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Aufnahme: Willi Schuhmacher

Das Pharmazeutisch-Chemische Institut im Jahr 1902

Der Fachbereich Pharmazie an der Philipps-Universität ist mit etwa 1000 Studierenden derzeit der größte in der Bundesrepublik und blickt gleichzeitig auf eine lange Geschichte zurück. Bereits in den Gründungsjahren der Universität war ein Universitätsapotheker vorgesehen. 1609 wurde Johannes Hartmann auf die erste Professur für Chymiatrie weltweit in Marburg berufen. Er betrieb eine pharmazeutisch-medizinisch orientierte Chemie. 1786 begann der Apotheker und Professor für Botanik am Collegium Carolinum in Kassel Conrad Moench nach seiner Versetzung nach Marburg nicht nur mit der Anlage eines Botanischen Gartens in der Ketzerbach, sondern las auch über theoretische und praktische Pharmazie. Der Chemiker Robert Wilhelm Bunsen setzte sich kurz vor seinem Weggang aus Marburg für die Einrichtung eines von der Chemie getrennten Fachs der Pharmazeutischen Chemie ein, das sein Schüler Konstantin Zwenger seit 1851 vertrat. Zwenger begann seine Tätigkeit in drei Räumen des ehemaligen Wohngebäudes des Deutschen Ordens hinter der Elisabethkirche.

Trotz etlicher Schwierigkeiten auch bei der Abgrenzung zur allgemeinen Chemie und knapper Mittel wurde seit 1870 ein eigenes Institutsgebäude am Marbacher Weg geplant. 1873 konnte der unter der Leitung von Carl Schäfer errichtete Bau – die Planungen hatten bereits seine Vorgänger ausgeführt – bezogen werden. Schäfer plante die Inneneinrichtung des Instituts und eines 1875 fertiggestellten Nebengebäudes. Eine Sandsteinbalustrade grenzte das Gelände zum Marbacher Weg hin ab. 1888 wurde ein Erweiterungsbau, der einen neuen Hörsaal enthielt und mit dem ursprünglichen Gebäude durch einen zweigeschossigen Gang verbunden war, aufgeführt. In den Jahren 1900-1902 folgte ein zweiter Erweiterungsbau. Hier, in der sog. Galenik, wurde der Unterricht der lebensmittelchemischen Abteilung abgehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg schnellten die Studierendenzahlen nach oben. Schließlich ließ man im Jahr 1959 eines der Nebengebäude auf dem Gelände abreißen und in einem ersten Bauabschnitt einen vierstöckigen Neubau errichten. Der zweite und dritte Bauabschnitt konnten nach dem Ankauf des Nachbargrundstücks geplant werden. Dafür mussten aber das 1873 errichtete Institutsgebäude samt dem Anbau von 1888 abgerissen werden. Lediglich die sog. Galenik blieb bestehen.

Bildarchiv Foto Marburg

Das alte Gebäudeensemble wirkt auf einer der wenigen bekannten Fotografien aus den 1930er Jahren geradezu idyllisch, das Institutsgelände präsentiert sich heute jedoch gänzlich verändert. Vorne ist das Institutsgebäude von 1873 zu sehen, dahinter der 1888 angebaute Erweiterungsbau mit Verbindungsgang, ganz hinten die sog. Galenik (DDK Bildarchiv Foto Marburg Nr. 76075, um 1937). Anfang März dieses Jahres wurde aus dem Institut für Geschichte der Pharmazie eine Mappe mit Plänen, etwas kleiner als das Format DIN A 1, an das Universitätsarchiv abgegeben. Mithilfe dieser Pläne kann man, zusätzlich zu dem Foto, einen Überblick über das ursprüngliche Gebäudeensemble erhalten. Sie zeigen eine Aufnahme des Gebäudebestands nach der Errichtung der sog. Galenik 1902. Bei diesem fünf Blätter umfassenden Plansatz handelt es sich um sog. Inventarpläne oder Baubestandszeichnungen, die die preußische Bauverwaltung nach der Fertigstellung von öffentlichen Gebäude erstellen ließ. So war der exakte Baubestand festgehalten und nach den meist zahlreichen Planänderungen in der Bauphase dokumentiert. Davon wurden zehn bis 15 Exemplare angefertigt, die u. a. an die Plankammer des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten in Berlin, aber auch an die Universität bzw. die Institute gingen. Auch von dem Neubau des Physikalischen Instituts (Renthof 5), 1915 fertiggestellt, haben sich solche Baubestandszeichnungen erhalten.

Aufnahme: Willi Schuhmacher

Mappe für die Baubestandszeichnungen des Instituts für Pharmazeutische Chemie (UniA Marburg Best. 308/64 Nr. 1).

Aufnahme: Willi Schuhmacher

Ansicht des Institutsgebäudes von 1873 und des Erweiterungsbaus von 1888 vom Marbacher Weg aus (Blatt 2, Ausschnitt, UniA Marburg Best. 308/64 Nr. 1).

Aufnahme: Willi Schuhmacher

Lageplan des Institutsgeländes aus dem Jahr 1902. Heute gehört sowohl das Areal der Laryngologischen Poliklinik als auch des Nachbargebäudes zum Institutsgelände (Blatt 2, Ausschnitt, UniA Marburg Best. 308/64 Nr. 1).

Aufnahme: Willi Schuhmacher

Neubau der sog. Galenik, Ansicht und Aufriss (Blatt 5, UniA Marburg Best. 308/64 Nr. 1).

Katharina Schaal

Rudolf Schmitz, Die Naturwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg 1527-1977, Marburg 1978, S. 333-380

Jutta Schuchard, Carl Schäfer 1844-1908. Studien zu Leben und Werk, München 1979, S. 195-197

Werner Fritzsche, Joachim Hardt, Karlheinz Schade, Universitätsbauten in Marburg 1945-1980 (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg 116), Marburg 2003, S. 133-136

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