03.08.2018 Bericht zum Planspiel Syrienkonflikt

Am 19. und 20. Juni fand am CNMS ein Planspiel in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verein CRISP – Conflict Transformation and Civic Education zum Thema „Syrienkonflikt: Themen, Hintergründe und lokale Akteure“ statt.

Foto: Maike Neufend

Am 19. und 20. Juni fand am CNMS ein Planspiel in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verein CRISP – Conflict Transformation and Civic Education zum Thema „Syrienkonflikt: Themen, Hintergründe und lokale Akteure“ statt.

Eine Vielzahl an Konfliktlinien und -parteien mit sich verändernden und widersprüchlichen Interessen zeichnen den Syrienkonflikt aus. Seit 2011, als der Konflikt begann, hat sich eine komplexe Gemengelage in dem Land entwickelt, die nur schwer zu durchschauen ist. Die Debatte zu Syrien wird meist durch die Folgen der Flucht nach Europa dominiert und die eigentlichen Ursachen für diese sind in den Hintergrund geraten. Dies gilt insbesondere für mögliche Lösungen, die dringend notwendig sind, jedoch kaum thematisiert werden.

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In der Simulation verhandelten Studierende der Nah- und Mittelost-Studien und Schüler und Schülerinnen der Martin Luther Schule Marburg über ein Friedensabkommen für eine fiktive Region Syriens. Ziel des Planspieles ist es ein tiefergehendes Verständnis von dem Konflikt in Syrien zu entwickeln und verschiedene Optionen zum Beenden der Gewalt in dem Land zu erkunden.

Das Szenario hat einen starken Fokus auf den handelnden Parteien: Die Teilnehmenden nehmen die Rollen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren, bewaffneten Gruppen und Vertretern der Zivilgesellschaft ein. Dadurch werden sie vertraut mit deren Positionen und Interessen. Während der Verhandlung versuchen die Teilnehmenden gemeinsame Interessen zu identifizieren die eine Grundlage bilden können für einen Waffenstillstand und den Rahmen bilden für den Übergang.

„Der Syrienkonflikt“ - Ein Planspiel zu dem Krieg in Syrien

Ein Bericht von Jinda Taha Basch

Der Krieg in Syrien ist ein allgegenwärtiger Konflikt, der sich im Verlauf der letzten sieben Jahre von einem Bürgerkrieg zu einem Stellvertreterkrieg entwickelt hat. Neben tausenden von Milizen beteiligen sich unter Anderem auch die Staaten Russland, Iran, USA, Türkei, Saudi-Arabien, Qatar und viele weitere am Krieg. Die Folgen dieses Krieges werden für die BürgerInnen Syriens immer verheerender. Laut dem UNHCR wurden seit Beginn der Ausschreitungen ungefähr 400.000 Menschen getötet. Des Weiteren wurden etwa zwölf Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und befinden sich im In- oder Ausland auf der Flucht.1

Oft wird in den Nachrichten berichtet, wie Verhandlungen zu dem Konflikt in Syrien erfolglos enden oder dass erneut gegen eine Waffenruhe verstoßen wurde. Vielen Menschen erscheinen diese Ereignisse nicht nachvollziehbar und man fragt sich wieso die beteiligten Akteure des Konflikts keine Lösung finden, um diesen schrecklichen Krieg zu beenden. Dass der Konflikt in Syrien wegen der großen Anzahl an lokalen, regionalen und globalen Akteuren an Komplexität zugenommen hat, wird dabei oftmals nicht erkannt oder bedacht. Um die Komplexität des Syrienkrieges mit all seinen verschiedenen Akteuren und ihren jeweiligen Interessen verständlicher zu machen, haben CRISP (Crisis Simultion for Peace e.V.) in Zusammenarbeit mit Alsharq e.V. 2017 ein Planspiel entwickelt.

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In dem Planspiel nehmen die TeilnehmerInnen die Rollen von verschiedenen lokalen und globalen Akteuren ein, die miteinander verhandeln und eventuell Bündnisse schließen, um am Ende eine Friedensverhandlung, die das Ziel hat eine Deeskalationszone in einer fiktiven Region in Syrien zu errichten, zu simulieren. Den TeilnehmerInnen ermöglicht das Planspiel einen besseren Einblick in die Geschehnisse des Krieges in Syrien, sowie die Möglichkeit selbst Lösungen für den Konflikt zu entwickeln. Im Seminar „Planspiel Syrienkonflikt: Themen, lokale Akteure, Hintergründe“ unter Leitung von Maike Neufend, wurde das Planspiel zum Syrienkonflikt von Studierenden der Philipps-Universität Marburg aktualisiert und überarbeitet. Dazu wurde zunächst die Geschichte Syriens ab der Unabhängigkeit von Frankreich aufgearbeitet, mit besonderem Schwerpunkt auf die Baath-Partei unter Hafez al-Assad, das Patronagesystem, die demo-graphische Entwicklung in Syrien, die Infitah, die zivilen Aufstände bis 2011 und die Konfessionalisierung. Dies diente insbesondere dazu, den StudentInnen einen Einblick in das politische und gesellschaftliche System und die daraus resultierenden sozioökonomischen Probleme Syriens zu verschaffen, die unter Anderem die Ursachen für die Aufstände in Syrien ab März 2011 waren.

In den darauffolgenden Seminareinheiten wurde das Planspiel-Szenario von CRISP e.V. hinsichtlich der gegebenen Informationen zu den drei lokalen Akteursgruppen (A) Regime, (B) Arabische Opposition und (C) Kurdische Einheiten aufgearbeitet. Die Ziele und Strategien der drei Akteursgruppen wurden bezüglich der Themenbereiche Ressourcen, Politische Gefangene, Power Sharing / Unabhängigkeit, Terrorismusbekämpfung und Entwaffnung untersucht. Der nächste Schritt war die Anpassung des Szenarios auf die aktuellen Geschehnisse in Syrien und die Aktualisierung der Akteursrollen hinsichtlich ihrer Ziele, Interessen und Strategien. Es wurden zwölf Rollen ausgearbeitet, von denen alle, bis auf die Rolle des russischen Generals, lokale Akteure waren. Der Schwerpunkt des Planspiels waren die lokalen Akteure in der fiktiven Region Damaya.

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Am 19.06 und 20.06.2018 wurde das Planspiel mit SchülerInnen der Oberstufe der Martin-Luther Schule mit den Studierenden der Philipps-Universität und Andreas Muckenfuß von CRISP durchgespielt. Das Programm begann mit einer kurzen Einführung durch Studierende in den Syrienkonflikt und der anschließenden Präsentation der Akteursrollen. Leider nahm nur eine kleine Zahl von sechs SchülerInnen an dem Planspiel teil, weshalb die StudentInnen spontan einsprangen und auch selbst die Rollen von AkteurInnen einnahmen. Leider musste jedoch die Rolle des externen Akteurs des russischen Generals gestrichen werden, so dass ausschließlich die Rollen der lokalen AkteurInnen besetzt wurden. Die TeilnehmerInnen konnten unter anderem in die Rolle des reichen Unternehmers Rami Makhlouf, einem Cousin des syrischen Präsidenten, schlüpfen oder in die Rolle von Salih Muslim, dem Ko-Parteivorsitzenden der PYD. Daneben gab es auch die Rolle von einem Offizier in der regulären syrischen Armee des Regimes und die Rolle eines Offiziers der Freien Syrischen Armee. Zusätzlich dazu gab es noch die Rollen von drei parteiunabhängigen Aktivistinnen, eines Vertreter der salafistischen Gruppierung Ahrar Al-Sham, einen Warlord und weitere. Außerdem wurde ein Medienteam bestehend aus zwei TeilnehmerInnen aufgestellt, die über die Geschehnisse berichteten und Interviews mit den AkteurInnen durchführten.

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Das ausgearbeitete Szenario spielt in der Region Damaya, dessen Hauptstadt ebenfalls Damaya heißt und welches sich die drei Akteurgruppen Regime, arabische Opposition und kurdische Einheiten teilen, beziehungsweise um dessen Kontrolle die Akteure kämpfen. Im Rahmen der von den internationalen Akteuren Russland, Türkei und Iran in Astana ausgearbeiteten Abkommen zur Erschaffung von Deeskalationszonen in Syrien, sollen die lokalen Akteure in dieser Region die Umsetzung des Abkommens und die Befriedung der Stadt Damaya untereinander aushandeln und umsetzten. Bei den lokalen Verhandlungen sollen die Punkte Ressourcen, Austausch mit Gefangenen, Power Sharing, Terrorismus und die Entwaffnung verhandelt werden.

Während des zweitägigen Planspiels agierten die TeilnehmerInnen aus den ihnen zugeteilten Rollen heraus und verhandelten mit dem Ziel die Interessen ihrer Rollen zu verwirklichen. Wichtig dabei war, dass die Handlungen der AkteurInnen während der Verhandlungen realitätsnah waren. Auf die Verhandlungsphasen folgte die Konferenz, in der die beschlossenen Verträge mit allen beteiligten AkteurInnen besprochen wurden und über die abgestimmt wurde. Im Rahmen der Konferenzen konnten sich die beteiligten AkteurInnen auf zwei von den vier ausgehandelten Verträge einigen und diese anerkennen. Diese Verträge beinhalteten einen Gefangenenaustausch sowie die Entmilitarisierung der Stadt Damaya.

Die TeilnehmerInnen sind aus ihren Rollen geschlüpft und bewerten das Planspiel

Im Anschluss an das Planspiel wurde am zweiten Tag eine Auswertung des Planspiels durchgeführt. Viele der TeilnehmerInnen waren nach dem zweitägigen intensiven Planspiel erschöpft und müde, auch aufgrund der emotionalen Anstrengung die eigene Rolle zu vertreten und sich damit unterschiedlichen Konflikten auszusetzen. Das Planspiel wurde aber als sehr lehrreich aufgenommen, da es ein Verständnis für Verhandlungen in Kriegsgebieten ermöglichte. Außerdem erhielten die TeilnehmerInnen einen Einblick in die Komplexität des Syrienkonflikts und zu den Hintergründen der jeweiligen Akteure und ihrer Handlungen. Nichtsdestotrotz wurde das Planspiel überwiegend als nicht realistisch wahrgenommen, da viele Teilnehmerinnen die Wahrscheinlichkeit für das Zustandekommen solcher Konferenzen, auf Grund der konkurrierenden Interessen der Akteure, anzweifelten. Des Weiteren wurde auch das Festhalten an den Verträgen als unrealistisch aufgenommen. Dennoch waren sich alle TeilnehmerInnen einig darin, dass das Planspiel ein Erfolg war und das sie erneut an einem teilnehmen würden.

1 Vgl. UNHCR (09. März 2018): „Sieben Jahre Konflikt in Syrien: ‚Eine gewaltige menschliche Tragödie‘.“, in: UNHCR The UN Refugee Agency Deutschland, unter: http://www.unhcr.org/dach/de/21050-sieben-jahre-konflikt-syrien-eine-gewaltige-menschliche-tragoedie.html, (zuletzt aufgerufen: 18.07.2018).

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