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Monumentalfigur (Abguss) einer sitzenden Gottheit

Foto: Georg Dörr Signatur: Bm 005

Der Diplomat und Amateurarchäologe Max Freiherr von Oppenheim (1860-1946) ließ zu Beginn des 20ten Jahrhunderts am Tell Halaf (arab.: Tell = Hügel), auf der heutigen syrisch-türkischen Grenze, umfangreiche Grabungen durchführen. Dabei wurde unter anderem diese Statue freigelegt, deren Abguss heute Besuchende am Eingang der Religionskundlichen Sammlung im Erdgeschoss begrüßt.

Der bereits bestehende, jedoch verlassene Siedlungshügel Tell Halaf wurde im späten zweiten Jahrtausend v.chr. Zr. von aramäischen Stammesverbänden wiederbesiedelt. Es gründete sich ein aramäisches Fürstentum, dessen Hauptstadt Gūzāna am Tell Halaf entstand, wo schließlich die monumentalen Reliefs und Bildwerke geschaffen wurden, zu denen auch diese sitzende Figur gehört.

Die Originalfigur aus Basalt verschloss und überragte mit ihrem Gewicht von ca. 4 Tonnen und fast 2 Metern Höhe einen Grabschacht, in welchem sich Spuren einer Leichenverbrennung sowie verschiedene Grabbeigaben fanden. Die Sitzende lässt sich daher im Kontext der Totenpflege und des Ahnenkults vermuten, in welchem Figuren wie diese möglicherweise eine Art „Mittler-Rolle“zwischen Lebenden und Toten einnehmen konnten. Da in altorientalischen Vorstellungen kein Paradies nach dem Tod zu erwarten war, nahm die Totenpflege durch die Verbliebenen einen besonderen Stellenwert ein. Der breite, blockhafte Schoß der Sitzenden könnte ein Ort zur Darbringung von Opfergaben für die Verstorbenen gewesen sein, auch das Gefäß in ihrer rechten Hand hat dabei möglicherweise eine praktische Funktion eingenommen. Weitere Figuren, die in der unmittelbaren Umgebung der Sitzenden gefunden wurden, legen nahe, dass es sich um eine königliche Grabstätte handelte.

Foto: Georg Dörr Signatur: Bm 005

Oppenheim, der besonderen Gefallen an der Figur gefunden hatte nannte sie "große thronende Göttin" bzw. liebevoll „meine Göttin“. Obwohl an der Figur keine geschlechtsspezifischen Körpermerkmale zu sehen sind, liegt es tatsächlich nahe, dass es sich um eine weibliche Figur handelt. Darauf weist die Haartracht hin, die sich in ähnlicher Weise auch bei anderen weiblichen Figuren am Tell Halaf fand. Oppenheims Vermutung, es handle sich bei der Basaltfigur um eine Göttin, ist zwar nicht abwegig, kann allerdings nicht mit Sicherheit festgestellt werden, weshalb für die ursprünglich „thronende Göttin“ nun der ergebnisoffenere Titel „Große Sitzende“ gewählt wurde.


Die Funde Oppenheims wurden 1930 in das von ihm für seine Ausgrabungen gegründete Tell Halaf-Museum in Berlin gebracht. Bei einem Fliegerangriff im November 1943 wurden jedoch die meisten Stücke des Museums zerstört, darunter auch das Original der "Großen Sitzenden". Alle Gipsabgüsse und Formen verbrannten. Der Abguss, der 1932 in die Marburger Religionskundliche Sammlung kam, ist somit das einzige gut erhaltene Exemplar, das den Erhaltungszustand von 1913 zeigt, da die Statue bereits in Syrien nach Abreise des Grabungsteams von Unbekannten beschädigt wurde. Am Original wurden die Zöpfe, Nase und der Rand der Opferschale stark in Mitleidenschaft gezogen.

Der Marburger Abguss von 1913 wurde 2008 für die Restauration der in kleinste Bruchstücke zersprengten Originalstatue des Vorderasiatischen Museums Berlin herangezogen. Dort formte der Steinrestaurator Teilstücke des Abgusses ab. Die mithilfe des Marburger Abgusses wiederhergestellte Figur, sowie die anderen restaurierten Funde Tell Halafs sollen ab dem Jahr 2025 in einem eigenes dafür vorgesehenen Ausstellungsbereich des Pergamonmuseums ausgestellt werden. Der entsprechende Gebäudeteil befindet sich aktuell noch im Wiederaufbau.

Exponatinformationen

Signatur: Bm 005
Bezeichnung: Monumentalfigur
Material: Gipsabgruss
Maße: H. 180 cm, B. 82 cm, T. 95 cm 
Ort: Tell Halaf, Syrien
Literatur: Cholidis, Nadja und Martin, Lutz: Der Tell Halaf und sein Ausgräber Max Freiherr von Oppenheim. Mainz: Verl. Philipp v. Zabern. 2002.Teichmann, Gabriele und Vögler, Gisela (Hrsg.): Faszination Orient. Max von Oppenheim, Forscher, Sammler, Diplomat. Köln: DuMont. 2003. (bes. S. 204ff).

Tell Halaf und sein Entdecker

Max von Oppenheim wurde am 15. Juni 1860 als Sohn einer einflussreichen Privatbankiersfamilie in Köln geboren. Als Knabe las er mit Begeisterung die Märchen von 1001 Nacht und alsbald war es sein sehnlichster Wunsch, Forschungsreisender im Orient zu werden. Doch auf Wunsch seines Vaters studierte er Jura und verfolgte zunächst eine entsprechende Laufbahn. Oppenheims Orientbegeisterung ließ sich jedoch nicht unterdrücken. Ab 1884 konnte er mehrere Reisen in den Vorderen Orient und Nordafrika durchführen, und schließlich trat Oppenheim, Dutzfreund Kaiser Wilhelms II., in den Dienst des Auswärtigen Amtes (1896). Als Generalkonsul in Kairo war es ihm möglich ein "Doppelleben" in der europäischen und arabischen Welt zu führen. Im Rahmen der Streckenplanung der Bagdad-Bahn brachte ihn seine Reise von Damaskus über Homs, Aleppo und Urfa zum Khabur-Fluß. Dort entdeckte Oppenheim 1899 die hethitische Residenz Tell Halaf. Die älteste bekannte Buntkeramik aus dem 5. und 4. Jahrtausend v.Chr. trat hier zutage.
Oppenheim wurde mit diesem Fund eine Berühmtheit unter den Amateurarchäologen. 1910 quittierte er den diplomatischen Dienst und widmete sich völlig der Archäologie. 1910-1913 leitete er die dortigen Ausgrabungen, und setzte diese nach dem Krieg 1927 und 1929 fort. Nachdem Oppenheim in Berlin ausgebombt worden war und auch die Vernichtung Dresdens miterlebt hatte, starb er 1946 fast mittellos in Landshut. Die ethnographisch-archäologischen Forschungen Max von Oppenheims sind beachtlich und z.T. bis heute von wissenschaftlichem Wert. Der Nachlass von Oppenheim befindet sich im Orientalischen Seminar der Universität Köln sowie im dortigen Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde und dem Archäologischen Museum der Kölner Universität. 1950 wurde die Oppenheim-Stiftung ins Leben gerufen, die u.a. Grabungen auf dem Tell Chuera in Nordsyrien finanziert.