und Europa vereinnahmt, sondern auch den zeitgenössischen Ägyptern jeden Anteil daran abgesprochen.
Gegen solche orientalistischen Diskurse, welche im Sinne M. Foucaults eindeutig als Machtausübung bzw. als Anspruch auf Deutungshoheit aufzufassen sind, regte sich Kritik (E. W. Said) und entwickelte sich Widerstand, der aber vornehmlich, in umgekehrter Perspektive, einen Okzidentalismus postuliert hat: Auch das Bemühen um Zurückerlangung der kulturellen ‚Eigenheit‘ und damit auch des kulturellen Eigentums gründet sich letztlich auf europäische Denkmuster. Eine Jahrtausende zurückreichende kulturelle Kontinuität, eine geistige Verbundenheit der heutigen Bewohner des Niltales mit den ‚alten Ägyptern‘ und der Besitzanspruch auf ihre materiellen Hinterlassenschaften ‚spiegelt‘ – im wahrsten Sinne des Wortes – den Orientalismus und erinnert in erschreckender Weise an völkisch-nationalistische Identitätsdiskurse der europäischen Geschichtswissenschaft des Langen Neunzehnten Jahrhunderts. Der Vortrag bietet keine einfachen Antworten, soll aber dazu anregen sich mit den nicht immer einfachen historischen Zusammenhängen der Geschichte der Ägyptologie auseinanderzusetzen.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

Referierende

Thomas L. Gertzen

Veranstalter

Institut für Geschichte der Pharmazie und Medizin / MARA

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