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Zombie des Monats 03/12 a
a) Zweifel, Installation am
    Palast der Republik Berlin,
    Lars O. Ramberg, 2005.

Zombie des Monats 03/12 b
b) Cate Blanchett als Queen
    Elizabeth I. (Regie: Shek-
    har Kapur), 2007.
     
Zombie des Monats 03/12 c
c) Zweifel, Webeintrag, 2012.

Zombie des Monats 03/12 d
d) Gegen Zweifel, Trink-
    Schokolade, Web-
    eintrag, 2012.  

 

Zombie des Monats - 03/2012

 

Zweifel, der: Modern soll er sein, nur zum Selbstzweck ist er erheiternd, bohren kann er und lähmen und jeden kann er befallen  – der Zweifel. Zumeist tritt er mit seiner Zwillingsschwester auf, der Ratlosigkeit. Auf die Frage: was ist der Fall? Und wie soll ich handeln? lässt er ausschließlich Antworten zu, die sofort von ihm selbst dementiert werden.

 

Diese permanente Selbstaufhebung quält, weil sie gerade vor dem Ich keinen Halt macht. Vieles funktioniert überhaupt allein deshalb, weil nicht gezweifelt wird. Das gilt für die Identität, den Geldwert und die Justiz, für Gottesverehrung und die Liebe. Schleicht sich in diese der heimtückische Nager ein, dann ist so gut wie alles verloren. Wo gezweifelt wird, da hat nicht nur die Liebe keine Chance ( b ).

 

Gerade der Hinweis auf die Liebe macht die katalytische Kraft des Zweifels deutlich. Gesellschaft kommt ohne Vertrauenskredit nicht aus, was durch das Scheitern ausgeklügeltster Kontrollsysteme immer wieder bestätigt wird ( a ). Gerade die Organisation des Misstrauens verweist auf die Notwendigkeit der Existenz selbstverständlicher Erwartungsbestätigung. Wer immer zweifelt, der verliert alle Lebenstüchtigkeit. Der kommt vor lauter Prüfung und Überprüfung und Überprüfung der Überprüfung zu nichts.

 

Freudige Zweifler sind deshalb selten, aber nicht nur darum sind für so manchen Zeitgenossen Zweifel unmoralische Verwerflichkeiten. Wo geglaubt werden muss, damit überhaupt etwas funktionieren kann, da wird der Zweifel zum Verbrechen. Seine Bekämpfung machen sich Inquisitoren aller ideologischen Sicherheiten zur Lebensaufgabe. Hysterisch wird der Zweifel gesucht, um ihn umso besser vor aller Augen endgültig ausrotten zu können.

 

Diese Gewalttätigkeit der Zweifelsbekämpfer hat ideengeschichtlich schon früh Apotheosen des Zweifels hervorgebracht, mit denen sich heute im Web etwa "atheisten.de " um den Zweifel bemühen und dabei in aller Glaubenssicherheit Gott für tot erklären. Eng rückt hier der Glauben an die Täuschung, den Priestertrug, und die Verteidiger des Zweifels beweisen in ihrem Plädoyer ihre Enttäuschungsresistenz. Der Zweifel wird so paradoxerweise zum Ausdruck überlegenen Wissens. Und schon wetzt er wieder seine Zähne.

 

Voltaire war da weiter. Die Unmöglichkeit von Gewissheit macht den Zweifel unabweisbar. Er mag zwar unmoralisch, bedrohlich und freudlos sein, aber der moderne Mensch entkommt ihm einfach nicht. Jenseits des Zweifels leben nur absurde Existenzen. Ein Blick auf monomanische Lebensreformer, die biodynamische Ernährung, Reiki, Esperanto oder den richtigen Orgasmus für die unbestreitbare Lösung aller Weltübel halten, zeigt das deutlich.

 

Der Zweifel ist der modernen Gesellschaft eingeschrieben ( c ). Seine Bekämpfung macht alles zu einem epistemologischen Projekt. Gerade auch die Politik. Weil permanent gezweifelt wird, wählen Demokratien immer wieder neu und lassen - aus guten Gründen, wenn auch ohne letzte Begründung - die Macht nur als Leerstelle zu. Dass das den Individuen viel abverlangt, zeigt sich im Hang zu Fanatismus und Fundamentalismus.

 

Wer der Zumutung des Zweifels nicht entkommen kann, der benötigt Trost. Wir empfehlen eine Tasse heißen Kakaos ( d ). Aber selbstverständlich kann auch dieser Rat bezweifelt werden.

 

Nur nicht verzweifeln!



Thomas Noetzel

 


 


Zuletzt aktualisiert: 06.03.2012 · probstj

 
 
 
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