"Denen, die es verdienten, haben wir unsere Geheimnisse offenbart. Die Kunst des Schreibens verstehen die, die sie verstehen sollen, und sonst niemand.“ (Rigoberta Menchú)
Am 7.12.2007 ist Frau Prof. Dr. Renate Rausch nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin verstorben.
Sie wurde im Jahr 1930 in Berlin geboren und wuchs als jüngste Tochter in einer Familie heran, in der das Theater wie auch die Literatur eine große Rolle spielte. Von frühester Kindheit an begegnete ihr die Weltliteratur zuhause, denn der Vater zitierte gerne den Mephisto, bzw. den Prolog aus Mephisto: „Hast Du mir ewig nichts zu sagen, ist dir auf Erden gar nichts Recht?“ Und trotz Krieg, Bombennächten und dem Einmarsch der Sowjetischen Armee in Berlin, führte von daher der Weg fast zwangsläufig vom Mädchengymnasium über das Abitur geradewegs in eine Universität und in die wissenschaftliche Karriere. Da die stark literarisch geprägte Erziehung der frühen Kindheit so bereichernd war, widmete sich Frau Rausch auch an der Universität nicht nur einem einzigen Fach und einigen wenigen Nebenfächern. Vielmehr studierte sie Philosophie, Kunstgeschichte und Neuere Geschichte und außerdem noch Soziologie und Archäologie. Doch alsbald entdeckte sie ihre und nun kann man ja sagen, lebenslange Liebe zur Soziologie und promovierte nur neun Jahre, nachdem sie die Universität zum ersten Mal betreten hatte, in Hamburg über: „Die Muße in der amerikanischen Soziologie“. Nach einem kurzen Intervall als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsprojekt über Organisation und Personalstruktur außeruniversitärer Forschungsinstitute in Dortmund, entdeckte sie dann – neben der Soziologie – ihre zweite große Liebe: Lateinamerika. Fast zehn Jahre arbeitete sie als Professorin für Soziologie an der Universität von Costa Rica, bevor die den Ruf auf die Professur für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Philipps-Universität Marburg annahm. Etwas von ihrem lateinamerikanischen Engagement konnte sie jedoch auch in ihre Professur retten, denn inhaltlich war ihr Schwerpunkt die gesellschaftlichen Entwicklungen speziell von Zentral- und Südamerika. Von daher lag es nahe, dass sie ihr Wissen immer wieder mit Hilfe von Gastprofessuren nach Lateinamerika exportierte und dort auch in vielen Ländern des Kontinents forschte.
Neben ihrem lateinamerikanischen Engagement entwickelte sie jedoch in Marburg noch weitere wissenschaftliche Interessen: nämlich das Interesse an der Frauenforschung, am Feminismus und damit an der Politik. Ab 1988 arbeitete sie in der vom Konvent eingesetzten Kommission für Frauenförderung und Frauenforschung mit, um auch auf der politischen Ebene der Universität die Belange von Frauen zu vertreten und die damals im Vergleich zu heute noch im Argen liegende Gleichstellung von Frauen voranzutreiben. Anschließend wurde sie Sprecherin der neu gegründeten interdisziplinären Arbeitsgruppe „Frauenforschung“, organisierte hier Vorlesungen zu Themen wie „Frauen, Sexualität und Mutterschaft in der Ersten und Dritten Welt“ und beschäftigte sich in einer weiteren Ringvorlesung mit den vielen, teils in Vergessenheit geratenen Nobelpreisträgerinnen. Im Kontext dieser Ringvorlesung im WS 1994/95 hielt sie dann auch ihre Abschiedsvorlesung über die Friedensnobelpreisträgerin aus Guatemala, Rigoberta Menchú, und machte damit nochmals deutlich, dass ihre Verbindung zu Lateinamerika niemals abgerissen und nach wie vor ganz lebendig war.
In die Gründung des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung hat sie viel investiert und obwohl sie sich schon seit 1995 im Ruhestand befand, ist sie dem Zentrum in all diesen Jahren treu geblieben. Sie war nicht nur eine der Herausgeberinnen der UNI-FRAUEN-ZEITUNG, sondern auch eine kritische Begleiterin unserer Aktivitäten im Zentrum und vielfach auch eine der tragenden Säulen und engagierte Mitdenkerin des Zentrums. 2007 wurde sie mit 77 Jahren Ehremitglied des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung.
Wir sind ihr zu großer Dankbarkeit verpflichtet. Ohne ihr leidenschaftliches Engagement für das Zentrum hätte sich dieses nicht mit so großem Erfolg entwickeln und im Rahmen der Philipps-Universität so viel an Anerkennung und Renommee gewinnen können. Wir werden sie immer in liebevoller Erinnerung behalten!

