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Geschichte der autistischen Störungen

Kanner1943 beschrieb Leo Kanner, ein aus Österreich in die USA ausgewanderter Kinderarzt, 11 Kinder mit ausgeprägten Defiziten im sozialen und kommunikativen Bereich, mit restriktiven und repetitiven Verhaltensweisen (Kanner, 1943). In seinem Artikel "Autistische Störungen des affektiven Kontaks" (1943) schildert Kanner den Mangel an dem Bedürfnis nach Kontakt zu anderen Menschen, die Unfähigkeit Beziehungen aufzunehmen, stereotype motorische Bewegungen (Manierismen) und Widerstände gegen Veränderungen und das Beharren auf Gleichförmigkeit bei diesen Kindern. Auch in der Kommunikation und Sprache nannte er Auffälligkeiten, wie beispielsweise die pronominale Umkehr und Echolalie.

Zwar enthielt diese Arbeit eine prägnante phänomenologische Beschreibung des frühkindlichen Autismus, aber Leo Kanner ging auch von einigen Fehlannahmen aus. So nahm er beispielsweise an, dass die von ihm beschriebenen Kinder nicht geistig behindert seien und deren schlechtes Abschneiden in Leistungstests durch eine fehlende Motivation zu erklären sei. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Kinder überwiegend ein Funktionsniveau im Bereich der geistigen Behinderung aufwiesen. Zunächst ging Kanner davon aus, dass der von ihm beschriebene Autismus angeboren sei, was er aber später revidierte. Er vertrat nun die Ansicht, dass insbesondere eine emotional kalte Mutter die Störung begründen würde ("Kühlschrank-Mütter"). Diese Auffassung erwies sich jedoch als unhaltbar, und auch Kanner selbst revidierte seine Auffassung nochmals zugunsten einer genetischen Verursachung.


AspergerHans Asperger, der Erstbeschreiber des nach ihm benannten Syndroms, wurde 1906 bei Wien geboren. Er studierte in Wien Medizin und arbeitete lange Jahre zunächst als Assistenzarzt, später dann als Direktor der Universitäts-Kinderklinik in Wien und hatte den Lehrstuhl für Pädiatrie inne. Sein besonderes Interesse galt der Heilpädagogik. 1944 - also noch während des 2. Weltkrieges - veröffentlichte er im Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten einen Artikel, in dem er eine ausführliche Darstellung von vier Jungen aufzeigte (Asperger, 1944). Er fasste deren Symptomatik, die er zuvor nirgendwo beschrieben fand, unter dem Begriff "autistische Psychopathie" zusammen. Da der Begriff "Psychopath" einen deutlich negativen Beigeschmack hat und mit dissozialem Verhalten assoziiert ist, ist heute der Begriff "Asperger-Syndrom" geläufig.

Zum damaligen Zeitpunkt kannte Asperger die Schriften von Leo Kanner nicht. Erst später - 1979 - setzte er sich mit der Arbeit von Kanner und dem frühkindlichen Autismus auseinander (Asperger, 1979). Asperger betonte in diesem Artikel die Gemeinsamkeiten der beiden Störungen, aber auch die Unterschiede und war der Ansicht, dass es sich um zwei verschiedene Störungsbilder handeln musste.

Aspergers Werk geriet lange in Vergessenheit, denn im Gegensatz zu Leo Kanner hatte Asperger seinen Artikel in deutscher Sprache verfasst und durch den Krieg und die Situation nach dem Krieg war dies nicht gerade eine gute Ausgangsposition für eine weltweite Beachtung.

1981 griff Lorna Wing die Arbeit von Asperger auf (Wing, 1981) und untersuchte selbst 35 Kinder hinsichtlich der Diagnose Asperger-Syndrom. Dies war der Start zu einer ausführlicheren Beschäftigung mit dieser Störung. Erst 1993 bzw. 1994 wurde diese Störung in den gängigen Diagnosesystemen ICD-10 und DSM-IV aufgenommen (Remschmidt, 2000). Sie wird neben einigen anderen Störungen zu den "tiefgreifenden Entwicklungsstörungen" gezählt.

Zuletzt aktualisiert: 11.07.2013 · goye

 
 
 
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