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Das Asperger-Syndrom

Beispiel:

Kai ist das einzige Kind seiner Eltern. Die statomotorische Entwicklung sei mäßig verzögert gewesen: freies Laufen mit 15 Monaten, Dreiradfahren erst mit 4 Jahren, erste Ballspiele mit ca. 6 Jahren. Kai habe wenig Kraft und Geschicklichkeit, sei unkoordiniert gelaufen. Auch feinmotorisch sei er eher ungeschickt. Die Sprachentwicklung habe relativ früh eingesetzt. Mit 2 Jahren erfolgte der Besuch in der Kinderkrippe, hier habe Kai keinen Spielkontakt zu anderen Kindern aufgenommen, mit 3 Jahren sei ein Versuch ihn in den Kindergarten einzugliedern abgebrochen worden. Die Sauberkeitsentwicklung sei erst mit 6 Jahren tagsüber und mit 13 Jahren nachts gelungen. In der vorgestellten Frühförderung sei er als eher "skurriles" Kind eingestuft worden, eine Diagnose sei nicht gestellt worden. Der Kinderarzt beschreibt ihn bei der U8 als motorisch ungeschickt und ängstlich. In den Zeugnissen der ersten beiden Jahre wird Kai als ruhiger und verträumter Schüler beschrieben, der meist passiv dem Unterrichtsgeschehen folge. Sein Verhalten wird als Eigenbrötlerei beschrieben. Kontakt suche er wenig. Nach der Grundschule kommt es nun zu massiven Problemen: Kai zeige kein Interesse an den schulischen Aufgaben, widme sich stattdessen intensiv seinen Spezialinteressen. Es kommt zu massiven Problemen im Kontakt mit anderen Kindern: Kai wird gehänselt, aufgrund seiner "Naivität" eigne er sich hierzu besonders, er nehme die Dinge sehr konkret und persönlich. Kai zeige multiple Ängste vor Dunkelheit, U-Bahnen und Aufzügen. Auch zu Hause benutze er nur noch eine bestimmte Dusche. Die Körperhygiene ist schwierig.

In der Untersuchungssituation erscheint Kai als ein freundlicher Jugendlicher, der bereitwillig Auskunft über sich gibt. Er zeigt eine im oberen Durchschnittsbereich liegende kognitive Leistungsfähigkeit, wobei seine verbalen Leistungen (Verbal-IQ) deutlich besser ausgeprägt sind als seine handlungsorientierten Leistungen (Handlungs-IQ). Die Diskrepanz beträgt über 30 IQ-Punkte. Kai redet gerne und ausführlich, wobei seine Schilderungen oft nicht verständlich sind, seine Sprache ist pedantisch und seine Gedankengänge oft nicht nachvollziehbar. Bei jeder Gelegenheit - egal ob es zur Situation passt oder nicht - fängt Kai an, von seinen Sonderinteressen zu erzählen. Hier redet er ohne Punkt und Komma, beachtet die Reaktionen seines Gegenübers nicht. In gut strukturierten Situationen, in denen er eine klare Aufgabenstellung hat, verhält er sich relativ unauffällig, in weniger klaren Situationen hingegen wirkt er bizarr, verschroben und "flüchtet" sich in seine Sonderinteressen.

Diese Störung wird in der Regel später diagnostiziert als der frühkindliche Autismus, was vielleicht auf die fehlende Sprachentwicklungsverzögerung und die nicht vorhandene kognitive Beeinträchtigung der Kinder zurückzuführen ist. Jungen sind bei dieser Störung im Vergleich zu Mädchen noch häufiger betroffen als beim frühkindlichen Autismus. Die Geschlechterrelation von Jungen zu Mädchen beträgt bis zu 8 zu 1. Beim Asperger-Syndrom fehlt die für den frühkindlichen Autismus charakteristische Sprachentwicklungsverzögerung. Die Sprachentwicklung erfolgt frühzeitig, die Kinder gewinnen eine wandlungsfähige Sprache mit großem Wortschatz. Sie reden jedoch, wann sie wollen und ohne Anpassung an den Zuhörer und führen häufig Selbstgespräche. Andere Sprachauffälligkeiten wie Echolalie und Pronomenumkehr sind typisch für den frühkindlichen Autismus und kommen beim Asperger-Syndrom selten vor. (Eine ausführliche Darstellung des Asperger-Syndroms findet sich in Remschmidt und Kamp-Becker, 2006)

Die Intelligenz ist beim Asperger-Syndrom in der Regel höher ausgeprägt als beim frühkindlichen Autismus. Trotzdem sind auch Kinder/ Jugendliche mit Asperger-Syndrom oft schlechte Schüler, da auch sie eine ausgeprägte Aufmerksamkeitsstörung haben, die dadurch entsteht, dass sie nicht von außen, sondern von innen abgelenkt werden: sie sind mit sich selbst beschäftigt. Die Störung wird um das 3. Lebensjahr diagnostizierbar und damit später als beim frühkindlichen Autismus (hier liegt die Möglichkeit zur Diagnose deutlich vor dem 3. Lebensjahr). Kinder mit Asperger-Syndrom werden meist dann auffällig, wenn besondere Anforderungen an ihre soziale Eingliederungsfähigkeit gestellt werden, also mit dem Besuch des Kindergartens oder spätestens dem der Schule. Häufig haben sie übermäßig intensive, eng umgrenzte und praxisferne Sonderinteressen. Manchmal besteht auf bestimmten Wissensgebieten ein lexikalisches Wissen, es dominiert jedoch die reine Wissensspeicherung und es unterbleibt meist die Einordnung des Wissens in größere Zusammenhänge.

Fehlen einer Verzögerung der Sprachentwicklung und der kognitiven Entwicklung
Die Diagnose nach ICD-10/DSM-IV verlangt, dass einzelne Wörter im zweiten Lebensjahr oder früher gesprochen werden, erste Sätze im dritten Lebensjahr oder früher. Es darf somit keine Sprachentwicklungsverzögerung vorliegen! Die Intelligenz sollte mindestens im Normbereich liegen oder auch darüber.
Ferner sollte die frühkindliche Entwicklung bis zum dritten Lebensjahr unauffällig verlaufen sein, insbesondere sollten Selbsthilfefertigkeiten, das adaptive Verhalten und die Neugier an der Umwelt einer normalen intellektuellen Entwicklung entsprechen. Allerdings können die Meilensteine der motorischen Entwicklung etwas verspätet auftreten und eine motorische Ungeschicklichkeit ist ein häufiges - aber kein notwendiges - diagnostisches Merkmal.

Qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
Dieses Kriterium entspricht dem für den frühkindlichen Autismus. Darunter versteht man, dass die betreffenden Kinder und Jugendlichen sowohl in ihrem nicht-verbalen Verhalten (Gesten, Mimik, Gebärden, Blickkontakt) auffällig sind als auch durch ihre Unfähigkeit, zwanglose Beziehungen zu Gleichaltrigen oder Älteren herzustellen. Sie können auch nicht emotional mitreagieren und somit an der Freude oder an Ärger und Wut anderer Menschen teilhaben.

Ungewöhnliche und sehr ausgeprägte umschriebene Interessen
Auch dieses Merkmal entspricht dem Kriterium für Autismus, beim Asperger-Syndrom sind aber motorische Manierismen, ein besonderes Beschäftigtsein mit Teilobjekten oder mit nicht-funktionalen Elementen von Spielmaterial eher selten. Die Interessen sind häufig auf bestimmte Themen fokussiert und ungewöhnlich. Diese Sonderinteressen lassen diese Kinder häufig so faszinierend und eigentümlich erscheinen. Oft zeigen sie ein wie besessenes Interesse an Bereichen wie Mathematik, Technik, wissenschaftlichen Teilbereichen, Lesen (einige Kinder haben eine Vorgeschichte mit Hyperlexie) oder Teilbereichen von Geschichte oder Geographie. Die Sonderinteressen treten meist vor oder während des Schulalters auf. Die Kinder wollen alles über diese Themen wissen und tendieren dazu, das Gespräch darauf zu lenken oder sie bei Gesprächen oder beim Spielen beizubehalten. Häufig versuchen diese Kinder oder Jugendlichen auch, über diese Sonderinteressen Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, indem sie beispielsweise wildfremde Menschen auf diese Themen ansprechen. Manchmal sind die Sonderinteressen auch einfach Übertreibungen verbreiteter Interessen, wie z.B. Pokemon, Dinosaurier oder Computer.
Ein Spezialinteresse zeichnet sich aus durch:

  • Seine Intensität. Zwar ist das Spezialinteresse inhaltlich nicht absonderlich, aber die Intensität mit der sich das Kinder oder der Jugendliche damit beschäftigt, erscheint deutlich überdurchschnittlich.
  • Die umschriebene Art. Zwar können diese Menschen einen hohen Grad an Expertentum in Bezug auf ihr Interesse entwickeln, dieses bleibt aber auf ein umschriebenes Gebiet begrenzt und eng fixiert, es entwickelt sich nicht zu einem breiteren Wissenszusammenhang.
  • Seine nicht-soziale Qualität, d.h., dass dieses Interesse nicht mit anderen geteilt wird zum Zweck einer gemeinsamen Aktivität, sondern lediglich in Sinne eines Nebeneinanders.
  • Die relative Stagnation über einen längeren Zeitraum. Dann kann das Interesse auf ein neues Thema übergehen. Manchmal kann so ein Spezialinteresse aber auch die Ausgangsbasis für eine berufliche Orientierung sein.

Zuletzt aktualisiert: 17.02.2009 · goye

 
 
 
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