Geschichte der Marburger Chemie

Hartmann gründete das erste chemische Universitätslaboratorium in Deutschland, in dem die Studierenden praktisch arbeiten konnten. Ein Zeugnis davon gibt heute noch ein Labortagebuch eines Marburger Studierenden aus dem Jahre 1615 [2].
Nachdem Hartmann 1621 als Leibarzt des hessischen Landgrafen nach Kassel gegangen war, kam es unter Johann Jacob Waldschmiedt (1644-1689) in Marburg 1685 erneut zur Eröffnung eines chemischen Laboratoriums in einer Kapelle des säkularisierten Barfüßerklosters, wovon ein noch erhaltener Gedenkstein Zeugnis ablegt. Ein Abguss dieses Gedenksteins befindet sich heute am Eingang der neuen Gebäude des Fachbereichs auf den Lahnbergen. Dieses Laboratorium mußte um 1730 dem Bau einer Universitätsreitschule weichen.
Erst 1793 konnte der Professor für Botanik und Chemie Conrad Moench (1744-1805) erneut ein chemisches Laboratorium auf dem Gelände des Alten Botanischen Gartens in Betrieb nehmen. Unter seinem 1805 berufenen Nachfolger, Ferdinand Wurzer (1765-1844), zog das Chemische Institut in das ehemalige Deutschordenshaus neben der Elisabethkirche um, wo es bis 1881 blieb. Wurzer hatte als erster Marburger Hochschullehrer eine richtige chemische Ausbildung genossen, so dass er als der eigentliche Begründer des Faches Chemie an der Philipps-Universität angesehen werden muß.
Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899), der heute als Begründer der modernen Gasanalyse und als Mitbegründer der physikalischen Chemie gilt, war 1839 prominenter Nachfolger Wurzers. Im Anschluß an Bunsens Fortgang nach Breslau übernahm Hermann Kolbe (1818-1884) die Leitung des Marburger Chemischen Instituts. Sein Name ist jedem Chemiker unter den Stichworten Kolbe-Nitril-Synthese, Kolbe-Fettsäure-Elektrolyse und Kolbe-Salicylsäure-Synthese bekannt. Nach Kolbes Weggang nach Leipzig übernahm zunächst 1865 Georg Ludwig Carius (1829-1875) und dann 1875 Ernst Theodor Zincke (1843-1928) die Institutsleitung.

1913 folgte Karl von Auwers (1863-1939) als Institutsdirektor nach, bevor 1929 Hans Meerwein (1879-1965) (Foto rechts) bis 1952 die Leitung des Chemischen Institutes übernahm. Auch Meerweins Name ist mit zahlreichen von ihm untersuchten chemischen Reaktionen verbunden, u.a. Meerwein-Arylierung, Meerwein-Ponndorf-Verley-Reduktion und Meerwein-Oxoniumsalz-Synthese. Nachfolger Meerweins als Institutsdirektor war von 1952 bis 1970 Karl Dimroth (1910-1995).
Am 15.09.2006 wurde das alte Chemische Institut in der Bahnhofstrasse 7 als Wirkungsstätte von Hans Meerwein (1879 - 1965) im Rahmen der historischen Stätten der Chemie durch die GDCH geehrt.
Programm und Fotos der Festveranstaltung
Eine ganze Reihe bekannter Chemiker hat an der Philipps-Universität gearbeitet, Namen, die heute jedem Chemiker geläufig sind:
| 1848-1850 | John Tyndall (Tyndall-Effekt) |
| 1862-1865 | Alexander Saytzeff (Saytzeff-Regel) |
| 1900-1904 | Hans Fischer, 1930 Nobelpreis Hämin, Chlorophyll |
| 1897-1904 | Otto Hahn, 1944 Nobelpreis Uran-Spaltung |
| 1921-1924 | Adolf Butenandt, 1939 Nobelpreis, Steroidhormone |
| 1919-1925 | Karl Ziegler, 1963 Nobelpreis Olefin-Polymerisation |
| 1923-1932 | Georg Wittig, 1979 Nobelpreis Carbonyl-Olefinierung |
| 1932-1937 | Rudolf Criegee, Glykolspaltung, Criegee-Ozonolyse |
- Chr. Meinel: Die Chemie an der Universität Marburg seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Verlag Elwert, Marburg, 1978.
- W. Ganzenmüller: Das chemische Laboratorium der Universität Marburg im Jahre 1615. Angew. Chem. , 54 (1941) 215-217.
Chymiatrie Video 20 - Die Geschichte der Chemie in Marburg (Prof. Reichardt)
Kurze Übersicht über die Entwicklung des Fachs Chemie an der Philipps-Universität Marburg von 1609 bis zur Gegenwart - Fünfte, verbesserte und ergänzte Auflage Marburg, April 2013 - als PDF-Datei 1.5 MB herunter laden.


