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Imaginationen des Ungeborenen. Literarische und kulturelle Konzepte pränataler Prägung von der Frühen Neuzeit zur Moderne

Forschungsprojekt, gefördert vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst
 

Leitung: Prof. Dr. Burkhard Dohm, Dr. Urte Helduser
Mitarbeit: Martina Flubacher
 

Das Projekt widmet sich kulturellen Konzepten pränataler Prägung von der Renaissance bis in die Gegenwart. Im Zentrum steht die Literatur- und Wissensgeschichte des sogenannten „Versehens“ im Kontext der Entfaltung diverser Imaginationstheorien seit Ficino und Paracelsus. Hierbei handelt es sich um einen von der Antike bis in das 20. Jahrhundert diskutierten Vorstellungskomplex, wonach mit Affekten verbundene äußere Eindrücke auf die mütterliche Einbildungskraft sich in die körperliche Gestalt des ungeborenen Kindes einprägen. Die in Begriffen wie „Wolfsrachen“ oder „Hasenscharte“ noch erkennbare Vorstellung vom „Versehen“ gehört seit der Antike bis in das 18. Jahrhundert zum gültigen Wissen über die Entstehung von Fehlbildungen oder ‚Muttermalen‘ und wurde in der Medizin bis ins frühe 20. Jahrhundert diskutiert. Zwar gilt die Auffassung von einer gestaltbildenden mütterlichen Einbildungskraft spätestens seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts endgültig als widerlegt. Allerdings lassen sich – so die These – Verbindungslinien bis in aktuelle Diskussionen um psychosomatische Wechselwirkungen in der Schwangerschaft verfolgen.

Gerade im Zuge ihrer wissenschaftlichen Infragestellung entfaltet die Auffassung vom „Versehen“ in kulturellen Diskursen der Moderne eine besondere Faszinationskraft: Als literarisches Motiv begegnet das „Versehen“ vermehrt um 1800 (z. B. bei Goethe, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann) und in der Moderne um 1900 (Ibsen, Zola, Schnitzler). Zitiert wird das Motiv bis in Romane und Filme der Gegenwart: So etwa in David Lynchs Elephant Man (USA 1980) oder in Rebecca Millers Roman und gleichnamigem Film The Private Lives of Pippa Lee (USA 2008). Mit dem Motiv pränataler Prägung verbinden sich Konstruktionen von Vaterschaft und Mutterschaft, Vorstellungen der ‚Bildung‘ des Ungeborenen und der physischen und psychischen Gestaltbarkeit von Nachkommenschaft bis hin zum Phantasma ‚männlicher (geistiger) Schwangerschaften‘ und künstlicher Reproduktion. Das Projekt verfolgt vor allem die historischen Umbrüche und Verschiebungen im Diskurs über pränatale Prägungen. Ein spezieller Fokus liegt dabei auf dem Verhältnis von literarischem und naturwissenschaftlich-medizinischem Wissen.

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