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Forschungsprojekt „KRisE der GeschlechterVERhältnisSE? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potenzial“ (REVERSE)

Angesichts des Wandels der Geschlechterverhältnisse formiert sich in Deutschland ein breites Spektrum gegen staatliche Gleichstellungspolitiken, Genderforschung und die weitere Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse. Der Diskurs über den sogenannten ‚Gender-Wahn’ wird zum Teil sehr polemisch geführt. Dies trägt nicht zur sachlichen Auseinandersetzung über Geschlechterpolitik und geschlechtliche bzw. sexuelle Identität bei und bedroht die Akzeptanz von Pluralität als normativen Grundpfeiler einer demokratischen Ordnung.

Das Forschungsvorhaben REVERSE will die anti-feministische Diskursproduktion, ebenso wie deren Akteurs- und Adressat_innen-Gruppen untersuchen. Dabei liegt ein Fokus auf der (De-)Thematisierung sozialer Fragen. Zugleich werden Anrufungen von (Handlungs- und Meinungs-)Freiheit sowie deren Verknüpfung zum subjektiven Erleben rekonstruiert. Fünf Fallstudien erlauben die vertiefende Betrachtung unterschiedlicher Diskursfelder, deren Querverbindungen ebenfalls in den Blick gebracht werden sollen. Das ermöglicht eine genauere Analyse des Phänomens Anti-Feminismus:

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Fallstudie 1, Ethnisierung von Sexismus: Figurationen des Anti-Feminismus nach Köln.Fallstudie 1, Ethnisierung von Sexismus: Figurationen des Anti-Feminismus nach Köln.

    Die Fallstudie behandelt das Phänomen des Anti-Feminismus an der Schnittstelle zur sog. Flüchtlingskrise. Sie fokussiert die Debatte zu Geschlecht und Sexualität seit den sexualisierten Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16, in der Geschlechterungleichheit und Sexismus vorrangig als Probleme „kulturell Anderer“ gefasst und in einen Gegensatz zu Selbstbeschreibungen der verwirklichten Geschlechtergleichheit und sexuellen Freiheit gebracht werden. Die Aufmerksamkeit liegt auf der tiefen gesellschaftlichen Spaltung, die hier entlang nationaler, ethnischer und kultureller Grenzen entsteht und deren neuralgische Punkte Geschlechter- und Sexualitätsvorstellungen sind. Es werden Figurationen konservativer und antifeministischer Positionen erschlossen, die sich auf der einen Seite auf geschlechterpolitische Errungenschaften berufen, um sich auf der anderen Seite in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit von ‚kulturell Anderen‘ abzugrenzen.

    Leitung: Dr. Barbara Grubner, Denise Bergold-Caldwell

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Fallstudie 2, Wissenschaft: Anti-‚genderistische‘ Argumentationen in akademischen KontextenFallstudie 2, Wissenschaft: Anti-‚genderistische‘ Argumentationen in akademischen Kontexten

    Die Fallstudie analysiert die im akademischen Diskurs an Gender Studies, Gender Mainstreaming und der Infragestellung heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit geäußerte Kritik. Antifeministische Argumentationen im Wissenschaftsbereich wurden bislang noch nicht untersucht, obwohl sie zur Erforschung gesellschaftsspaltender Potenziale höchst relevant sind, da die wissenschaftliche Diskursebene in Alltagsdiskursen im Sinne einer „Superstruktur“ als Letztbegründungsinstanz mit hoher Autorität fungieren. Anti-feministische Argumentationen werden nicht nur durch Evolutionsbiolog*innen oder Neurowissenschaftler*innen vorgebracht, sondern auch von Soziolog*innen oder Vertreter*innen anderer Fachrichtungen. Gender Studies werden dabei als Ideologie oder quasi-religiöse Strömung diffamiert und den Forscher*innen Wissenschaftlichkeit und somit die Zugehörigkeit zur Scientific Community abgesprochen. Gleichzeitig finden Gegenmobilisierungen statt, z.B. durch die Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und Netzwerke zur Unterstützung angegriffener Personen.

    Leitung: Dr. Marion Näser-Lather (marion.naeser@staff.uni-marburg.de)

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Fallstudie 3, Sexualpädagogik: Der Kampf um sexuelle Bildung als KrisensymptomFallstudie 3, Sexualpädagogik: Der Kampf um sexuelle Bildung als Krisensymptom

    Organisierte Angriffe auf wissenschaftlich fundierte professionelle Konzepte für „sexuelle Bildung“ und für eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ stellen eine zentrale Arena anti-pluraler, anti-emanzipatorischer und anti-feministischer Artikulationen dar. Dies zeigte sich nicht nur bei den Protesten gegen den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg. Die Fallstudie fokussiert den Streit um Sexualpädagogik, weil die hier zum Einsatz kommenden Argumentations- und Mobilisierungsstrategien die „Krise der Geschlechterverhältnisse“ verschränkt mit dem Generationenverhältnis ansprechen. Besondere Brisanz erhält die Auseinandersetzung um sexuelle Bildung durch eine verstärkte öffentliche Thematisierung sexualisierter Gewalt in pädagogischen Institutionen. Die Fallstudie untersucht deshalb auch, auf welche Weise in Angriffen auf sexuelle Bildung, z.B. über die Rede von „Frühsexualisierung“, Verknüpfungen zur Debatte um sexualisierte Gewalt in pädagogischen Institutionen vorgenommen werden, und inwiefern dies die Argumentations- und Handlungspotenziale der ‚Gegen’-Seite einschränkt.

    Leitung: Prof. Dr. Susanne Maurer

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Fallstudie 4, Mutterschaft und GeschlechterverhältnisseFallstudie 4, Mutterschaft und Geschlechterverhältnisse

    Die Fallstudie untersucht antifeministische Argumentationsfiguren im Spannungsfeld des beruflich-mütterlichen Vereinbarkeitsdiskurses und der Psychologisierung der Mutter-Kind-Beziehung. Parallel zur gesellschaftlichen Anerkennung weiblicher und mütterlicher Berufstätigkeit etabliert sich eine „naturalistische Offensive“ im aktuellen Mutterschaftsdiskurs und damit ein Wiedererstarken biologistischer Argumentationen in Form einer Zuschreibung ‚natürlich‘ bedingter mütterlicher Verantwortung. Lücken zwischen dem offiziellen politischen Diskurs der Gleichstellung bzgl. Eltern- und Familienarbeit und Krisenerfahrungen der mütterlichen/ elterlichen Vereinbarkeitsmöglichkeiten werden ideologisch mit der Wiederherstellung traditioneller Geschlechter- und Familienstrukturen gerechtfertigt. Die Fallstudie fragt, ob im mütterlichen Naturalisierungsdiskurs eine Angst vor pluralen Sexualitäts- und Lebensformen verborgen ist und mit Bezug auf die Verwobenheit familialer Beziehungsformen mit ökonomischen Strukturen bestehende Schieflagen im Wandel der Geschlechterverhältnisse verschleiert werden.

    Leitung: Dr. Helga Krüger-Kirn

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Fallstudie 5, Fallstudie zur 'Ehe für alle'Fallstudie 5, Fallstudie zur 'Ehe für alle'

    Der Bundestagsbeschluss im Juni 2017 hat die Institution Ehe für gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen geöffnet. Vorausgegangen sind langjährige politische Konflikte. Die sogenannte ‚Ehe für alle‘ war unter anderem deshalb umstritten, weil dabei sowohl Heteronormativität als auch die traditionelle Familie auf dem Prüfstand stehen – und zugleich andere Formen des Zusammenlebens und Teilgruppen der LGBTI*-Community vom Institut der Ehe und den daran geknüpften Rechten ausgeschlossen bleiben. Die Fallstudie untersucht den geschlechterpolitischen Liberalisierungsdiskurs und dessen Gegendiskurs anhand der parlamentarischen und medialen Debatten um die ‚Ehe für alle’. In Anlehnung an das Untersuchungskonzept der Historisch-Materialistischen Politikfeldanalyse wird die ‚Ehe für alle’ als politisches Projekt verstanden, dessen Protagonist*innen und Gegner*innen um Hegemonie im gesellschaftlichen Diskurs ringen. Gefragt wird nach zentralen Akteur*innen dieser Diskurse, ihren Argumentationen, Adressat*innen, Ein- und Ausschlussstrategien und nach ihrer Dynamik.

    Leitung: Prof. Dr. Annette Henninger, Prof. Dr. Ursula Birsl

  • Inhalt ausklappen Inhalt einklappen Hintergrund und ZielsetzungHintergrund und Zielsetzung

    Hintergrund

    Angesichts einer als krisenhaft wahrgenommenen Modernisierung der Geschlechterverhältnisse formiert sich aktuell in Deutschland gegen den sog. „Gender-Wahn“ (Wahlplakat der AfD 2013) ein breites Spektrum, das sich gegen staatliche Gleichstellungspolitiken, Genderforschung und die gesellschaftspolitische Liberalisierung der Geschlechterverhältnisse (Bsp.: Homosexualität) richtet. Zwar adressieren die entsprechenden Diskurse durchaus brisante Fragen in Bezug auf die gesellschaftliche Neuverhandlung der Geschlechterverhältnisse. Zugleich bedrohen sie jedoch den gesellschaftlichen

    Zusammenhalt, indem Fragen von Geschlechterpolitik und geschlechtlicher bzw. sexueller Identität als neue politische Spaltungslinie verstärkt ideologisch aufgeladen und bisherige Errungenschaften von Gleichstellungspolitik in Frage gestellt werden. Nicht zuletzt sehen sich Einzelpersonen und Institutionen, wie z.B. Geschlechterforscher*innen, Frauen-/Gleichstellungsbeauftragte oder politische Aktivist*innen, zunehmend mit anti-feministischen Angriffen und Drohungen konfrontiert. Diese Phänomene und Diskurse gefährden die Geschlechtergerechtigkeit und die Akzeptanz von Pluralität als normative Grundpfeiler einer demokratischen Ordnung.

    Ziel

    Das Gesamtziel des Forschungsvorhabens ist die differenzierte und detaillierte Analyse des Anti-‚Genderismus’-Diskurses anhand exemplarischer Fallstudien und die Entwicklung von Empfehlungen für den produktiven zivilgesellschaftlichen Umgang mit verschiedenen Dimensionen der von diesem Diskurs ausgehenden desintegrierenden Spaltungslinien. Fünf Fallstudien in den Praxisfeldern parlamentarische Geschlechterpolitik, Wissenschaft, Sexuelle Bildung, Elternberatung und Integrationsarbeit analysieren anti-‚genderistische’ Argumentationen in Debatten zur ‚Ehe für alle’, in der Wissenschaft, über sexuelle Bildung, über Mutterschaft sowie die diskursive Ethnisierung der Geschlechterverhältnisse nach den Ereignissen an Silvester 2016 in Köln.

    Zunächst werden in den Fallstudien Träger*innenschichten, Einstellungen, diskursive Strategien, Mobilisierungs- und Radikalisierungspotenziale anti-feministischer Debatten mit Fokus auf die Wechselwirkungen von Überzeugungen mit dem Erleben und der Diskursivierung gesellschaftlicher Umbrüche untersucht. Sodann werden Gegendiskurse erschlossen und mit analogen Fragen analysiert. Argumentationsfiguren, zivilgesellschaftliche Praktiken und Maßnahmen werden identifiziert, die solidarisches Zusammenleben und community building stärken können. Ziel ist es, gemeinsam mit den Praxispartner*innen Maßnahmen der politischen Bildung, Wege der Aufklärung sowie Strategien für individuelle und kollektive Akteur*innen zu entwickeln, präventiv oder interventionistisch anti-emanzipatorischen Diskursen entgegenzuwirken und eine demokratische Auseinandersetzung um divergierende Positionen zur Konstitution der Geschlechterverhältnisse, zu  Geschlechterrollen,zur Heteronormativität sowie Intersektionalität zu fördern.

    Die Projektergebnisse sollen durch die Publikation eines Sammelbandes in wissenschaftliche und praxisbezogene Diskurse eingebunden werden.

Email: reverse[at]staff.uni-marburg.de
Projektleitung: Prof. Dr. Annette Henninger

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