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„Über Grenzen“ – Predigtreihe im Rahmen der Universitätsgottesdienste 2009/10     

 

Jörg Lauster

Universitätsgottesdienst am 7.02.2010

Predigt über Matthäus 17,1-9




Matthäus 17,1-9

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

 

 

Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde des Universitätsgottesdienstes,

 

der Moderator einer kleineren BBC-Radioreihe in London gelangte, so erzählt man sich, durch Zufall an Aufnahmen einer ihm ganz unbekannten Sängerin. Halb aus Jux, halb aus Neugier spielt er sie im Radio – und tritt damit eine Lawine los. In Pubs verstummen auf einen Schlag die Gespräche. Autos, so erzählt man sich, fahren an die Seite, und Menschen sitzen mit offenen Mündern und noch offeneren Ohren vor den heimischen Radiogeräten. Zum Glück, so muss man sagen, war es eine kleine Sendung. Dennoch brechen bald danach das Telefonsystem und der Internetauftritt des Senders zusammen. Aufgewühlte Menschen fragen, was das war. Was ist das für eine Stimme, die ohne Umwege vom Ohr ins Herz trifft?

Bei der Sängerin handelt es sich um Eva Cassidy, eine junge Amerikanerin, schüchtern, ängstlich und immer viel zu nervös, um sich zu trauen, vor mehr als 10 oder 20 Menschen zu singen. Anfang 30 stirbt sie weitgehend unbekannt an Leukämie. Durch Zufall gelangen ihre Lieder ins Radio. Heute sind ihre CDs, die man aus früheren Mitschnitten zusammengebastelt hat, millionenfach verkauft – wegen genau dieser Stimme. Aus einer anderen Welt scheint sie zu kommen diese Stimme, die Menschen so anzurühren vermag, dass sie wie die Hörer in London ihr Hier und Jetzt vergessen und ganz eintauchen in diesen Klang. Eine Stimme, die die Welt verwandelt, die Menschen im Innersten berührt und eine geheimnisvolle Tiefe des Lebens zum Leuchten bringt.

Wer die Augen aufhält, kann viele solcher Begebenheiten finden. Sie werden erzählt in den großen Werken der Kunst und der Literatur, aber natürlich auch in den vielen kleinen Episoden des Alltags. Immer stoßen wir dabei an die Grenzen unserer Erfahrung. Es schimmert etwas hinüber zu uns, aus einer Welt, die wir nicht kennen.

 

Unser Predigttext, die Geschichte der Verklärung Jesu, erzählt von einem solchen verwandelten Augenblick. Bibelausleger aus dem Zeitalter der Aufklärung haben versucht, uns die Geschichte innerhalb der uns bekannten Welt zu erklären: Jesus habe mit seinen Jüngern auf einem Berg übernachtet, früher als sie sei er aufgestanden, neblig sei es noch gewesen. Im Gegenlicht sei Jesus daher den Jüngern ganz weiß erschienen, und da er die Schrift gelesen habe, meinten sie Moses und Elia zu hören. Schlaftrunkene Jünger, Frühnebel im Gebirge und ein laut lesender Jesus – das ist der ganze Zauber der Verklärung Jesu.

Wir ahnen: das kann es nicht gewesen sein! Doch das Lachen über die rationalistische Bibelauslegung muss uns im Halse stecken bleiben, führt sie uns doch auf der anderen Seite so nachdrücklich vor Augen, wie rasch wir an die Grenzen unserer Erfahrung stoßen. Wollten wir uns nach unseren üblichen Maßstäben einen Reim auf die Verklärung Jesu machen, wir kämen kaum über die Rationalisten des 18. Jahrhunderts hinaus. Im Gegenteil, wir haben es bei ihnen mit ehrbaren und aufrichtigen Versuchen zu tun, Religion in die Grenzen unserer Erfahrung einzugliedern. Und doch ist genau dies unmöglich. Die Verklärung Jesu stößt mit Gewalt an die Grenzen unserer Erfahrung. Wir erleben mehr, als wir begreifen, und können es doch nicht fassen.

 

Der Text ist überreich an religiösen Motiven und Symbolen. Die Verklärungsgeschichte ist eine grandiose Komposition, sie ist das Resultat eines Überlieferungsprozesses in mehreren Strängen. In ihnen läuft das Herzstück der christlichen Botschaft zusammen. Moses, Elia, Taufe, Inthronisation, Auferstehung, alles kommt vor. Überlieferung und Evangelist ziehen alle Register, die ihnen zur Verfügung stehen. Das müssen sie auch tun, denn was sie sagen wollen, ist gewaltig. Weit über die Grenzen unserer Erfahrung wagen sie sich hinaus: Gott ist anwesend in dieser Welt, er erscheint in einer Person, er verwandelt die Welt. Ein großes und unfassbares Ja bricht hervor aus den Wolken.

Faszinierend und furchteinflößend zugleich ist es, was in diesen herausgehobenem Moment erlebt wird: umfassende Dankbarkeit, deren Ursprung wir nicht erklären können, kosmische Geborgenheit, für die wir keinen Anlass wüssten, tiefes Vertrauen, dessen Grund wir nicht auszumachen wissen. Menschen erahnen und spüren, dass mit ihrem Dasein etwas gemeint ist.

 

In der Geschichte des Christentums spielt die Verklärung Jesu eine wichtige Rolle. In unzähligen Bildern wird sie in der Kunst dargestellt – das, wie ich finde, schönste Bild hat Raffael gemalt und ist darüber gestorben. In den orthodoxen Kirchen ist die Verklärung Jesu ein hoher Festtag. Kaum ein Kirchenvater hat es versäumt, zu dieser Geschichte etwas zu sagen. In unserem kulturellen Kontext haben wir freilich die Grenzen der Erfahrung recht eng gezogen und haben daher allerlei Mühen mit dem Text. Drei Aspekte will ich herausheben.

 

(1) Zunächst und zuerst: Gibt es so etwas überhaupt? Die ganzen Schwierigkeiten mit dem biblischen Text bekunden unser modernes Misstrauen – jenseits der Grenzen unserer Erfahrung kann eigentlich nichts sein. Und doch gibt es diese Erfahrungen, die die Grenzen sprengen und eine Tür aufstoßen, von der wir nicht wissen, wohin sie führt. Von dieser Tür leben letztlich alle Religionen: sie erinnern uns unaufhörlich an die Grenzen unserer Erfahrung, sie blicken hinüber, um von dort einen verwandelten Blick auf unsere Welt zu werfen.

Wie armselig wäre es, wenn uns dieser Blick verloren ginge. Wie trostlos wäre eine Welt, die sich nur noch in ihrer seichten Selbstgenügsamkeit badet. Rüdiger Safranski hat dafür ein schönes Wort gefunden: Transzendenzverrat. Wir narkotisieren ständig unsere Sinne und wir amputieren dauerhaft unsere Welt. Wir verraten uns selbst, wenn wir aufhören, uns von den Einbrüchen jener anderen Dimension der Wirklichkeit aufscheuchen und irritieren zu lassen. Es ist, zugegeben, schwierig, anstrengend und mühsam, über Dinge zu reden, die wir nicht fassen können und die uns doch bewegen. Alle religiösen Ausdrucksformen sind darum Bilder, auch unsere Geschichte ist ja ein großes Bild, Annäherungen an eine Wirklichkeit, die größer ist als wir. Doch sollte uns Bequemlichkeit nicht davor zurückhalten, das Unmögliche zu wagen: darüber nachzudenken und darüber zu reden, was jenseits dieser Grenzen ist.

 

(2) Natürlich fragen wir dann zweitens, wo dieser Berg der Verklärung ist. Könnte es wirklich auch ein Lied aus dem Radio sein? Man muss hier antworten, was gute Theologen immer antworten und was uns auch so beliebt macht: Ja und Nein.

Nein, weil der Einbruch von Transzendenz in unser Leben ungleich mehr ist als eine gehobene Stimmung, eine gute Laune oder ein intensives Hochgefühl. Denn dann wäre je nach Vorlieben und kulturellem Milieu die Oper, das Museum oder gar das Ballermann auf Mallorca die Wiege europäischer Religion.

Ja, muss die Antwort hingegen lautet, wenn es darum geht, was beim Hören des Liedes passiert. Die Verklärung von der hier die Rede ist, geht durch Mark und Bein, ungesucht ergreift und verwandelt sie Menschen. Und das kann überall geschehen.

 

(3) Ein hilfreiches Kriterium liefert drittens schließlich die biblische Verklärungsgeschichte selbst. Der Gradmesser der Verklärung ist die Kraft ihrer Verwandlung. Petrus wäre gern für immer auf dem Berg der Verklärung geblieben. Jesus jedoch steigt herab vom Berg und das erste, was er tut, ist die Heilung eines kranken Jungen, dem niemand helfen konnte. Der Kirchenvater Augustinus hat daher in einer Predigt dem Petrus zugerufen: „Komm auch du herab vom, du musst schwitzen und arbeiten!“

 

Verklärung meint: Niemand ist nach einer solchen Erfahrung der, der er vorher war. Das ist das Wesen einer Verwandlung: wo immer wir über die Grenzen unserer Erfahrung hinaus geraten, werden wir andere, wird schließlich die Welt anders. Wo die Welt anders wird, ist der Berg der Verklärung niemals fern. Es gibt eine Reihe von Beispielen:

Albert Schweitzers Einsicht in die Ehrfurcht vor dem Leben geht auf eine solche tiefe, fast mystische Einsicht zurück, Schweitzer hat immer wieder und in mehreren Anläufen darum gerungen, diese Erleuchtung zu beschreiben. Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King benennt den Berg der Verklärung wortwörtlich. Am 3. April 1968 sagt er:

„Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Ich mache mir keine Sorgen. Wie jeder andere würde ich gern lange leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. … Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. ... Und deshalb bin ich glücklich heute abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgend etwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“

Am folgenden Tag wird er von einem Attentäter erschossen.

 

Die Erzählung von der Verklärung Jesu ist zu allen Zeiten eine Geschichte des Muts. Denn Mut braucht es, um das sichere Geländer der Grenzen unserer Erfahrung zu verlassen und aufzubrechen. Von nichts und niemandem sollten wir uns einreden lassen, unser Leben sei so seicht wie eine kleine Pfütze. Es ist tief und unermesslich wie der Ozean. Genau das will uns auch der Evangelist zurufen: Vergesst in eurem Leben nicht den Berg der Verklärung. Es gibt ihn diesen Berg der Verklärung, für jeden von uns anderswo, aber es gibt ihn.

Amen



Zuletzt aktualisiert: 10.02.2010 · Dekanat FB 05

 
 
 
Fachbereich 5: Evangelische Theologie

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