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Das "gutgen" zu Ockershausen

Überlieferung zur Familien-, Orts- und Regionalgeschichte in den Beständen des Universitätsarchivs am Beispiel eines Hofs in Ockershausen

Mit der Donationsurkunde vom 4. Oktober 1540 übertrug Landgraf Philipp seiner Universität 13 Jahre nach ihrer Gründung den Besitz einiger Klöster sowie Höfe des Klosters Haina. In der entsprechenden Passage der Urkunde wird ganz allgemein von den Klöstern und Hainerhöfen „mitt allenn ihren einkomenn unnd nutzungen“ gesprochen. Konkret handelte es sich um zahlreiche Höfe, Äcker, Wiesen und Gärten, die die Klöster an Hofleute verliehen hatten, und Abgaben in Geld und Naturalien. Dies führte die Universität nun bis weit in das 19. Jahrhundert hinein weiter. Mit den Einnahmen – die Naturalien wurden verkauft – finanzierte sie den Universitätsbetrieb zunächst weitgehend; später kamen finanzielle Mittel von anderer Seite dazu.

Um die Verwaltung der Höfe, Äcker, Wiesen, Gärten etc. sowie die Einnahme der Abgaben bewerkstelligen zu können, baute die Universität eine Wirtschaftsverwaltung mit einem Ökonom genannten Beamten an der Spitze und Verwaltern, die Vögte hießen, für die einzelnen Klöster bzw. nahe beieinanderliegenden Besitzkomplexe auf. Für diese Verwaltungsbezirke, die Vogteien, wurden Sal- oder Lagerbücher geführt, in denen der Besitz und die geschuldeten Abgaben, geordnet nach Orten, aufgeführt sind. Akten mit den Lehnsreversen für die einzelnen Höfe wurden angelegt sowie weitere Akten mit anderem Schriftverkehr zu den einzelnen Höfen, z. B. bei nicht erfolgten Zahlungen oder Streitigkeiten, und jährliche Rechnungen erstellt. Diese Rechnungsserien zu den einzelnen Vogteien bzw. später zu gemeinsam verwalteten Vogteien enthalten in den älteren Jahrgängen genaue Aufstellungen der Einnahmen und Ausgaben getrennt nach Abgabearten, also Geld, die verschiedenen Getreidearten, Federvieh (Gänse, Hähne, Hühner), Wachs etc., in den jüngeren Bänden jeweils für einen Hof alle Arten von geschuldeten Abgaben. Aus allen diesen Unterlagen, die überwiegend in den Beständen 306 Administrationskommission, 305b Amtsbücher, 310 Kurator/Verwaltungsdirektor/Kanzler sowie den verschiedenen Rechnungsserien in der Bestandsgruppe 305r zu finden sind, können die Inhaber der verschiedenen Höfe und auch Informationen zu diesen Höfen ermittelt werden.

Als Beispiel soll der Hof, auch Gütchen („gutgen“) genannt, dienen, den die Universität in Ockershausen besaß: Eine Akte enthält die Lehnreverse oder Leihebriefe der namentlich benannten Hofinhaber seit 1650 (UniA Marburg 306 Nr. 1433), eine weitere zusätzlichen Schriftverkehr (UniA Marburg 306 Nr. 1254), darunter die Abschrift eines Lehnreverses von 1591. Der letzte Revers, ausgestellt von Gottfried Bickert, stammt aus dem Jahr 1853. Im Zusammenhang mit der Abschrift von 1591 ist auch eine Aufstellung dessen, was zu diesem Hof gehörte, überliefert. Auch die einzelnen Reverse enthalten Aufstellungen des Besitzes. Beide Akten ermöglichen es jedoch nicht, eine lückenlose Liste der Inhaber des Hofes aufzustellen. Sie sind in der Ordnung des Bestands 306 Administrationskommission unter der Vogtei Caldern zu finden, also den Besitzungen, die von dem ehemaligen Kloster Caldern herstammten. Diese umfasste seit 1667 auch die Vogtei Marburg oder Vogtei Kugelhaus und Predigerkloster, also den Besitz, der von dem Kugelhaus und dem Dominikaner- oder Predigerkloster an die Universität gelangt war.

Auf beiden Akten wird bereits auf dem Titelblatt auf die Seite bzw. das Blatt 146 als Reverenz verwiesen. Hierbei handelt es sich um das Salbuch der Vogtei Kugelhaus und Predigerkloster, auf dessen Blatt 146 Johann Orthwein (vermutlich der Stand des Jahres 1609) mit dem Hof, den Äckern, Wiesen und Gärten sowie den der Universität geschuldeten Abgaben aufgeführt ist (UniA Marburg 305b Nr. 15). In einem Lehnbuch aller drei zusammengefassten Vogteien aus dem Jahr 1709 und seiner Fortführung ab etwa 1720 ist ersichtlich, dass der Hof aus dem Besitz des Kugelhauses stammte (UniA Marburg 310 Nr. 9238). Verwirren lassen sollten sich Benutzerinnen oder Benutzer nicht davon, dass die Korrespondenz bis 1765 mit der Universität Gießen geführt wurde, denn die beiden Vogteien waren seit 1650 dieser Universität zugeordnet, wurden dann aber von der Universität Marburg (zurück-) gekauft.

Drei Beispiele der Eintragungen in den Rechnungsbänden zeigen, dass es möglich, aber aufwändig ist, die Zahlungen des Hofmanns an die Universität nachzuvollziehen. Im Band aus dem Jahr 1605 (UniA Marburg 305r 24 Nr. 6) erscheint in den verschiedenen Spalten, in den denen Geldeinnahmen verbucht sind, keine Zahlung aus Ockershausen. Bei den ständigen (wiederkehrenden) Einnahmen von Roggen (Korn) sind in einer Spalte 10 Mesten von G[e]org Pfeil aus Ockershausen vermerkt, ebenso bei den ständigen Einnahmen von Hafer. Weizen, Mohn oder Öl, Wachs, Eier oder Käse musste der Hofmann aus Ockershausen nicht entrichten, allerdings zwei Gänse, vermerkt in der Spalte „Innahm stendige Genß“, zwei Hähne und zwei Hühner. Das Federvieh wurde übrigens direkt an die Marburger Professoren als Naturalbestandteil der Besoldung weitergegeben, was ebenfalls in dieser Rechnung vermerkt ist.

1661 gab Hans Höck/Heck zu Ockershausen 1 Malter 14 Mesten Roggen und dieselbe Menge Hafer. Er hatte den Hof 1658 erhalten, die Leihefrist endete 1666. Gänse, Hähne und Hühner musste Hans Höck jeweils vier geben, die Abgabenlast hatte sich also zwischenzeitlich erhöht. Dass diese Rechnung von der Universität Gießen geführt wurde, ist nur aus der Ortsangabe im Abhörungsvermerk, der die Kontrolle dokumentiert, ganz am Ende zu ersehen (UniA Marburg 305r 24 Nr. 59).

In dem gemeinsamen Rechnungsband für die Vogteien Caldern und Kugelhaus/Predigerkloster aus dem Jahr 1804, wieder von der Universität Marburg erstellt, sind alle Einnahmen aus dem Hof hingegen an einer Stelle notiert. Als Verweis ist wiederum das Blatt 146 des oben erwähnten Salbuchs angegeben. Der derzeitige Hofmann Johannes Bickert zahlte 7 Reichstaler 16 Weißpfennige (Albus) Leihegeld, außerdem musste er einen Malter Roggen, einen Malter Hafer, zwei Gänse, zwei Hähne und zwei Hühner entrichten. Das Lehen war 1797 vergeben worden, eine Erneuerung wurde 1805 fällig (UniA Marburg 305r 25 Nr. 134).

Mithilfe der Akten aus dem Bestand der Administrationskommission, die 1766 zur Verwaltung der Universitätskassen und des Universitätsbesitzes sowie für andere Aufgaben in diesem Bereich eingerichtet worden war, lassen sich die Inhaber einzelner Höfe, die seit 1540 im Besitz der Universität waren, bis in die Mitte oder das frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgen, die Rechnungen in Marburg erlauben, wenn auch aufwändig, sie noch weiter zurück nachzuvollziehen. Im Fall der Vogteien Kugelhaus, Predigerkloster und Caldern liegen die ältesten Rechnungen – im Falle der Vogtei Kugelhaus ab 1540 – wegen der wechselnden Zugehörigkeit im Universitätsarchiv Gießen. Die Rechnungsserien sind in der Recherchedatenbank Arcinsys für beide Universitätsarchive erschlossen (https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/start), bei dem Bestand UniA Marburg 306 Administrationskommission kann das digitalisierte Findhilfsmittel des 19. Jahrhunderts in der Bestandsbeschreibung aufgerufen werden (https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=b5770). Lediglich für die Unterlagen des Bestands UniA Marburg 310 Kurator/Verwaltungsdirektor/Kanzler ist eine Einsicht in das nur im Archiv vorhandene Findbuch erforderlich.

Katharina Schaal