19.10.2020 Open Access Week 2020

Dr. Diana Müller von der Universitätsbibliothek im Interview mit wissenschaftlichen AutorInnen der Philipps-Universität

Foto: Susanne Saker

Open Access – das heißt freier Onlinezugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschungsergebnissen für alle und ohne Bezahlschranken. Mit der internationalen Open Access Week wird weltweit auf den freien Zugang zu Wissen aufmerksam gemacht. In diesem Jahr steht die Aktionswoche für uns vor allem unter dem Eindruck der Pandemie. Wie wichtig ein schneller und unbeschränkter Zugriff auf Forschungspublikationen ist, hat der Lock-down deutlich werden lassen. Die Pandemie hat nun vielen Bereichen einen tüchtigen Digitalisierungsschub versetzt.

Werden wir einen Open-Access-Schub erleben?                

Denken Sie, dass die Erfahrung der vergangenen Monate auch ein verändertes Publikationsverhalten und einen Open-Access-Schub mit sich bringen wird?

Prof. Dr. Nathanael Busch, Germanistik:

Das ist zu hoffen. Sicherlich war der Nutzen von frei zugänglichen Materialien in den letzten Monaten evident. Doch die Printpublikation von Monographien bleibt mit guten Gründen zentral für die Geisteswissenschaften. Es wird die Herausforderung der nächsten Jahre sein, die verschiedenen Möglichkeiten bewusster zu gestalten. Wenn keine Bücher mehr gekauft werden oder Open Access zum Freifahrtschein einer unkontrollierten Publikationsflut wird, ist niemandem gedient.

Dr. Robert Wallauer, Physik:

Ich denke nicht, dass die Pandemie einen Open-Access-Schub in der Physik bewirken wird. Viele wichtige Journale sind Closed Access und für unsere Publikationen spielt die Qualität des Journals eine übergeordnete Rolle. Open Access oder Closed Access kann für die Wahl, wo ein Artikel erscheinen soll in meinem Fach daher nicht entscheidend sein. Wenn wir Zugriff auf Closed-Access-Artikel vom Home Office aus brauchen, dann nutzen wir den VPN-Client des Hochschulrechenzentrums. Damit haben wir über den Uni-Server auch von zu Hause Zugriff auf die Zeitschriften.

Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, Zentrum für Konfliktforschung:

Die eingeschränkte Mobilität durch die Pandemie hat nochmals verdeutlicht, wie wichtig uneingeschränkter Zugang zu Literatur ist. Vielen WissenschafterInnen ist bewusst geworden, dass auch sie durch die Wahl von Open Access Formaten die Möglichkeit – wenn nicht sogar die Verantwortung – haben, ihre Forschung allen zugänglich zu machen.

Ausbau der Angebote für das Open-Access-Publizieren

Die Universitätsbibliothek als Infrastruktureinrichtung der Philipps-Universität hat die Angebote für das Open-Access-Publizieren stark ausgebaut. Neben dem Publikationsserver als technischer Plattform für die kostenfreie Veröffentlichung von Dissertationen, Büchern und Aufsätzen — übrigens auch als Zweitveröffentlichung — gibt es inzwischen außerdem die Onlineplattform »data_UMR« für die Publikation von Forschungsdaten, die in wissenschaftlichen Projekten entstehen. Wir bieten eine technische Basis für die Herausgabe von Open Access-Journals in Form des »Open Journal Systems« und wir wickeln die Finanzierung von Artikeln in kommerziellen Open Access Journals über einen von der DFG geförderten Publikationsfonds ab. Wie nehmen Sie die Angebote wahr und wo wünschen Sie sich noch mehr Innovation?

Prof. Dr. Nathanael Busch, Germanistik:

Warum sollte man sich noch mehr Innovation wünschen! Die Universitätsbibliothek geht mit der Zeit. Sie ist zur Ansprechpartnerin in neuen Lebenslagen geworden und hat dabei ihre Kernaufgaben nicht vergessen. Umfassende Aufgabe bleibt es, die unzähligen Angebote qualitativ zu bewerten. Die inzwischen zahlreichen Repositorien sind kaum noch zu überblicken, geschweige denn ihr Inhalt. Es bringt das schönste OA-Angebot nichts, wenn ich es nicht finde.

Dr. Robert Wallauer, Physik:

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich noch überhaupt keinen Kontakt mit den genannten Angeboten. Das mag daran liegen, dass wir einen eigenen Publikationsfond in dem Sonderforschungsbereich haben, in dem ich arbeite. Und wenn wir unsere Forschungsergebnisse publizieren, geht es auch hauptsächlich um Zeitschriftenartikel. Ein Tool, das wir im Zusammenhang mit Publikationen ansonsten nutzen, ist der von der Cornell University Library betriebene arXiv.org-Server für Preprints. Das ist international eine absolut wichtige Open-Access-Plattform, nicht nur für die Physik.

Prof. Dr. Susanne Buckley-Zistel, Zentrum für Konfliktforschung:

Die technische Infrastruktur, die die UB  uns wissenschaftlichen AutorInnen und HerausgeberInnen da bietet, habe ich bisher für meine eigenen Publikationen noch nie genutzt. Ich profitiere aber enorm von den Online-Archiven für Zeitschriften und empfehle sie uneingeschränkt meinen Studierenden für ihre Seminararbeiten. Keine Universitätsbibliothek kann mit ihrem physischen Bestand ein so weites Spektrum abdecken. Diese wissenschaftlichen Zeitschriften nicht nur für Uni-Angehörige, sondern in Zukunft für alle Menschen und ohne Bezahlschranken online zugänglich zu machen, halte ich deshalb auch für einen ganz wesentlichen Punkt bei der aktuellen Open-Access-Transformation. Die Marburger UB ist mit ihrer OA-Strategie auf einem sehr guten Weg und mehr ist natürlich immer besser.   

Ich danke Ihnen allen sehr für dieses Interview.

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