Direkt zum Inhalt
 
 
emotio_portal ideen.jpg
 
  Startseite  
 

Zombie des Monats Mai/2011 a
a): Totenschädel als Symbol
     für Gift und Radioaktivität,
     Anti-AKW-Demonstration,
     Frühjahr 2011.

Zombie des Monats Mai/2011 b
b): Totentanz, Holzschnitt,
     14. Jahrhundert.
     
Zombie des Monats Mai/2011 c
c): Totentanz, Anti-AKW-
     Demonstration, Früh-
     jahr 2011.

Zombie des Monats Mai/2011 d
d): Demonstrant als Skelett,
     Anti-AKW-Demonstration,
     Frühjahr 2011.   

 

Zombie des Monats - 05/2011

 

Atomtod; der: Der Mensch ist sein Komplize, jederzeit könnte er eintreten, er kommt als Unfall oder als Angriff und es kommt überhaupt nichts mehr nach ihm – der Atomtod. Kernschmelze, Super-GAU oder Erstschlag sind die Synonyme, mit denen er sich in das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Dass es ein kollektives globales Unterbewusstsein gibt, belegen die niemals abklingenden Erinnerungen an noch heute nachwirkende Katastrophen und die Psychologie der atomaren Bedrohung.

 

Je weiter sich die zivile und militärische Nutzung der Kernspaltung technologisch verfeinerte, desto raffiniertere Formen nahm der Umgang mit dem Risiko des Atomtodes an. Wurde bei den ersten Raketentests in den Wüsten der USA oder der Sowjetunion naiv oder berechnend noch mit Menschen experimentiert, dienten die so genannten „Kernwaffen“ mit wachsendem Wissen um deren schreckliche Folgen bald vor allem einer Diplomatie der Abschreckung.

 

Nicht nur die Wissenschaften, auch die Künste nutzten gewollt oder ungewollt diesem politischen Spiel mit dem Schrecken. Dass Gegnerschaft immer auch die wechselseitige Stärkung der Kontrahenten bedeutet, führt das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg besonders beklemmend vor Augen. In der Reagan-Ära aufwendig produzierte Kino-Szenarien des nuklearen Infernos wie „The Day After“ (1983) waren kritisch intendiert, steigerten aber nicht zuletzt auch das strategisch und politisch bedeutsame Potential der Angst vor dem Atomtod.

 

Tschernobyl bewirkte 1986 das, was der Ikonologie des Atomkrieges erst einmal erspart geblieben ist. US-amerikanische und russische Filme wie „Stalker“ (1979) oder „Silkwood“ (1983) mussten sich am Ernstfall messen lassen. Dass die „echten“ Bilder der Katastrophe von Tschernobyl jedoch kaum Einfluss auf die Bildpolitik für oder gegen die atomare Gefahr genommen haben, beweisen die Plakate und Aktionen der jüngsten Demonstrationen für den Atomausstieg nach dem Unglück in Fukushima ( a , c , d ).

 

Vielleicht fehlt eine starke technische Ikonologie auch deshalb, weil die bildkünstlerische Auseinandersetzung mit Technikfolgen meist nur sporadisch und in Reaktion auf seltene Krisen aufflammt. Jedenfalls ist die technisch bedingte Drohung des Atomtodes so existentiell, dass man sich nur unter Rückgriff auf historische Bildzeugnisse kollektiver Grenzerfahrungen und Variationen mittelalterlicher Totentänze ( b ) davon entlasten zu können scheint.

 

Die spezifische Idee der Apokalypse als gemeinschaftlicher Selbstentleibung und des weder von Gott noch von der Natur, sondern vom Menschen selbst erzeugten Weltuntergangs können Totentänze oder andere theologisch konnotierte Bild- und Denkmuster aber nur unvollkommen einlösen.

 

Auch aus diesem Grund dürfte der Totentanz vorerst weitergehen.

 

Jörg Probst


Zuletzt aktualisiert: 01.09.2011 · Muelle6p

 
 
 
Fb. 03 - Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

Politikwissenschaft, Wilhelm-Röpke-Straße 6g, D-35032 Marburg
Tel. 06421-28-243 -82 / -89 (Sekretariat), Fax 06421/28-28991, E-Mail: noetzel@staff.uni-marburg.de

URL dieser Seite: http://www.uni-marburg.de/fb03/politikwissenschaft/pi-nip/texte/zombieneu/zombie052011

Impressum