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Konservierung / Restaurierung

Von Zerstörung bedroht: wertvolle Negative auf Nitrozellulosebasis

Nitrozellulosenegativen
© Bildarchiv Foto Marburg
Nitrozellulosenegativen
© Bildarchiv Foto Marburg

Bei einer Routinekontrolle des Negativarchivs im Jahr 2006 fiel ein Bestand von rund 160 historisch wertvollen Nitrozellulosenegativen aus der Zeit 1930-1941 in konservatorisch schlechtem Zustand auf. Die großformatigen Aufnahmen (13 x 18 cm) zeigen vor allem Kunst und Architektur in Norddeutschland mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein. Von besonderem, dokumentarischem Wert sind dabei jene Fotos, die verschollene oder gar zerstörte Werke abbilden wie etwa das barocke Wohnhaus in der Königstraße Nr. 44 zu Lübeck mit seinem imposanten Barockportal (Aufn.-Nr. 142.923). Für die Forschung interessant sind zudem solche Aufnahmen, die später veränderte Ausstattungszusammenhänge beispielsweise in Kirchen zeigen oder damalige Erhaltungszustände von Einzelobjekten wie Altären oder Kanzeln dokumentieren.

 95 Negative waren so stark zerstört, dass die ursprüngliche Bildinformation kaum oder gar nicht mehr vorhanden war. 67 Negative wiesen geringe Schädigungen auf, so dass Duplikate erstellt und damit die Bildinformationen gesichert werden konnten.

Nitrozellulose-Filme erfordern einen kontrollierten Umgang

Nitrozellulose Negative
© Bildarchiv Foto Marburg

Seit Anfang der 1970er Jahre kontrolliert, dokumentiert und restauriert Foto Marburg systematisch seine Negativbestände. In diesen befinden sich – wie in allen großen Fotosammlungen mit Negativbeständen – neben Glasnegativen und solchen aus Acetat oder Polyester als Schichtträger auch Nitrozellulosenegative. Kinofilme aus Nitrozellulose befinden sich nicht in der Sammlung des DDK.

Nitrozellulosenegative wurden in einem Zeitraum von etwa 1890 bis 1960 hergestellt und verwendet. Dieses Material unterliegt einer langsamen chemischen Selbstzersetzung, welche früher oder später einen kritischen Punkt erreicht, ab dem der zuvor nur schwach wahrnehmbare Zerfall beschleunigt abläuft. Nitrozellulosenegative, die sich nach 50, 70 oder 80 Jahren günstiger Lagerung augenscheinlich immer noch in einem guten Zustand befinden, können sich innerhalb von weiteren 10 bis 20 Jahren völlig zersetzen. Bei diesem Prozess werden nitrose Gase freigesetzt, welche sich auch auf benachbartes Filmmaterial schädigend auswirken können. In hoher Konzentration stellen sie zudem eine Gesundheitsgefahr dar. Das Einatmen der Gase ist zu vermeiden. Beim Handling fotografischer Filme sollten grundsätzlich Schutzhandschuhen getragen werden.

Welches Ausmaß eine solche Zersetzung annehmen kann, zeigt das Bildbeispiel: Nitrose Gase hatten durch eine Archivschachtel hindurch den Regalboden angegriffen, benachbarte Negative sind stark in Mitleidenschaft gezogen worden.

Besonders kritische Filmtypen

Eastman Kodak 45
© Bildarchiv Foto Marburg

Von den unterschiedlichen Nitrozellulosenegativen, die in der Sammlung des DDK lagern, befindet sich ein Großteil glücklicherweise in einem guten Zustand. Es konnte jedoch beobachtet werden, dass sich ganz bestimmte Filmtypen dieses Materials seit der ersten Kontrolle im Jahr 1996 und einer erneuten umfassenden Kontrolle 2006 stark verändert bzw. teilweise komplett zerstört hatte. Es handelt sich um Schwarz-Weiß-Negativfilme im Format 13 x 18 cm mit dem einbelichteten Schriftzug „Eastman Kodak 45“ und markanter Dreiecks-Kerbung am oberen Bildrand. Gleiches gilt auch für die Seriennummern 31, 44, 64 und 122. Ebenfalls stark zersetzt waren Planfilme mit dem einbelichteten Schriftzug „14 Kodak“, welche eine dreifache Dreiecks-Kerbung besitzen. Diese Filme scheinen bereits bei der Produktion mit einer Disposition versehen worden zu sein, die einen Zerfall begünstigt. Andere Filme, d.h. das Gros der Nitrozellulosefilme, erweisen sich bei korrekter Lagerung hingegen als überaus stabil.

Maßnahmen zum langfristigen Erhalt

Eine derart drastische Zerstörung liegt nicht allein im Filmmaterial begründet, sondern eine falsche Lagerung kann zum Zerfall beitragen: Die 2006 geschädigt oder zerstört vorgefundenen Negative befanden sich in geschweißten Hüllen aus Polyethylen. Das Material selbst setzt keine Schadstoffe frei, verhindert aber durch seine Dichte den Luftaustausch. Sind die Negativboxen zusätzlich dicht gepackt, ‚schmoren‘ die Nitrozellulosenegative ‚im eigenen Saft‘ und die Zersetzung beschleunigt sich. Empfohlen wird daher eine lockere, in keinem Fall gepresste Aufbewahrung in säurefreien Hüllen und Archivschachteln mit hohem Anteil an Alpha-Zellulose (siehe dazu Jessica R. B. Gruneir 2007).

Um fotografische Bestände möglichst lang zu erhalten, sind eine sachgerechte Lagerung und eine regelmäßige Kontrolle von großer Bedeutung. Voraussetzung hierfür ist zunächst die Identifikation der Bestände (siehe dazu Antonia Teweleit et al. 2017). Eine kühle, klimatisierte Lagerung kann den Zersetzungsprozess von Nitrozellulose- (und Acetat-)negativen erheblich verlangsamen. Die DIN 15551-3 (Strahlungsempfindliche Filme - Zellhornfilm) empfiehlt für die langfristige Lagerung von Schwarz-Weiß-Filmen aus Nitrozellulose höchstens 7° C bei 20-50% relativer Luftfeuchte. Die ISO 18934:2011 bewertet die Lagerung von Nitrozellulose-Negativen bei einer Lagerung von 4° C bei 30-50% rel. Luftfeuchtigkeit mit ‚gut‘; eine Lagerung bei unter 0° C bei 30-50% rel. Luftfeuchtigkeit mit ‚sehr gut‘ (siehe dazu Marjen Schmidt 2014). Eine regelmäßige, beispielsweise jährliche Kontrolle der Bestände ermöglicht ein frühzeitiges Erkennen von schadhaften Veränderungen am Bestand und damit auch die rechtzeitige Sicherung der Bildinformationen – sei es durch die Fertigung von Duplikatnegativen oder mittels Digitalisierung – im Falle einer einsetzenden Zersetzung. Erst bei deutlich fortgeschrittener Zersetzung ist eine Kassation unumgänglich.

Sachgerecht und klimatisiert gelagerten Nitrozellulosematerialien wird eine Lebensdauer von mehreren 100 Jahren zugesprochen (siehe dazu Dirk Alt 2015). Selbst das Bundesarchiv ist im Dezember 2016 davon abgerückt, Nitrozellulosefilme (Kinofilme) vorschnell zu kassieren (vgl. dazu das Interview von Dirk Alt mit Michael Hollmann, 2016). Das DDK sichtet und kontrolliert seine Negativbestände regelmäßig, um Bildinhalte rechtzeitig sichern zu können.

Literatur:

  • Dirk Alt: „Zeitenwende im Bundesfilmarchiv: Interview mit Dr. Michael Hollmann“, in: kinematheken.info, 2016, online einsehbar unter http://kinematheken.info/zeitenwende-im-bundesfilmarchiv-interview-mit-dr-michael-hollmann/.
  • Dirk Alt: „Kassieren und blamieren. Filmerbe Skandal im Land der Dichter und Denker: Das Bundesarchiv vernichtet historisches Filmmaterial laufend und in großem Stil“, in: der Freitag, No. 31 (2015), online einsehbar unter https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kassieren-und-blamieren.
  • Jessica Rachel Bakst Gruneir: Urban Decay. A Case Study of the Negatives in the Toronto Telegram Fonds. Clara Thomas Archives and Special Collections, York University, Masterarbeit, Ryerson University 2007, S. 42.
  • Marjen Schmidt: „Fotografien handhaben und archivieren“, in: Gut aufgehoben. Museumsdepots planen und betreiben, hrsg. v. Wolfgang Stäbler und Alexander Wießmann, Berlin und München: Deutscher Kunstverlag 2014, S. 233-240.
  • Antonia Teweleit, Jens Danneberg, Elke Leinenweber, Klaus Nippert und Dirk Lichtblau: „Auf den Träger kommt es an: Zerstörungsfreie Identifikation von Negativen aus Cellulosenitrat, Celluloseacetat und Polyester“, in: Rundbrief Fotografie, Vol. 24 (2017), No. 1, N.F. 93, S. 22–30.
  • Antonia Teweleit: Methoden zur Zustandsbeurteilung fotografischer Filme aus Celluloseestern (Cellulosenitrat und Celluloseacetat). Vergleich von Theorie und Praxis, Masterarbeit, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart, 2016.
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