Rudolf-Bultmann-Institut für Hermeneutik
Das Rudolf-Bultmann-Institut für Hermeneutik führt eine der großen Marburger Traditionen weiter. 1963 von Ernst Fuchs, einem Schüler Rudolf Bultmanns, als „Institut für Hermeneutik“ gegründet, trägt es seit 2009 – zum 125. Geburtstag Bultmanns – dessen Namen. Auf Fuchs folgten Gerd Schunack, Dietrich Korsch und Jörg Lauster; seit 2016 steht Malte Dominik Krüger dem Institut vor, stellvertretende Direktorin ist die Neutestamentlerin Angela Standhartinger.
Im Zentrum steht Bultmanns Programm der existentialen Interpretation: Die biblischen Texte erschließen sich nicht zuerst über die in ihnen berichteten Tatsachen, sondern als Ausdruck eines religiösen Selbstverständnisses, das nach sach- und zeitgemäßer Auslegung verlangt. Ernst Fuchs hat diese Linie zugespitzt auf die wirklichkeitserschließende, gleichnishafte Eigenart der Sprache. In der Gegenwart führt das Institut diese Einsicht weiter, indem es metaphern-, bild- und symboltheoretische Fragen aufnimmt, wie sie auch kulturwissenschaftlich und -anthropologisch diskutiert werden. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Hermeneutischen Theologie – in Marburg und darüber hinaus.
Von Anfang an war das Institut religionsphilosophisch, ökumenisch und international ausgerichtet; zu seinen Gästen zählten in früheren Jahrzehnten Hans Jonas, Karl Rahner, James M. Robinson, Gerhard Ebeling und Dorothee Sölle. Seit 2016 waren unter anderem Markus Gabriel, Arbogast Schmitt, Isolde Karle und Udo Schnelle zu Gast. Das Institut versteht sich als Forum für den interdisziplinären und internationalen Austausch im Bereich der theologischen, philosophischen und kulturwissenschaftlichen Hermeneutik – in Studientagen, Lehrveranstaltungen und zahlreichen Tagungen, zuletzt etwa im Umfeld des Iconic Turn und der gegenwärtigen Religionsphilosophie.
Seit Beginn des Direktorats 2016 geben dem Institut fünf Schwerpunkte nach außen ein besonderes Profil:
Internationale Bultmann-Lecture
Die Internationale Bultmann-Lecture (erstmals 2017, seither im Zweijahresturnus) sucht das Gespräch mit anregenden Positionen der Gegenwart und bringt verschiedene Disziplinen zu einem gemeinsamen Thema zusammen. Den Auftakt machte 2017 der Bonner Philosoph Markus Gabriel mit einem Vortrag zum gegenwärtigen Wirklichkeitsverständnis. 2019 sprach der Altphilologe Arbogast Schmitt über die Erkenntnis des Göttlichen im Bild, 2021 hielt die Praktische Theologin Isolde Karle die Lecture über die Zukunft der Kirche, 2022 sprach der Neutestamentler Udo Schnelle (Halle) über den Mythos und 2025 der Cambridger Religionsphilosoph Douglas Hedley über Platonismus und lebendige Formen. Die Marburger Bultmann-Lectures werden in der Regel publiziert.
Rudolf-Bultmann-Preis für Hermeneutik
Der Rudolf-Bultmann-Preis für Hermeneutik (erstmals 2018, dotiert mit 1.500 Euro) zeichnet herausragende Dissertationen und Habilitationen im Bereich der theologischen, philosophischen und kulturwissenschaftlichen Hermeneutik aus. Er wird gemeinsam vom Institut, der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie e. V. und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck im Rahmen eines Festakts in der Alten Universität Marburg verliehen. Ausgezeichnet wurden bislang der Princetoner Theologe David W. Congdon (2018) für seine Dissertation The Mission of Demythologizing. Rudolf Bultmann’s Dialectical Theology sowie die Neutestamentlerin Friederike Portenhauser (2020) für ihre Tübinger Dissertation Personale Identität in der Theologie des Paulus.
Evangelisch-Katholischer Bildertag
Der Evangelisch-Katholische Bildertag (seit 2018, im Vierjahresturnus; bis 2024 als „Evangelischer Bildertag“, seit 2025/26 in ökumenisch erweiterter Form und gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Hack, Direktor des Katholischen Seminars an der Philipps-Universität Marburg) wird in Kooperation mit dem Marburger Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart durchgeführt und widmet sich Fragen an der Schnittstelle von Theologie, Bild und Sichtbarkeit. Er fand 2018 zum Thema „Bild und Text“ statt, 2022 zu „Das Christusbild in der Gegenwart“ und 2026 zu „(Un-)Sichtbarkeit der Toten. Theologisches am Friedhof“; der Bildertag 2030 ist in Vorbereitung. Die Tagungen sind jeweils in Sammelbänden dokumentiert:
- Thomas Erne / Malte Dominik Krüger (Hrsg.), Bild und Text. Beiträge zum 1. Evangelischen Bildertag in Marburg 2018 (Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020, Reihe „Hermeneutik und Ästhetik“ 2).
- Thomas Erne / Anna Niemeck / Malte Dominik Krüger (Hrsg.), Das Christusbild in der Gegenwart. Eine Leerstelle auf dem Weg zu neuer Anschaulichkeit? Beobachtungen und Einsichten aus Theologie, Philosophie und Kunst. Beiträge zum 2. Evangelischen Bildertag in Marburg 2022.
- Tobias Hack / Malte Dominik Krüger / Dirk Pörschmann (Hrsg.), (Un-)Sichtbarkeit der Toten. Theologisches am Friedhof (VS Springer, 2026).
Ökumenische Nikolaustagungen
Die Ökumenischen Nikolaustagungen (gemeinsam verantwortet von Malte Dominik Krüger und Notker Baumann) führen Theologie, Philosophie und Kunst zu Grundfragen christlichen Lebens zusammen. Sie fanden 2024 in Loccum zu „Glück und Glaube“ statt, 2025 in Loccum zu „Schönheit und Glaube“ und 2026 in Hannover zu „Fest und Freude“. Die Tagungsbeiträge werden in Sammelbänden veröffentlicht:
- Glaube als Glücksfaktor? Was das Leben gut macht, hg. v. Notker Baumann / Malte Dominik Krüger (im Erscheinen).
- Schönheit: Eine Sprache Gottes? Ökumenische Impulse für eine Ästhetik des Glaubens, hg. v. Notker Baumann / Malte Dominik Krüger (in Vorbereitung).
- Anlass zur Freude. Vom Feiern als Lebensform – christliche und kulturelle Perspektiven, hg. v. Notker Baumann / Malte Dominik Krüger (in Vorbereitung).
Internationale Editions- und Forschungsarbeit zu Rudolf Bultmann und Hermeneutischer Theologie
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der editorischen und kommentierenden Erschließung der Hermeneutischen Theologie. Malte Dominik Krüger bereitet derzeit eine Neuedition und Kommentierung zweier Schlüsseltexte Bultmanns vor: des Vortrags Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden? (1925) und des berühmten Entmythologisierungsvortrags Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung (1941). Beide erscheinen 2026/27 gemeinsam unter dem Titel Sinn und Mythos.
Darüber hinaus ist ein umfangreicher internationaler Kommentarband zu Bultmanns Theologie des Neuen Testaments in Vorbereitung – herausgegeben von Malte Dominik Krüger und Martin Bauspieß in Verbindung mit Christof Landmesser und Ulrich Körtner. Er soll den bleibenden Rang dieses Standardwerks für ein internationales Publikum neu erschließen.
Im weiteren Umkreis der Hermeneutischen Theologie hat Krüger – unter anderem gemeinsam mit Hans-Peter Großhans – ein Jüngel-Lesebuch (2025) sowie Beiträge zu Eberhard Jüngels hermeneutischer Theologie herausgegeben.
Hinweis: Das Institut ist eng mit der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie e. V. verbunden, mit der es – gemeinsam mit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck – den Rudolf-Bultmann-Preis für Hermeneutik vergibt. Die Gesellschaft, deren Vorsitzender Malte Dominik Krüger ist, richtet darüber hinaus jährlich eigene Jahrestagungen aus. Nähere Informationen unter www.bultmann-gesellschaft.net.