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Geschichte des Archivs zur Kümmernis-Forschung (KA)

Das Archiv zur Kümmernis-Forschung an der Philipps-Universität Marburg wird getragen von der Universitätsbibliothek und von der Religionskundlichen Sammlung, deren Bestand an Darstellungen der Heiligen Kümmernis es seine Entstehung verdankt. Diese Bilder und Skulpturen gehörten zu einem Teilnachlass des an christlicher Volkskunst interessierten systematischen Theologen Karl Bornhausen (1882-1940). Als die Religionskundliche Sammlung 1981 vom Landgrafenschloß in die Alte Kanzlei umzog, konnten die bis dahin magazinierten Kümmernis-Darstellungen in einem der Ausstellungsräume des neuen Hauses Besuchern zugänglich gemacht werden. Sie erregten besondere Aufmerksamkeit, auch bei der damaligen Leiterin des Studienhauses der EKKW, Pfarrerin Sigrid Glockzin-Bever. Sie wies hin auf ein in den Kümmernis-Volto-Santo-Komplex hineingehörendes Wandbild in der Pfarrkirche St. Marien und schlug vor, dem Thema ein Symposion zu widmen. Der Vorschlag wurde ein erstes Mal im Sommer 2002 realisiert (publiziert 2003: Am Kreuz – eine Frau. Anfänge – Abhängigkeiten – Aktualisierungen), ein zweites Mal im Sommer 2009. In Gesprächen bei diesen Veranstaltungen wurde mehrfach der Gedanke aufgegriffen, Material zur Erforschung der mit der Heiligen Kümmernis, damit auch dem Volto Santo, verbundenen Fragestellungen hier in Marburg zu konzentrieren. Für viele Besucher der Sammlung aber war das Motiv neu, manchen war es zufällig schon einmal begegnet. Einige waren dem Motiv in privaten Forschungen allerdings schon länger nachgegangen, darunter auch Hans Nehring (1923-2009).

Hans Nehring kam 1992 zum ersten Mal in die Religionskundliche Sammlung, darauf aufmerksam geworden durch eine in den dritten Fernsehsendern gezeigte Dokumentation. Er hatte bereits viele Standorte von Darstellungen der Heiligen Kümmernis aufgesucht, sich auch mit dem Volto Santo in Lucca vertraut gemacht. Seinen schon zu dieser Zeit großen und gut dokumentierten Bestand an Diaspositiven und Literatur, darunter nur lokal greifbaren Heftchen und Einzelblättern, erweiterte er in den folgenden Jahren durch Reisen zu ihm bis dahin noch unbekannten Orten.

Wie schon länger besprochen, schlossen Hans und Gerda Nehring 1998 mit der damals durch Dr. Martin Kraatz vertretenen Religionskundlichen Sammlung eine schriftlich fixierte Vereinbarung, dass das gesamte von ihnen zusammengetragene Material zum Thema einmal der Religionskundlichen Sammlung übereignet werden solle. Seine wechselhafte Gesundheit veranlasste Hans Nehring, die Bilder und Texte schon zu seinen Lebzeiten mehrmals nach Marburg zu geben und sie zu weiterer eigener Bearbeitung wieder zu sich zu holen. Zuletzt lag alles bei ihm. Als er am 13. Februar 2009 gestorben war, wurde die Stiftungsvereinbarung realisiert. Frau Gerda Nehring übergab das gesamte Material zunächst an den früheren Leiter der Religionskundlichen Sammlung Dr. Martin Kraatz und den privaten Kümmernis-Forscher Manfred Bickel / Kronberg i.Ts. Der Philipps-Universität endgültig übereignet wurde es am 19. Mai 2010, der Universitätsbibliothek, vertreten durch Bibl.Dir. Renate Stegerhoff-Raab, M.A., der Religionskundlichen Sammlung, seinerzeit vertreten durch Dr. Katja Triplett. Gekennzeichnet mit dem Titel Sammlung Hans Nehring bildet es den Grundbestand des Archivs zur Kümmernis-Forschung.

Die Bedeutung dessen, was Hans Nehring zusammengetragen hat, liegt vor allem darin, dass er viele der von Gustav Schnürer und Joseph M. Ritz in der für das Thema grundlegenden Monographie „Sankt Kümmernis und Volto Santo", 1934 besprochenen Darstellungen in Farbaufnahmen dokumentiert und neu diskutiert, aber auch durch Neuentdeckungen die Fülle der schon Schnürer/ Ritz bekannten Bilder vergrößert hat. Für Kümmernis-Darstellungen im deutschen und im italienischen Raum ist der Nehringsche Bestand heute wohl der umfassendste, der Kümmernis-Forschern auch praktisch weiterhelfen kann, weil alle Orte kartographisch erschlossen sind.

Die vielfältigen mit der Heiligen Kümmernis – auch im Zusammenhang mit dem Volto Santo – sich stellenden Probleme sind mit dem von Hans Nehring zusammengetragenen und verarbeiteten Material nicht gelöst, doch es bietet in großem Umfang Informationen, Hinweise und Anregungen, die zu Lösungen  führen können. Kümmernis-Forscher sind eingeladen, dieses Angebot zu nutzen, dieses aber auch zu erweitern, indem sie zu ihnen genehmer Zeit ihre Sammlung alles dessen, was sie an Bildmaterial und Literatur zum Thema gesammelt und erarbeitet haben, zum Bestand des Archivs hinzugeben und sie so, wie Hans Nehring das getan hat, gegenwärtigen und zukünftigen Mitforschern zur Verfügung stellen.

Dr. Martin Kraatz

Marburg, den 14. Mai 2010