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Geschichte der Marburger Chemie

Landgraf Philipp der Großmütige (1504-1567) war es, der 1527 in Marburg die erste protestantische Universität der Welt gründete, die ihren konfessionellen Charakter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts behielt.
Johannes Hartmann (1568-1631)
Einer seiner Nachfolger, Landgraf Moritz der Gelehrte (1572-1632), berief im Jahre 1609 Johannes Hartmann (1568-1631) in Marburg zum ordentlichen Professor für Chymiatrie; dies war die erste Professur für Chemie in der Welt, die nicht mehr der Alchemie, sondern dem der Heilkunde verpflichteten Teil der Chemie gewidmet war. Mit dieser Berufung beginnt in Marburg die Geschichte der Chemie als Unterrichtsfach [1].

Hartmann gründete das erste chemische Universitätslaboratorium in Deutschland, in dem die Studierenden praktisch arbeiten konnten. Ein Zeugnis davon gibt heute noch ein Labortagebuch eines Marburger Studierenden aus dem Jahre 1615 [2].

Nachdem Hartmann 1621 als Leibarzt des hessischen Landgrafen nach Kassel gegangen war, kam es unter Johann Jacob Waldschmiedt (1644-1689) in Marburg 1685 erneut zur Eröffnung eines chemischen Laboratoriums in einer Kapelle des säkularisierten Barfüßerklosters, wovon ein noch erhaltener Gedenkstein Zeugnis ablegt. Ein Abguss dieses Gedenksteins befindet sich heute am Eingang der neuen Gebäude des Fachbereichs auf den Lahnbergen. Dieses Laboratorium mußte um 1730 dem Bau einer Universitätsreitschule weichen.

Erst 1793 konnte der Professor für Botanik und Chemie Conrad Moench (1744-1805) erneut ein chemisches Laboratorium auf dem Gelände des Alten Botanischen Gartens in Betrieb nehmen. Unter seinem 1805 berufenen Nachfolger, Ferdinand Wurzer (1765-1844), zog das Chemische Institut in das ehemalige Deutschordenshaus neben der Elisabethkirche um, wo es bis 1881 blieb. Wurzer hatte als erster Marburger Hochschullehrer eine richtige chemische Ausbildung genossen, so dass er als der eigentliche Begründer des Faches Chemie an der Philipps-Universität angesehen werden muß.

Robert Wilhelm Bunsen (1811-1899), der heute als Begründer der modernen Gasanalyse und als Mitbegründer der physikalischen Chemie gilt, war 1839 prominenter Nachfolger Wurzers. Im Anschluß an Bunsens Fortgang nach Breslau übernahm Hermann Kolbe (1818-1884) die Leitung des Marburger Chemischen Instituts. Sein Name ist jedem Chemiker unter den Stichworten Kolbe-Nitril-Synthese, Kolbe-Fettsäure-Elektrolyse und Kolbe-Salicylsäure-Synthese bekannt. Nach Kolbes Weggang nach Leipzig übernahm zunächst 1865 Georg Ludwig Carius (1829-1875) und dann 1875 Ernst Theodor Zincke (1843-1928) die Institutsleitung.

Hans Meerwein
Hans Meerwein (1879-1965)
1881 wurde der Neubau des Chemischen Instituts in der Bahnhofstraße 7a bezogen (das heutige Zentrum für Humangenetik des Fachbereichs Medizin), das erst 1971 durch die Neubauten des Fachbereichs Chemie auf den Lahnbergen (heute: Hans-Meerwein-Straße) abgelöst wurde.  Fotos und Impressionen vom alten Institut Bahnhofstrasse 7

1913 folgte Karl von Auwers (1863-1939) als Institutsdirektor nach, bevor 1929 Hans Meerwein (1879-1965) (Foto rechts) bis 1952 die Leitung des Chemischen Institutes übernahm. Auch Meerweins Name ist mit zahlreichen von ihm untersuchten chemischen Reaktionen verbunden, u.a. Meerwein-Arylierung, Meerwein-Ponndorf-Verley-Reduktion und Meerwein-Oxoniumsalz-Synthese. Nachfolger Meerweins als Institutsdirektor war von 1952 bis 1970 Karl Dimroth (1910-1995).

Am 15.09.2006 wurde das alte Chemische Institut in der Bahnhofstrasse 7 als Wirkungsstätte von Hans Meerwein (1879 - 1965) im Rahmen der historischen Stätten der Chemie durch die GDCH geehrt. Programm und Fotos der Festveranstaltung
 
Eine zweite historische Stätte der Chemie kam im Jahr 2015 hinzu. Die Wiege der Universitätschemie steht in Marburg: Im Jahr 1609 ernannte Landgraf Moritz von Hessen-Kassel den Chemiker Johannes Hartmann (1568-1631) zum weltweit ersten Professor für Chymiatrie (Medizinische Chemie). Das Gebäude in der Barfüßerstraße 1/Am Plan, in dem der Gelehrte sein Labor hatte, wurde am 10. Juli 2015 von der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) als „Historische Stätte der Chemie“ ausgezeichnet. Bericht und Fotos.
 
Im Jahr 2015 konnt auch der Neubau der Chemie in der Hans-Meerwein-Straße 4 bezogen werden. Informationen.
 
Im alten Institutsgebäude Bahnhofstraße 7 befindet sich heute das Mitmachlabor CHEMIKUM-Marburg.

 

 Eine ganze Reihe bekannter Chemiker hat an der Philipps-Universität gearbeitet, Namen, die heute jedem Chemiker geläufig sind:

1848-1850 John Tyndall (Tyndall-Effekt)
1862-1865 Alexander Saytzeff (Saytzeff-Regel)
1900-1904 Hans Fischer, 1930 Nobelpreis Hämin, Chlorophyll
1897-1904 Otto Hahn, 1944 Nobelpreis Uran-Spaltung
1921-1924 Adolf Butenandt, 1939 Nobelpreis, Steroidhormone
1919-1925 Karl Ziegler, 1963 Nobelpreis Olefin-Polymerisation
1923-1932 Georg Wittig, 1979 Nobelpreis Carbonyl-Olefinierung
1932-1937 Rudolf Criegee, Glykolspaltung, Criegee-Ozonolyse
  1. Chr. Meinel: Die Chemie an der Universität Marburg seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Verlag Elwert, Marburg, 1978.
  2. W. Ganzenmüller: Das chemische Laboratorium der Universität Marburg im Jahre 1615. Angew. Chem. , 54 (1941) 215-217.


Chymiatrie Video 20 - Die Geschichte der Chemie in Marburg (Prof. Reichardt)

 

Kurze Übersicht über die Entwicklung des Fachs Chemie an der Philipps-Universität Marburg von 1609 bis zur Gegenwart - Achte, verbesserte und ergänzte Auflage Marburg, Januar 2017 - als PDF-Datei 2 MB herunter laden.

Kurze Übersicht über die Entwicklung des Fachs Chemie an der Philipps-Universität Marburg von 1609 bis zur Gegenwart - Sonderausgabe anlässlich des 80. Geburtstags der Professoren Dr. Dr. h. c. mult. Friedrich Hensel  –  16. 07. 2013 Dr. Dr. h. c. Reinhard W. Hoffmann  ‒  18. 07. 2013 Marburg, im Juli 2013 - als PDF-Datei 1.5 MB herunter laden.

Zuletzt aktualisiert: 09.01.2017 · Michael Marsch

 
 
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