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Dynamische Erfassung des Wortlernens über die Lebensspanne in verschiedenen Populationen 

Foto: Benjamin Hein

Sandra Grom (M.A.)

Kontakt

Philipps-Universität Marburg
AG Klinische Linguistik
Pilgrimstein 16
35032 Marburg
Raum: +1/0200
Tel.: +49 6421 28-22602
E-Mail:

Betreuung

Prof. Dr. Christina Kauschke (Philipps-Universität Marburg)
Dr. Anna Rosenkranz (Philipps-Universität Marburg)

Projektbeschreibung und Hintergrund

Ziel des vorliegenden Projekts ist die Erstellung eines alltagsnahen, multimodalen, dynamischen Verfahrens zur Erfassung interindividueller Unterschiede im Wortlernverhalten und -potenzial von Kindern und Erwachsenen mit und ohne sprachliche Auffälligkeiten. Das Verfahren soll unterschiedliche Ebenen des Worterwerbs gezielt und differenziert abbilden. Durch die Kombination etablierter und neu entwickelter Aufgabentypen und Hilfestellungen soll ein umfassendes Profil individueller Lernstärken und -schwächen gewonnen werden. 

Wortlernen ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Spracherwerb und über die gesamte Lebensspanne hinweg. Insbesondere für Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung und Personen mit Aphasie stellt Wortlernen eine besondere Herausforderung dar. Gängige statische psychometrische Untersuchungsverfahren ermöglichen eine zuverlässige Identifikation von Defiziten auf der lexikalisch-semantischen Ebene. Sie geben allerdings keine Auskunft darüber, wie Personen neue Wörter lernen:

Welche individuellen Wortlernmechanismen liegen zugrunde? Inwiefern beeinflussen sie den Lernerfolg oder die Therapieresponsivität?

Ein besseres Verständnis dieser Prozesse könnte für die individuelle Therapieplanung und -gestaltung genutzt werden und zur Vorhersage der Therapieresponsivität beitragen.

Methode

Dynamische diagnostische Ansätze (Dynamic Assessment, DA) beziehen die Interaktion mit der Lernumwelt in die Diagnostik ein und ermöglichen so die Erfassung des individuellen Lernpotenzials (Ehlert, 2021). Bislang wurden dynamische Ansätze im klinisch-linguistischen Kontext überwiegend bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern mit dem Ziel der Differenzierung zwischen Sprachentwicklungsstörungen und Zwischenstadien des Erwerbs der Umgebungssprache erprobt. Bisherige Arbeiten fokussieren meist einzelne Teilbereiche des Wortlernens. Häufig steht der Aufbau von Wortformrepräsentationen im Vordergrund (z.B. Kapantzoglou et al. 2012; Hasson et al., 2013; Maragkaki & Hessels, 2017; Skoruppa, 2019; MacLeod & Glaspey, 2022), während semantische und kontextuelle Aspekte des Wortlernens seltener erfasst werden (Matrat et al., 2023; Patterson et al., 2013). Zudem untersuchen nur wenige Studien das Wortlernen in einem alltagsnahen, multimodalen Kontext wie etwa in einer Geschichte (Burton & Watkins, 2006; Matrat et al., 2023). Im Erwachsenenbereich dienen dynamische Methoden bislang vor allem dazu, Betroffene aktiv in den diagnostischen Prozess einzubeziehen, gemeinsame Therapieziele abzuleiten und die therapeutische Beziehung zu reflektieren.

In diesem Projekt wird ein dynamisches Wortlernexperiment im dynamischen Teach-Test-Format durchgeführt. Acht Pseudowörter (vier Pseudonomen, vier Pseudoverben) werden in einem zehnminütigen animierten Lernvideo eingeführt. Danach folgen Aufgaben zum rezeptiven und produktiven Wortlernen, ergänzt durch systematisch abgestufte Hilfen (graduated prompting). Auf diese Weise werden verschiedene Aspekte des Wortlernprozesses erfasst: Die Identifikation neuer Wortformen aus dem Input, der Aufbau und Abruf von Repräsentationen neuer Wortformen und -bedeutungen sowie das Mapping von Wortform, Wortbedeutung und visueller Referenz. 

Zielgruppe: Untersucht werden Kinder ab vier Jahren (typisch entwickelt und mit Sprachentwicklungsstörung), Erwachsene sowie Personen mit erworbener Sprachstörung (z. B. Aphasie).

Literatur

      Burton, V., & Watkins, R. (2007). Measuring word learning: Dynamic versus static assessment of kindergarten vocabulary. Journal of Communication Disorders, 40, 335–356. 
      Ehlert, H. (2021). Dynamic Assessment: Prozess und Potential in der Diagnostik von Sprachentwicklungsstörungen. In U. M. Lüdtke (Hrsg.), Diversität in Kommunikation und Sprache. Springer.
      Hasson, N., Camilleri, B., Jones, C., Smith, J., & Dodd, B. (2013). Discriminating disorder from difference using dynamic assessment with bilingual children. Child Language Teaching and Therapy, 29(1), 57–75. 
      Kapantzoglou, M., Restrepo, M. A., & Thompson, M. (2012). Dynamic assessment of word learning skills: Identifying language impairment in bilingual children. Language, Speech, and Hearing Services in Schools, 43, 81–96. 
      MacLeod, A. A. N., & Glaspey, A. M. (2022). Dynamic assessment of multilingual children’s word learning. International Journal of Language & Communication Disorders, 57, 822–851. 
      Maragkaki, I., & Hessels, M. G. P. (2017). A pilot study of dynamic assessment of vocabulary in German for bilingual preschoolers in Switzerland. Journal of Studies in Education, 7(1). 
      Matrat, M., Delage, H., & Kehoe, M. (2023). A new dynamic word learning task to diagnose language disorder in French-speaking monolingual and bilingual children. Frontiers in Rehabilitation Sciences. 
      Patterson, J. L., Rodriguez, B. L., & Dale, P. D. (2013). Response to dynamic language tasks among typically developing Latino preschool children with bilingual experience. American Journal of Speech-Language Pathology, 22, 103–112. 
      Skoruppa, K. (2019). Novel noun and verb learning in mono- and multilingual children. Travaux neuchâtelois de linguistique, 71, 109–123.