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Transdisziplinäre Netzwerke des Medienwissens

Lehr- und Forschungsfilm als Schnittstelle von Kunst, visueller Anthropologie und Filmwissenschaft in den USA der 1950er bis 1970er Jahre

Filme über Kunst, ethnographische Filme und Expanded Cinema werden in der Forschung gewöhnlich getrennt behandelt. Ihre akademische Rezeption orientiert sich an den unterschiedlichen Problemstellungen und Methoden von Fächern wie der Kunstgeschichte, der Visuellen Anthropologie und der Film- und Medienwissenschaft. Das Forschungsprojekt zielt demgegenüber darauf ab, diese drei Felder als Teil eines gemeinsamen medien- und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhangs zu erschließen. Es geht von der Beobachtung aus, dass insbesondere in den USA der 1950er bis in die 1970er Jahre Filme über Kunst, ethnographischer Film und Expanded Cinema in gemeinsame pädagogische, wissenschaftliche und künstlerische Netzwerke eingebunden waren. Innerhalb einer ausgeprägten Dynamik von technologischem und ästhetischem Wandel, Erziehungspolitik und Wissenschaft wurden diese Netzwerke bedeutsam für die Transformation von Medienkulturen, Epistemologien, aber auch die Formierung akademischer Disziplinen wie der Filmwissenschaft oder der visuellen Anthropologie. Sie bildeten wichtige, aber bislang weitgehend unbeachtete Schnittstellen zwischen Film als Forschungs- und Lehrinstrument, künstlerischen Entwicklungen, politischen Diskursen und emergenten wissenschaftlichen Konzeptionen in einem Spannungsfeld von Ästhetik, visueller Kommunikation und Kognitionsforschung. Das Projekt zielt, konzentriert auf ausgewählte historische Kontexte, darauf ab, die politischen, ökonomischen und kulturellen Aspekte der Transformationen von Wissen, Wahrnehmung und Medien an diesen Schnittstellen zu erschließen. Damit wird zugleich eine systematische Befragung der medien- und wissenschaftsgeschichtlichen Bedingungen aktueller Diskurse zur Archäologie der Netzwerkgesellschaft, algorithmischer Kultur und Medienepistemologie angestrebt

Im Zentrum des Projektes stehen drei miteinander verknüpfte Aspekte: 

- partizipative Ansätze in der Filmpädagogik und der visuellen Anthropologie
- Medienapparate der filmischen Mikroanalyse von Interaktionsverhalten
- und medienökologische Implikationen von “Acoustic Space”.

Diese drei Schwerpunkte eröffnen einander ergänzende medien- und wissenschaftsgeschichtliche Perspektiven. Der Fokus auf Medienpartizipation erschließt die Einbindung von Filmtheorie und visueller Anthropologie in filmpädagogische Arbeit und soziologische Kommunikationsforschung im Kontext von Konflikten um die Sozialpolitik des “War on Poverty”, politischer Filmpraxis der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und Medienaktivismus. Im Schwerpunkt zu Mikroanalyse geht es darum, wie praxistheoretische Konzepte und filmanalytische Verfahren der Kommunikations-Interaktionsforschung in Epistemologien und Ästhetiken des Filmischen eingreifen. Der dritte Schwerpunkt zeichnet die Aneignung des zunächst im Kontext ethnographischer Forschung geprägten medienökologischen Konzepts des Acoustic Space in Kontexten von Experimentalfilm, Expanded Arts und Filmpädagogik nach. 

Zusammengenommen eröffnen die drei Aspekte eine Perspektive auf Netzwerke des Lehr- und Forschungsfilms in den USA der 1950er bis 1970er Jahre, die sichtbar werden lässt, wie Forschung und Theoriebildung zu Medien, Kommunikation und Kognition in soziale Praxen und politische Prozesse ebenso wie technologische und ästhetische Entwicklungen eingebunden war. Damit liefert das Projekt einen Beitrag zu aktuellen kunst-, film- und medienwissenschaftlichen Fragen nach Epistemologien des Filmischen, ästhetischem Wissen und Medienarchäologien. Zugleich erschließt es die lange unterschätzte Bedeutung von “nontheatrical modes” für die institutionelle wie konzeptuelle Ausdifferenzierung von Film- und Medienwissenschaft wie visueller Anthropologie.