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Ausstellungsbereiche: Hinduismus

Im Erdgeschoss der Religionskundlichen Sammlung sind zwei Räume der Verehrung nachgebildet – Objektkonstellationen, die tatsächlich in Gebrauch waren, bestehend aus Figuren, die rituell belebt bzw. mit göttlicher Präsenz „gefüllt“ worden sind und, statt wie üblich wieder „entlebt“ und bestattet zu werden, nun in der Religionskundlichen Sammlung in einem eigentümlichen Zwischenzustand zwischen göttlicher Präsenz und Absenz bestehen (vgl. Luchesi 2011).

Aus Bengalen stammt eine Fünferreihe (pañcāyana) aus Gottheiten, in deren Zentrum die Göttin Durgā steht. Sie ist das Hauptobjekt ihrer Verehrung, der Durgāpujā, für die diese Konstellation aus Gottheiten auch angefertigt ist. Sie ist gerahmt von zwei weiteren, kleiner dargestellten, Göttinnen, Lakṣmī und Sarasvatī, und – am Rand und noch kleiner – ihren Söhnen Skanda und Gaṇeśa. Die männlichen Götter Śiva, Viṣṇu und Brahmā sind hier nur indirekt, in Form ihrer Ehefrauen, vertreten.

Durga
Foto: Gerrit Lange

Diese Figuren wurden 1985 in Kolkata von der Kunsthandwerkerfamile Pal angefertigt, nach Deutschland gebracht und von der bengalischen Hindu-Gemeinde in Frankfurt zum zehntägigen Navaratrī-Fest verwendet. Statt anschließend, wie üblich, im Fluss bestattet zu werden (in Kolkata in der Gaṅgā, in Frankfurt im Main), wurde sie drei Jahre lang verwendet und anschließend, 1990, der Religionskundlichen Sammlung übergeben. Ihr Geber ist Dr. Amal Mazumdar von der Rhein-Main Bengali Cultural Association e. V..

Solche Figuren werden in Kurmatuli, dem „Töpfer-Viertel“ von Kolkata, in den Wochen vor dem Fest hergestellt, vor allem aus Ton, Holz, oder wie hier, aus dem Mark der Shola-Pflanze. Um die dargestellten Gottheiten anwesend zu machen, sind rituelle Handlungen vonnöten: ihre Augen werden „geöffnet“ und ihr „Atem“ wird eingerichtet. Dies betrifft die meisten öffentlichen und viele private „Kultbilder“ (murti), zu deren ritueller Belebung es in der Regel Priester aus einer Brahmanen Kaste bedarf.

Eine Ausnahme dazu ist der Kontext, aus dem das andere Objektarrangement im Erdgeschoss stammt: der Dorfgott Aiyaṉār, Sohn der Götter Viṣṇu (in weiblicher Form) und Śiva, mit seinen Gemahlinnen Puṭkalai und Pūraṇai, zahlreichen Reittieren und göttlichen Begleiter*innen. Ihr Ausstellungsbereich erweitert sich hinter den Figuren virtuell in eine gemalte Dorfkulisse hinein. Dies soll darstellen, dass die Figuren im Freien stehen und als Wächter eines südindischen, tamilischen Dorfes fungieren.

Ayanar Lp 440
Foto: Gerrit Lange Signatur: Lp 440

Die hier ausgestellten Tonfiguren werden von Mitgliedern der Vēḷār-Töpferkaste hergestellt, die nicht brahmanisch ist, aber dennoch die Priester der dargestellten Gottheiten stellt. Dies wird mythologisch damit begründet, dass darunter auch Götter sind, die sich nicht vegetarisch ernähren und nach Tieropfern verlangen, die nicht von sich vegetarisch ernährenden Brahmanen Priestern vollzogen werden können. Dem Mythos zufolge schuf der Gott Brahmā einen Menschen aus Ton namens Kulāla, der für Aiyaṉār wie ein Brahmane und deshalb rituell rein sein sollte, trotzdem aber auch für die Götter sorgen konnte, die sich nicht vegetarisch ernähren.

Auch diesen südindischen Götterstatuen werden die Augen geöffnet, indem ihnen der Priester mit schwarzer Farbe die Augen aufmalt und sie schließlich mit rotgefärbtem Limettensaft oder einem Tropfen Blut aus der Kralle eines jungen Hahns berührt. Damit ist der Gott in der Statue anwesend. Die Statue darf nun eigentlich nicht mehr bewegt werden und wird, sobald sie Witterungsspuren erkennen lässt, entweiht, zerstört und ersetzt. Für diese Figuren, hergestellt von der Töpfer- und Priesterfamilie K. Muthusamy aus Madurai in Tamilnadu (Indien) und erworben von Ulrike Niklas, wurde ein anderer Weg gefunden.

Die tönernen Pferde und Elefanten sind Votivgaben, von Familien gespendet aus Dank oder als Bitte, etwa um Heilung von einer Krankheit. Sie werden als Opfer dargebracht, damit Aiyaṉār auf ihnen seine nächtlichen Wachrunden um das Dorf reiten kann.

Eine weitere Hinduismus-Abteilung befindet sich im zweiten Stock der Religionskundlichen Sammlung. Hier ausgestellt sind vor allem Objekte, die Rudolf Otto Anfang der 30er Jahre in Indien und Friedrich Heiler in den 1950er Jahren in Indonesien erworben hat. Anders als im Erdgeschoss werden hier keine Objektarrangements aus der Verehrung nachgebildet, sondern Einzelobjekte systematisch angeordnet, um einzelnen Gottheiten – vor allem Kālī, Viṣṇu und Śiva – ihre mythologischen Attribute, Familienangehörigen, avatāras, Reittiere (vāhanas) und weitere Symbole zuzuordnen. Auch hier geht es um ihre Verkörperung auf Erden – etwa im nachgebildeten Fußabdruck des Viṣṇu oder seiner Form als Ammonit (śalagrāma), oder in Verkörperungen des Śiva als liṅga oder als Kette aus Rudrākṣa-Samen. Bei Führungen durch die Ausstellung werden häufig Mythen erzählt, die Gottheiten vorgestellt und, anhand von Meditationsketten oder anhand von Schlangen -Wesen (Nāgas), die Brücke zur buddhistischen Mythologie und Praxis geschlagen.

Eine prominente Figur ist Śiva als „Herr des Tanzes“, Naṭarāja, der im Rahmen der Ausstellung Living With Gods von 2017-18 Leihgabe im British Museum war. In einem Video spricht die Kuratorin Jill Cook über diesen Besucher aus Marburg.

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    Kraatz, Martin (1997): Von der Lebendigkeit der Gegenstände. In: Mahlke, Reiner u.a. (Hg.): Living Faith – Lebendige religiöse Wirklichkeit. Festschrift für Hans-Jürgen Greschat. Frankfurt: Peter Lang, S. 163-181.

    Luchesi, Brigitte (2011): Für Dauerausstellungen eigentlich nicht gedacht. Temporäre Kultbilder aus dem ländlichen Nordindien. In: Deters, Dorothea u.a. (Hg.): Musik, Ethnologie-Museum. Jahrbuch XVII des Übersee-Museums Bremen, S. 201-210.

    Griese, Laura (2017): Abgestempelt oder ausgezeichnet? Tilaka-Stempel der Hindu-Traditionen. In: Franke, Edith (Hg.): Objekte erzählen Religionsgeschichte(n). Marburg: Veröffentlichungen der Religionskundlichen Sammlung, pp. 74-89.

    Lange, Gerrit (2017): Rās Līlā, ein Spiel der Leidenschaften. Mythologische Überlieferungen zu einem indischen Tempelvorhang mit vielen Krishnas. In: Franke, Edith (Hg.): Objekte erzählen Religionsgeschichte(n). Marburg: Veröffentlichungen der Religionskundlichen Sammlung, pp. 74-89.