Hauptinhalt

Tierversuche im Fachbereich Psychologie

zwei weiße Ratten in einem mit Streu ausgelegten Plexiglasgehege, eine dritte Ratte schaut herein, in der Mitte rote, transparente Kunststoffabteilungen
Foto: AG Wöhr
In Versuchen mit Ratten erforschen Marburger Psycholog*innen das Verhalten der Nagetiere in besonderen Situationen - wie zum Beispiel beim Spielen.

Im Fachbereich Psychologie werden Verhaltensversuche mit Ratten durchgeführt. Dabei wird im Bereich Soziale und Affektive Neurowissenschaft das Verhalten von Tieren erforscht, um Erkenntnisse über die Entstehung psychischer Störungsbilder zu erlangen. Es geht dabei um affektive Störungen wie Depressionen oder bipolare Störungen sowie um Entwicklungsstörungen des Nervensystems und Erkrankungen, die mit Bewegungsstörungen einhergehen (z.B. Parkinson). Es geht in der Forschung vor allem um die neurobiologischen Mechanismen, die dem Sozialverhalten zugrunde liegen, die akustische Kommunikation durch Rufe im Ultraschallbereich (Ultraschallvokalisationen) und die sozioaffektive Informationsverarbeitung bei Nagetieren.

Die komplexe und heterogene Architektur neuropsychiatrischer Erkrankungen ist ein herausfordernder Faktor, um die genauen biologischen Mechanismen aufzudecken, die dem Verhalten zugrunde liegen. Der immense Beitrag genetischer Faktoren und der Mangel an verlässlichen Biomarkern macht es erforderlich, Tiermodelle neuropsychiatrischer Erkrankungen zu testen, um ein tieferes Verständnis der Pathogenese zu erhalten. Bei der Entwicklung von Modellen, die die Gültigkeitskriterien erfüllen, ist eine Verhaltens-Phänotypisierung dieser Modelle eine Schlüsselkomponente des aktuellen Translationsansatzes, um mit den Erkenntnissen dazu beizutragen, die Behandlung der Erkrankungen zu verbessern. Da die Diagnose psychischer Störungsbilder auf Veränderungen im Erleben und Verhalten basiert und nicht anhand von Biomarkern erstellt werden kann, werden für die Forschung lebende Organismen als Modelle benötigt. Alternativen wie Zellkulturen oder „brain organoids“ zeigen kein Verhalten und können daher im Kontext biopsychologischer Grundlagenforschung nur sehr eingeschränkt genutzt werden.

Verschiedene Nager verfügen über die Fähigkeit, Rufe im Ultraschallbereich auszusenden. Im Bereich der biopsychologischen beziehungsweise verhaltensneurowissenschaftlichen Forschung kommt diesen so genannten Ultraschallvokalisationen (kurz: USV) eine immer bedeutendere Rolle zu, da ihre Erhebung eine einzigartige Möglichkeit darstellt, den affektiven Zustand von Tieren zu erfassen. Weil diese Rufe jedoch alle eine Frequenz von mehr als 20 kHz aufweisen, so dass sie von Menschen nicht wahrgenommen werden, erfordert ihre Erfassung den Einsatz modernster Technik. Bei Ratten werden zum Beispiel USV im Bereich von 50 kHz einem positiven Erleben bei Ratten zugeschrieben. So konnte dieser Ruftyp beispielsweise in Antizipation einer Belohnung, wie Futter und Sex beobachtet werden. Auch während des Spiels („rough-and-tumble play“) vokalisieren jugendliche Ratten in diesem Frequenzbereich. Bemerkenswerterweise ist es möglich, diese 50-kHz-Rufe auch durch „Kitzeln“ auszulösen. Es wurde daher postuliert, dass es sich bei den 50-kHz Vokalisationen um eine Form des Lachens handelt.

Publikationen:

Willadsen M, Bartsoen E, Crescenzo LD, Faesel N, Kisko TM, Mejía-Chávez S, Saberi P, Sarchi PV, Skorobogatov E, Sousa FJ, Sungur AÖ, van der Voort BJ, Wang T, Werk HD, Wöhr M. Behav Brain Res. 2026 Sep 25:116496: “Ultrasonic vocalizations in mice and rats: New applications and recent developments from sender to receiver”, DOI: https://doi.org/10.1016/j.bbr.2026.116496, Online ahead of print https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42790751/

Wang T, Schwarting RKW, Wöhr M: "3,4-Methylenedioxymethamphetamine (MDMA) does not induce robust psychomotor activation and 50-kHz ultrasonic vocalisations in tryptophan hydroxylase 2 (Tph2)-deficient rats lacking serotonin in the central nervous system", ; British Journal of Pharmacology, 2025, DOI: https://doi.org/10.1111/bph.70226